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Das Russen-Märchen vom Dresdener Einzelfall

Von: Saleema Nur (nomailatall@invalid.invalid) [Profil]
Datum: 30.10.2009 17:55
Message-ID: <hcf5q8$1gdu$1@geiz-ist-geil.priv.at>
Newsgroup: de.soc.weltanschauung.islam
Nach dem Mord an Marwa gibt es immer noch kein Hinterfragen des
Meinungsklimas über Muslime in Deutschland - z.B. die Kriminalisierung des
Kopftuches oder des Moscheebaus - Generalverdacht und Muslimhass kommen
nicht aus heiterem Himmel

Als die Deutschkurdin Hatun Sürücü vor vier Jahren in Berlin von ihrem
Bruder ermordet wurde, löste die Tat eine Debatte über Zwangsehen und
Ehrenmorde unter türkischstämmigen Einwanderern aus. Der jüngere Bruder
hatte sie erschossen, weil er ihren Lebensstil als "zu deutsch" empfand.

Als die Ägypterin Marwa El Sherbini vor drei Monaten in Dresden von einem
russlanddeutschen Aussiedler in einem Gerichtssaal ermordet wurde, folgte
der schockierenden Tat in deutschen Medien erst einmal seltsames Schweigen.
Der arbeitslose Täter empfand mörderischen Hass auf die Apothekerin, weil er
sie mit ihrem Kopftuch als zu muslimisch empfand.

Die deutsche Öffentlichkeit nahm die Bluttat als Kuriosum wahr. Das war
leicht, denn sie geschah im Osten der Republik, der für viele Westdeutsche
noch immer eine Art inneres Ausland darstellt, überdies war der Täter selbst
ein Einwanderer. Erst als die Reaktionen aus dem Ausland nicht mehr zu
überhören waren, änderte sich diese Wahrnehmung. Doch da überwog in
vielen
Medien schon die diffuse Angst vor möglicher "muslimischer Rache" das
Entsetzen über den Mord.

Bloß kein Türke als Nachbar

Kaum jemand sah einen Zusammenhang zwischen dem Mord und dem Meinungsklima
gegenüber Muslimen hierzulande. Nur der Dresdner Meinungsforscher Wolfgang
Donsbach zog in der Sächsischen Zeitung eine Linie zu verbreiteten Haltungen
und den Erfahrungen seiner Studenten in der Stadt. Donsbach hatte im März
die Dresdner gefragt, welche Nachbarn ihnen besonders unangenehm wären, die
Nennungen reichten von Afrikanern (10 Prozent) bis zu Osteuropäern (18
Prozent) und Türken (25 Prozent). Von den ausländischen Studierenden der TU
Dresden, die er nach "negativen Erlebnissen" befragt hatte, sagte jeder
dritte, er sei schon einmal "wegen seiner Nationalität beschimpft worden"
oder "Schlimmeres" - bei Studenten aus dem Nahen und Mittleren Osten war es
sogar jeder zweite.
Marwa El Sherbinis Mörder Alex W. hatte sein Opfer vor der Tat als
"Islamistin" und "Terroristin" beschimpft. Mit seiner Sicht auf
Muslime und
Kopftücher steht er nicht allein, denn seit dem 11. September 2001 hat die
Abneigung gegen den Islam bundesweit zugenommen, wie der Soziologe Wilhelm
Heitmeyer in seiner Langzeitstudie "Deutsche Zustände" feststellte.

Auch populäre Publizisten wie Henryk Broder, Udo Ulfkotte, Necla Kelek und
Ralph Giordano weigern sich, bei Muslimen zwischen gewöhnlichen Gläubigen
und radikalen Fundamentalisten zu unterscheiden. Die Emma-Chefin Alice
Schwarzer nennt das Kopftuch sogar eine "Flagge der Islamisten", die sie
hierzulande aktiv bekämpft sehen möchte. Es brauchte jedenfalls nicht erst
einen Thilo Sarrazin, um über zu viele Kopftuchmädchen in Deutschland zu
schimpfen.


Kriminalisiertes Kopftuch

Die Politik hat sich diesem Diskurs längst gebeugt, die Kriminalisierung des
Kopftuchs als potenziell "verfassungswidriges Symbol" hat in mehreren
Bundesländern inzwischen Gesetzesrang. Wenn aber schon der Staat keine
Lehrerin mit Kopftuch einstellen mag, während er sich mit anderen religiösen
Symbolen weit weniger schwertut, warum soll das dann ein privater
Arbeitgeber tun? Das fragte sich kürzlich auch ein Architekturbüro in
Frankfurt und bezichtigte eine Bewerberin um eine freie Stelle in seiner
Absage einer islamistischen Gesinnung. Die alltägliche Ausgrenzung stellt
sich gewöhnlich subtiler dar. Doch Frauen mit Kopftuch finden auch bei
bester Qualifikation nur schwer einen Ausbildungsplatz, einen Job oder eine
Wohnung.

Der Generalverdacht gegen Muslime, sie stünden irgendwie alle mit
Terroristen im Bunde, kennt viele Formen. Das Großaufgebot an Polizisten
etwa, mit dem in Niedersachsen bei "verdachtsunabhängigen Kontrollen" seit
Jahren bestimmte Moscheen abgeriegelt und die Ausweise und Taschen aller
Besucher überprüft werden, ist kaum dazu angetan, das Misstrauen in der
Nachbaschaft zu zerstreuen. Niedersachsens Ministerpräsident kam vor vier
Jahren sogar auf die glorreiche Idee, eine Videoüberwachung von bestimmten
Moscheen in Deutschland zu fordern. Dabei treffen sich Al-Qaida-Verschwörer
eher selten an öffentlichen Orten, sondern lieber in Vereinsräumen und
Privatwohnungen.

Der Mord an Hatun Sürücü hat sie nach ihrem Tod zu einer Symbolfigur
für
familiäre Gewalt in türkisch-muslimischen Familien werden lassen. Die
Debatte über dieses Thema war notwendig und zwang türkische Medien und
Migrantenverbände, sich stärker als zuvor damit zu beschäftigen. Dass es
interessierte Grüppchen und "Islamkritiker" gibt, die das Thema für
ihre
Zwecke instrumentalisiert haben, musste man dabei in Kauf nehmen.

Der Mord an Marwa El Sherbini hat sie nach ihrem Tod zu einer Symbolfigur
für die Ausgrenzung von Muslimen hierzulande werden lassen - jedenfalls
unter Muslimen. Eine Debatte über dieses Thema wäre notwendig, auch wenn es
natürlich auch jetzt wieder interessierte Gruppen und Islamisten gibt, die
das Thema für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen.


Abwehrreflex, Selbstmitleid

Leider wird eine solche Debatte nicht geführt. Statt sich, wie es sich für
eine aufgeklärte Gesellschaft gehört, selbstkritisch zu fragen, welche
Umstände einen Mord aus Muslimenhass begünstigt haben könnten, dominieren
Abwehrreflexe, Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid.
Klar: Der Mord in Dresden war die erste Tat dieser Art, bei der das Motiv
Muslimenhass so deutlich ins Auge springt. Doch das populäre Ressentiment
gegen Muslime, das sich als "Islamkritik" einen pseudorationalen Anstrich
gibt, ist nur die neueste Variante einer Fremdenfeindlichkeit, die sich in
den Achtzigerjahren in "Türken raus!"-Parolen und später in den
Anschlägen
von Mölln und Solingen äußerte. Dass der Täter von Dresden
ursprünglich aus
Russland stammt, sollte auch nicht zur Relativierung einladen, sondern an
die internationale Dimension dieses religiös begründeten Rassismus erinnern.
Denn Muslimenhass ist - wie der Islamismus - eine Ideologie, die in Ländern
wie Russland oder Indien, im Nahen Osten oder auf dem Balkan schon viele
Todesopfer gefordert hat.

Mit freundlicher Genehmigung des TAZ-Redakteurs Daniel Bax.
Erstveröffentlichung am 26.10.09 in der TAZ.

http://islam.de/14540.php

--
"That's a good religion. And no one resents that kind of religion being
taught but a wolf who intents to make you his meal."
Malcolm X



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