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Sankhâra: Das Zusammengesetzte

Von: D.Schlenk (detmarschlenk@hotmail.de) [Profil]
Datum: 01.11.2009 00:10
Message-ID: <hcig8p$40n$1@news.eternal-september.org>
Newsgroup: de.soc.weltanschauung.buddhismus
http://tod-im-buddhismus.bodhibaum.net/verstaendnis/tod-theravada.htm

Sankhâra: Das Zusammengesetzte.

Eine andere Art, den Tod zu begreifen, ist ein Verständnis über das Gesetz
der sankhâra oder 'Gruppen'. Dieses Gesetz besagt, dass alles eine
Verbindung von Dingen ist, und dass nichts aus sich selbst heraus (als
unabhängige Wesenseinheit) existieren kann.

Sankhâra ist ein Begriff aus der Pali-Sprache, um Gruppen, Anhäufungen,
Verbindungen oder Zusammensetzungen zu bezeichnen. Dieses Wort leitet sich
von der Silbe - 'San' (zusammen) - und der Wurzel - 'Kar' (machen) - ab. Es
entsteht die Bedeutung: Zusammengesetzt, Zusammengefügt oder
Zusammenkombiniert.

"Alle Dinge dieser Welt", so sagt der Buddha, "sind nur
Zusammenhäufungen
oder Verbindungen".

Das bedeutet, sie existieren nicht aus sich selbst heraus, sondern sind aus
verschiedenen Dingen zusammen gesetzt. Ob es ein riesiger Berg oder ein
winziges Senfkorn ist, alles ist nur eine Verbindung von mehreren Dingen.
Nichts ist eine geschlossene Einheit in sich, nichts ist eine
Wesenseinheit - egal wie groß oder klein es ist. Weder Sonne noch Mond noch
das kleinste Sandkörnchen sind eine Wesenseinheit. Jedes dieser Dinge ist
ein sankhâra - eine Verbindung von mehreren, verschiedenen Dingen.

Diese Dinge erscheinen uns als geschlossene Einheiten wegen der Fehlbarkeit
unserer Sinneswahrnehmung, d.h. wegen unserer beschränkten Fähigkeiten zu
sehen, zu hören, zu riechen, zu tasten, zu schmecken und zu denken. Die
Wissenschaft hat diese Ansicht akzeptiert, nämlich dass unsere Sinne keine
unfehlbare Führung für uns sind. Eine "dauerhafte" Wesenseinheit ist
nur
ein Konzept, nur ein Begriff. In der Wirklichkeit existiert sie nicht.
...

In der gleichen Weise sind auch 'Mensch' - 'Mann' - 'Frau' - 'Ich' - nur
Namen und Bezeichnungen und nicht Ausdruck für etwas, das tatsächlich
existiert. Der Begriff sankhâra bezieht sich nicht nur auf Verbindungen der
materiellen Welt und der zur materiellen Welt gehörigen Qualitäten, benannt
als 'Körperlichkeit' (rûpa), sondern bezieht sich auch auf den Geist und
die dazugehörigen Funktionen, benannt als 'das Geistige' (nâma). So ist
auch der Geist wie der Körper, nur eine Zusammenfügung oder Kombination.

Wenn gesagt wird, dass der Geist eine Zusammenfügung verschiedener Gedanken
ist, bedeutet das nicht, dass diese verschiedenen Gedanken zur gleichen
Zeit im Geist vorhanden sind. Sondern damit ist eine Aneinanderreihung von
Gedanken, eine nicht endende Folge von Gedanken gemeint. In einem Moment
entsteht ein Gedanke des Hasses, danach ein Gedanke der Trauer, dann ein
Gedanke an eine unerfüllte Aufgabe und dann wieder der Ausgangsgedanke des
Hasses usw. usw. In einer endlosen Abfolge. Jeder Gedanke entsteht - bleibt
eine Weile - und vergeht wieder. Diese drei Stufen des 'Seins' kann man
auch hier finden: Entstehen, verweilen, vergehen. Gedanken entstehen, einer
folgt dem anderen mit solch großer Schnelligkeit in der Abfolge, daß die
Illusion eines permanenten, dauerhaften Dinges, genannt Geist, entsteht.
Aber in Wirklichkeit gibt es kein permanentes, dauerhaftes 'Ding', sondern
nur einen Strom von Gedanken. Die schnelle Abfolge der Gedanken kann man
mit dem fließenden Wasser in einem Fluss vergleichen. Ein Tropfen folgt dem
anderen in rasender Geschwindigkeit, so dass wir eine scheinbar permanente
Einheit in diesem Fluss sehen. Aber das ist eine Illusion. In gleicher
Weise ist auch das Bewusstsein keine bleibende Einheit. Es ist nur die
Abfolge, ein Strom von Gedanken, die entstehen und wieder vergehen. Wenn
ich sage, dass ich heute Morgen einen Fluss überquert habe und ihn abends
wieder überquerte, war dieser Fluss am Morgen der selbe wie abends? Wenn
ich ihn Mittags überquert hätte, welchen Fluss hätte ich dann
überquert?
Untersuchen wir diese Fragen, sehen wir, dass dieser Fluss in jeder Stunde,
jeder
Minute, ja jeder Sekunde ein anderer ist. Wo ist dann dieses dauerhafte
Ding, das wir Fluss nennen? Ist es das Flussbett oder sind es die Ufer? Wir
sehen also, daß es da nichts gibt, auf das wir zeigen und sagen können:
"Das ist der Fluss." Fluss existiert nur als Name. Es ist eine angemessene,
konventionelle Bezeichnung für ein stetiges, ununterbrochenes Fließen von
Wassertropfen. Genauso verhält es sich auch mit unserem Geist. Er ist ein
stetiger Strom von Gedanken. Können Sie auf einen beliebigen Gedanken, der
gerade durch Ihren Geist zieht, zeigen und sagen: "Das hier ist wirklich
mein Geist - mein dauerhafter Geist!?" Ein Gedanke des Ärgers gegen irgend
eine Person entsteht. Wenn dieser Gedanke mein unvergänglicher Geist ist,
wie kommt es, daß zu einer anderen Gelegenheit ein Gedanke der Liebe
entsteht? Wenn das auch mein Geist ist, dann gibt es also zwei sich
widersprechende Geist(er)? Wenn wir uns auf dieser Ebene weiter befragen,
kommen wir zu dem unumgänglichen Schluss, dass es so etwas wie einen
permanenten Geist nicht gibt. Es ist nur eine angemessene Bezeichnung für
einen unablässigen, vielgestaltigen Strom von Gedanken - die entstehen und
wieder vergehen. 'Geist' existiert als Wesenseinheit in Wirklichkeit nicht.
Ihn gibt es nur als Namen, als Ausdruck für eine Abfolge von Gedanken:
Kutsche - Fluss - Körper - Geist, - sind alles nur Verbindungen. Aus sich
selbst heraus und als unabhängige Verbindungen existieren sie nicht. Es
gibt in ihnen nichts wirklich Stabiles, nichts was mit einer
(unveränderlichen) Wirklichkeit übereinstimmt, nichts Permanentes, keine
ewige immerwährende Substanz oder Seele. Wenn der Körper also nur ein Name
für die Verbindung verschiedener sich ständig ändernder Faktoren ist und
der Geist in gleicher Weise nur ein Name für eine Abfolge von Gedanken, ist
die psycho-physische Kombination, genannt Mensch, auch keine Wesenseinheit,
außer im Gebrauch konventioneller Ausdrucksweise. Wenn wir sagen: Eine
Kutsche fährt, und ein Mann läuft, ist das nur im übertragenem Sinne und
auf konventioneller Ebene korrekt. In Wirklichkeit gibt es nur Bewegung -
es gibt nur ein Laufen. Deswegen steht in der Visuddhi Magga geschrieben:

Nicht findet man der Taten Täter
Kein Wesen, das die Wirkung trifft
Nur leere Dinge ziehen vorüber
Wer so erkennt hat rechten Blick.



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