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Also sprach Zarathustra - Der freiwillige Bettler (F. Nietzsche)

Von: D.Schlenk (detmarschlenk@hotmail.de) [Profil]
Datum: 03.10.2009 11:36
Message-ID: <ha761n$b9s$1@news.eternal-september.org>
Newsgroup: de.soc.weltanschauung.buddhismus
Der freiwillige Bettler

Als Zarathustra den hässlichsten Menschen verlassen hatte, fror ihn, und er
fühlte sich einsam:
es gieng ihm nämlich vieles Kalte und Einsame durch die Sinne, also, dass darob auch
seine
Glieder kälter wurden. Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an
grünen
Weiden vorbei, aber auch über wilde steinichte Lager, wo ehedem wohl ein ungeduldiger
Bach sich
zu Bett gelegt hatte.- da wurde ihm mit Einem Male wieder wärmer und herzlicher zu
Sinne.

"Was geschah mir doch? fragte er sich, etwas Warmes und Lebendiges erquickt mich, das
muss in
meiner Nähe sein.

Schon bin ich weniger allein; unbewusste Gefährten und Brüder schweifen um mich,
ihr warmer
Athem rührt an meine Seele."

Als er aber um sich spähete und nach den Tröstern seiner Einsamkeit suchte:
siehe, da waren es
Kühe, welche auf einer Anhöhe bei einander standen; deren Nähe und Geruch
hatten sein Herz
erwärmt. Diese Kühe aber schienen mit Eifer einem Redenden zuzuhören und
gaben nicht auf Den
Acht, der herankam. Wie aber Zarathustra ganz in ihrer Nähe war, hörte er
deutlich, dass eine
Menschen-Stimme aus der Mitte der Kühe heraus redete; und ersichtlich hatten sie
allesammt ihre
Köpfe dem Redenden zugedreht.

Da sprang Zarathustra mit Eifer hinauf und drängte die Thiere auseinander, denn er
fürchtete,
dass hier jemandem ein Leids geschehn sei, welchem schwerlich das Mitleid von Kühen
abhelfen
mochte. Aber darin hatte er sich getäuscht; denn siehe, da sass ein Mensch auf der
Erde und
schien den Thieren zuzureden, dass sie keine Scheu vor ihm haben sollten, ein
friedfertiger
Mensch und Berg-Prediger, aus dessen Augen die Güte selber predigte. "Was suchst
du hier?" rief
Zarathustra mit Befremden.

"Was ich hier suche? antwortete er: das Selbe, was du suchst, du Störenfried!
nämlich das Glück
auf Erden.

Dazu aber möchte ich von diesen Kühen lernen. Denn, weisst du wohl, einen halben
Morgen schon
rede ich ihnen zu, und eben wollten sie mir Bescheid geben. Warum doch störst du sie?

So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in das
Himmelreich. Wir
sollten ihnen nämlich Eins ablernen: das Wiederkäuen.

Und wahrlich, wenn der Mensch auch die ganze Welt gewönne und lernte das Eine nicht,
das
Wiederkäuen: was hülfe es! Er würde nicht seine Trübsal los

- seine grosse Trübsal: die aber heisst heute Ekel. Wer hat heute von Ekel nicht
Herz, Mund und
Augen voll? Auch du! Auch du! Aber siehe doch diese Kühe an!" -

Also sprach der Berg-Prediger und wandte dann seinen eignen Blick Zarathustra zu, - denn
bisher
hieng er mit Liebe an den Kühen -: da aber verwandelte er sich. "Wer ist das,
mit dem ich rede?
rief er erschreckt und sprang vom Boden empor.

Diess ist der Mensch ohne Ekel, diess ist Zarathustra selber, der Überwinder des
grossen Ekels,
diess ist das Auge, diess ist der Mund, diess ist das Herz Zarathustra's selber."

Und indem er also sprach, küsste er Dem, zu welchem er redete, die Hände, mit
überströmenden
Augen, und gebärdete sich ganz als Einer, dem ein kostbares Geschenk und Kleinod
unversehens vom
Himmel fällt. Die Kühe aber schauten dem Allen zu und wunderten sich.

"Sprich nicht von mir, du Wunderlicher! Lieblicher! sagte Zarathustra und wehrte
seiner
Zärtlichkeit, sprich mir erst von dir! Bist du nicht der freiwillige Bettler, der
einst einen
grossen Reichthum von sich warf, -

- der sich seines Reichthums schämte und der Reichen, und zu den Ärmsten floh,
dass er ihnen
seine Fülle und sein Herz schenke? Aber sie nahmen ihn nicht an."

"Aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Bettler, du weisst es ja. So
gieng ich
endlich zu den Thieren und zu diesen Kühen."

"Da lerntest du, unterbrach Zarathustra den Redenden, wie es schwerer ist, recht
geben als recht
nehmen, und dass gut schenken eine Kunstist und die letzte listigste Meister-Kunst der
Güte."

"Sonderlich heutzutage, antwortete der freiwillige Bettler: heute nämlich, wo
alles Niedrige
aufständisch ward und scheu und auf seine Art hoffährtig: nämlich auf
Pöbel-Art.

Denn es kam die Stunde, du weisst es ja, für den grossen schlimmen langen langsamen
Pöbel- und
Sklaven-Aufstand: der wächst und wächst!

Nun empört die Niedrigen alles Wohlthun und kleine Weggeben; und die Überreichen
mögen auf der
Hut sein!

Wer heute gleich bauchichten Flaschen tröpfelt aus allzuschmalen Hälsen: -
solchen Flaschen
bricht man heute gern den Hals.

Lüsterne Gier, gallichter Neid, vergrämte Rachsucht, Pöbel-Stolz: das
sprang mir Alles in's
Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, dass die Armen selig sind. Das Himmelreich aber ist bei
den
Kühen."

Und warum ist es nicht bei den Reichen? fragte Zarathustra versuchend, während er den
Kühen
wehrte, die den Friedfertigen zutraulich anschnauften.

"Was versuchst du mich? antwortete dieser. Du weisst es selber besser noch als ich.
Was trieb
mich doch zu den Ärmsten, oh Zarathustra? War es nicht der Ekel vor unsern Reichsten?

- vor den Sträflingen des Reichthums, welche sich ihren Vortheil aus jedem Kehricht
auflesen,
mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem Gesindel, das gen Himmel stinkt,

- vor diesem vergüldeten verfälschten Pöbel, dessen Väter Langfinger
oder Aasvögel oder
Lumpensammler waren, mit Weibern willfährig, lüstern, vergesslich: - sie haben's
nämlich alle
nicht weit zur Hure -

Pöbel oben, Pöbel unten! Was ist heute noch `Arm` und `Reich`! Diesen
Unterschied verlernte
ich, - da floh ich davon, weiter, immer weiter, bis ich zu diesen Kühen kam."

Also sprach der Friedfertige und schnaufte selber und schwitzte bei seinen Worten: also
dass die
Kühe sich von Neuem wunderten. Zarathustra aber sah ihm immer mit Lächeln in's
Gesicht, als er
so hart redete, und schüttelte dazu schweigend den Kopf.

"Du thust dir Gewalt an, du Berg-Prediger, wenn du solche harte Worte brauchst.
Für solche Härte
wuchs dir nicht der Mund, nicht das Auge.

Auch, wie mich dünkt, dein Magen selber nicht: dem widersteht all solches Zürnen
und Hassen und
Überschäumen. Dein Magen will sanftere Dinge: du bist kein Fleischer.

Vielmehr dünkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht malmst du
Körner. Sicherlich
aber bist du fleischlichen Freuden abhold und liebst den Honig."

"Du erriethst mich gut, antwortete der freiwillige Bettler, mit erleichtertem Herzen.
Ich liebe
den Honig, ich malme auch Körner, denn ich suchte, was lieblich mundet und reinen
Athem macht:

- auch was lange Zeit braucht, ein Tag- und Maul-Werk für sanfte
Müssiggänger und Tagediebe.

Am weitesten freilich brachten es diese Kühe: die erfanden sich das Wiederkäuen
und
In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller schweren Gedanken, welche das Herz
blähn."

"- Wohlan! sagte Zarathustra: du solltest auch meine Thiere sehn, meinen Adler und
meine
Schlange, - ihres Gleichen giebt es heute nicht auf Erden.

Siehe, dorthin führt der Weg zu meiner Höhle: sei diese Nacht ihr Gast. Und rede
mit meinen
Thieren vom Glück der Thiere, -

- bis ich selber heimkomme. Denn jetzt ruft ein Nothschrei Mich eilig weg von dir. Auch
findest
du neuen Honig bei mir, eisfrischen Waben-Goldhonig: den iss!

Jetzt aber nimm flugs Abschied von deinen Kühen, du Wunderlicher! Lieblicher! ob es
dir schon
schwer werden mag. Denn es sind deine wärmsten Freunde und Lehrmeister!" -

"- Einen ausgenommen, den ich noch lieber habe, antwortete der freiwillige Bettler.
Du selber
bist gut und besser noch als eine Kuh, oh Zarathustra!"

"Fort, fort mit dir! du arger Schmeichler! schrie Zarathustra mit Bosheit, was
verdirbst du mich
mit solchem Lob und Schmeichel-Honig?"

"Fort, fort von mir!" schrie er noch Ein Mal und schwang seinen Stock nach dem
zärtlichen
Bettler: der aber lief hurtig davon.





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