Der Alltag als Übung (aus Der Doppelte Ursprung des Menschen - Karlfried Graf Dürckheim)
Von: D.Schlenk (detmarschlenk@hotmail.de) [Profil]
Datum: 11.10.2009 16:11
Message-ID: <hasp4j$455$1@news.eternal-september.org>
Newsgroup: de.soc.weltanschauung.buddhismus
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Aus dem Buch: Vom Doppelten Ursprung des Menschen Karlfried Graf Dürckheim (1896 - 1988) Herder Spektrum Der Alltag als Übung Das Hauptfeld der Bewährung öffnet sich auf dem Weg, sobald der Mensch bereit und wirklich entschlossen ist, sein Leben in der Welt im Zeichen seiner Bestimmung zu führen, das heißt im Dienst am überweltlichen Sein zu leben. Er soll fortan seinen unendlichen Ursprung in seinem endlichen Dasein bezeugen. Er muß begriffen haben, daß er nur in der Treue dieses Dienstes heil werden kann. Solange er nur seiner Sicherheit, seinem Glück und seinem Dienst an der Welt lebt, kann er das Rechte nicht finden. Nur wenn es ihm in allem Erkennen, Wirken und Dienen um das Offenbarwerden des Lebens in der Welt geht, gelangt er auf den Weg. Und dann verwandelt sich der Alltag zu einem einzigen Felde der Übung. Solange der Mensch in der Übung etwas für sich sucht, was es auch sei: Gewinnung höherer Fähigkeiten, schöne Erlebnisse oder auch Gelassenheit, Harmonie oder selbst sein eigenes Heil, aber auch wo es ihm um Werkvollendung ohne Bezug zum Sein geht, verfehlt er den Weg. Alltag als Übung bedeutet immerzu Einkehr und Umkehr, Loslassen der Welt und Zulassen des Wesens. Und wenn wir den innersten Kern unseres Selbst einmal fühlen und in uns das Wesen erwacht - dann spüren wir auch das Wesen der Dinge, und mitten im weltlichen Dasein begegnet uns allenthalben das Sein. Wenn das Wesen ins Innesein tritt, fühlen wir uns anders. Wir sind gelöst und befreit, geladen mit Kraft, hell und erfüllt von zeugendem Leben. Was uns eben noch Last war, verliert sein Gewicht; was uns eben noch in Angst warf, bedrängt uns nicht mehr. Was uns in Verzweiflung warf, verliert seinen Stachel. Wo alles verstellt war, scheint nun alles offen. Wo wir eben noch arm waren, fühlen wir uns reich, und mitten im Lärm wird es in uns seltsam friedvoll und still. Wir fühlen uns wie getaucht in ein unsichtbares Licht, das uns hell macht und warm, und befinden uns in einem alles durchschimmernden Glanz. Das alles kann schlagartig da sein, doch ebenso schnell wieder verschwinden. Wir können es nicht machen noch halten, aber wenn wir recht hingehorcht haben, können wir uns der Haltungen innewerden, die solche Erfahrungen verhindern, und ebenso jener anderen, die uns für solches Erleben bereiten, und uns in diesen üben, nicht nur in besonderen Stunden - den ganzen Tag! Die Welt, in der wir leben, ist nicht das Jammertal, das uns von den Gipfeln des Göttlichen fernhält, sondern die Brücke, die uns mit ihm verbindet. Wir müssen nur die Bewußtseinsnebel, die uns die Sicht zu ihm nehmen, durchlichten und die Mauern einreißen, die uns den Weg zu ihm versperren. Das ist der Sinn der Forderung, den Alltag als Übung zu leben. Dazu bedarf es keiner besonderen Zeit. Jeder Augenblick ruft uns zur Besinnung und zur Bewährung. Und es gibt kein Tun, welchem äußeren Zweck es auch diene, das für uns nicht die Chance enthielte, uns immer tiefer in die Wahrheit zu geben. Was immer wir tun, ob wir gehen, stehen oder sitzen, ob wir schreiben, sprechen oder schweigen, ob wir angreifen oder uns verteidigen, helfen oder dienen, welchem Werk es auch sei - alles und jedes birgt in sich die Chance, es in einer Haltung und Einstellung zu vollziehen, die immer mehr die Fühlung mit dem Sein bezeugt, herstellt, festigt und so dem Zunehmen an Transparenz für Transzendenz dient. Wo der Alltag gelebt wird als Übung, dreht sich in jedem Augenblick das "Rad der Verwandlung" so wie in jeder geistlichen Übung, die ihren Sinn nicht verfehlt, in fünf Schritten nach dem gleichen Gesetz: 1. Bewährung der kritischen Wachheit, 2. Hergeben und Hingeben dessen, was dem Durchlässigwerden im Weg steht, 3. Einswerden mit dem verwandelnden Grund, 4. Neuwerden aus dem ihm entsteigenden Inbild, 5. Bezeugung und Bewährung im Alltag (deren Nichtgelingen wiederum von der kritischen Wachheit bemerkt wird). Jedes Teilstück dieser Drehung dient in seiner Weise dem Entstehen der Verfassung, in der der Mensch fortschreitend transparent wird für das Sein. Keiner der Schritte darf fehlen. In jedem sind, wenn er wirklich vollzogen wird, alle anderen Schritte enthalten. Und doch hat jeder Schritt seinen eigenen Sinn. So tut der Anfänger - und wer bliebe es nicht Zeit seines Lebens - gut daran, sei es im Alltag oder in besonderen Stunden des Übens, den Schwerpunkt bald auf diesen, bald auf jenen Schritt zu legen. Eines jedoch darf nie aus dem Sinn kommen: daß es Verwandlung nur gibt, wo das Rad der Verwandlung in Bewegung bleibt. Jeder Schritt wird fruchtbar nur innerhalb der fortgesetzten Drehung des Rades. ...[ Auf dieses Posting antworten ]
