Erich Fromm über das Unbewußte und wie es uns bestimmt
Von: D.Schlenk (detmarschlenk@hotmail.de) [Profil]
Datum: 31.10.2009 13:50
Message-ID: <hchbu7$gee$1@news.eternal-september.org>
Newsgroup: de.soc.weltanschauung.buddhismus
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Reposting (urprünglich am 3. Oktober 09 auf dswc gepostet!): Aus Erich Fromm - Die Seele des Menschen: "Es ist in der Tat erstaunlich, dass die meisten, die sich mit diesem Thema beschaeftigt haben, nicht erkannten, dass das Problem der Willensfreiheit nicht zu loesen ist, solange man sich nicht klarmacht, dass unbewusste Kraefte unser Handeln bestimmen, wenngleich wir in der gluecklichen Ueberzeugung leben, wir haetten die freie Wahl." Siehe hierzu auch: http://www.klaus-sedlacek.de/category/buchprojekte/unsterbliches-bewusstsein/ Über den Humanismus und das Unbewußte bei Erich Fromm: http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2004/236/ In den Schriften Erich Fromms drängen sich Anfang der sechziger Jahre zwei Themen in den Vordergrund, die ihn von da an nicht mehr losließen. Zum einen beobachtete er eine alles bedrohende, meist gut verdeckte und rationalisierte Leidenschaft, dass die Menschen der Industriestaaten zunehmend das attraktiv finden, was mechanisch und leblos ist und was zu Tode gebracht, zerstört und verbraucht werden kann. Fromm zögerte, mit seiner Entdeckung eines nekrophilen Gesellschafts-Charakters an die Öffentlichkeit zu gehen, da er die Bedrohlichkeit spürte, die von einem solchen Gesellschafts-Charakter - wird er erst dominant - im Atomstaat für die ganze Menschheit ausgeht. Erst nachdem er befreundete Wissenschaftler um ihr Votum zu seiner Entdeckung gebeten hatte, veröffentlichte er seine Beobachtung 1964 in dem Buch "Die Seele des Menschen". Auszug aus Dokument 1.pdf (108 kb): Fromms Antwort auf die Zentralfrage des Humanismus nach der Einheit der Menschen auf Grund einer gemeinsamen Natur verbindet Fromm mit seinem Verstaendnis des Unbewussten, bei dem das Unbewusste stets den ganzen Menschen mit all seinen Widerspruechen repraesentiert.. Der Mensch ist ein durch existentielle Widersprueche und Beduerfnisse gekennzeichnetes Wesen, das notgedrungen Antworten finden muss. Sein Unbewusstes enthaelt das Spektrum moeglicher Antworten, und es kommt sehr darauf an, welche Moeglichkeiten gefoerdert und welche gehemmt und verdraengt werden. Grundsaetzlich aber "hat der Mensch in einer jeden Kultur alle Moeglichkeiten: Er ist der archaische Mensch, das Raubtier, der Kannibale, der Goetzendiener, und er ist zugleich das Wesen mit der Faehigkeit zur Vernunft, Liebe und Gerechtigkeit" (E. Fromm, 1963f, GA IX, S. 10). Der Mensch hat in seinem Unbewussten alle Moeglichkeiten, und die Frage ist nur, welche Moeglichkeiten gefoerdert und welche nicht gefoerdert werden. Da es den Menschen nicht anders denn als gesellschaftliches Wesen gibt, entscheidet die besondere Art von Gesellschaft, in der ein Mensch lebt, welche Moeglichkeiten bevorzugt werden. Jede Gesellschaft formt die Energien der Menschen derart, dass sie das tun wollen, was sie zum Funktionieren der Gesellschaft tun muessen. ..... Jede Gesellschaft foerdert aber nicht nur bestimmte Moeglichkeiten, die im Unbewussten des Menschen zur Verfuegung stehen, indem sie diese bewusst macht und sich der Einzelne mit ihnen identifiziert, es werden auch Moeglichkeiten und Neigungen unterdrueckt und verdraengt, die den gesellschaftlichen Verhaltensmustern - dem Gesellschafts-Charakter - widersprechen. (Dass der Mensch hierzu bereit ist, hat nach Fromm mit der tiefreichenden Angst des Menschen vor Aechtung, Isolierung und Einsamkeit zu tun. Der Einzelne verdraengt jene Erfahrungen und Gefuehle, die in seiner Gesellschaft nicht gefuehlt und gemacht werden duerfen aus Angst, ansonsten voellig isoliert zu sein - und die vollkommene Isolierung ist gleichbedeutend mit Wahnsinn.) So kommt es, dass "unser Bewusstsein hauptsaechlich unsere eigene Gesellschaft und Kultur [repraesentiert], waehrend unser Unbewusstes den universalen Menschen in einem jeden von uns repraesentiert" (E. Fromm, 1964a, GA II, S. 223). Mit der Erkenntnis, dass das Unbewusste unabhaengig vom gesellschaftlich Bewussten und Verdraengten den ganzen Menschen mit all seinen Moeglichkeiten repraesentiert, begruendet Fromm nicht nur theoretisch die humanistische Grundueberzeugung von der Einheit des Menschen; sobald ein Mensch sich auf sein Unbewusstes einlaesst, sich seines Unbewussten bewusst wird und also seine anderen Moeglichkeiten in Erfahrung bringt, entfaltet er sich, waechst er und macht er die paradoxe und produktive - oder wie Fromm gerne auch sagt: die humanistische Erfahrung, dass er vernuenftig und liebend auf die Welt und den Menschen bezogen sein kann, weil ihm nichts Fremdes mehr wirklich fremd ist. Nur im Sich-Einlassen auf das Unbewusste, auf den ganzen Menschen in mir, in der Verwirklichung meiner Individualitaet, komme ich zum Erleben des universalen Menschen, denn "nur das entwickelte individuelle Selbst kann das Ego aufgeben" (E. Fromm, 1962a, GA IX, S. 154). .... Aus Erich Fromm: Die Seele des Menschen - Freiheit, Determinismus und Alternativismus .... Der Mensch ist weder gut noch boese. Glaubt man an die Gutheit des Menschen als an sein einziges Potential, so wird man unausweichlich die Tatsachen in einem irrefuehrenden rosigen Licht sehen (eigene Anmerkung: die Vertreter des positiven Denkens) und schliesslich bitter enttaeuscht sein. Glaubt man an das andere Extrem, so wird man als Zyniker enden (Anmerkung: wie ich einer teilweise bin und wohl etliche andere noch viel staerker) und fuer die vielen Moeglichkeiten zum Guten in sich und anderen blind werden. Eine realistische Auffassung sieht in beiden Moeglichkeiten reale Potentiale und untersucht die Bedingungen, unter denen sie sich jeweils entwickeln. Diese Erwaegungen fuehren uns zum Problem der F r e i h e i t des Menschen. Steht es dem Menschen frei, sich in jedem beliebigen Augenblick fuer das Gute zu entscheiden oder besitzt er diese Freiheit der Wahl nicht, weil er durch innere und aeussere Kraefte determiniert ist? ... Es ist in der Tat erstaunlich, dass die meisten, die sich mit diesem Thema beschaeftigt haben, nicht erkannten, dass das Problem der Willensfreiheit nicht zu loesen ist, solange man sich nicht klarmacht, dass unbewusste Kraefte unser Handeln bestimmen, wenngleich wir in der gluecklichen Ueberzeugung leben, wir haetten die freie Wahl. ... Die entgegengesetzte Auffassung, der Determinismus, der postuliert, dass der Mensch nicht die Freiheit der Wahl habe, dass seine Entscheidungen an jedem beliebigen Punkt von frueheren aeusseren und inneren Ereignissen verursacht und determiniert seien, erscheint auf den ersten Blick realistischer und einleuchtender. ... Manche unter uns haben mit sich selbst oder auch mit anderen die gleiche Erfahrung gemacht: Es gelang ihnen, die Kette der angeblichen Kausalitaet zu zerbrechen, und sie schlugen einen neuen Weg ein, der ihnen wie ein "Wunder" erschien, weil er allen vernuenftigen Erwartungen widersprach, die man sich aufgrund ihres frueheren Verhaltens haette machen koennen. ... Es gibt auch noch andere Gruende, die dafuer verantwortlich sind, dass Eroerterungen ueber die Willensfreiheit unklar erscheinen. Im folgenden moechte ich auf einige Irrtuemer hinweisen, die mir dabei eine betraechtliche Rolle zu spielen scheinen. Der eine Irrtum beruht darauf, dass wir gewohnt sind, von der Willensfreiheit des Menschen im allgemeinen anstatt von der eines bestimmten Individuums zu sprechen. ... Das kommt daher, dass der eine die Freiheit der Wahl besitzt, waehrend ein anderer sie eingebuesst hat. ... Aber so eine freie Wahl zwischen "Gut" und "Boese" gibt es ueberhaupt nicht, es gibt nur konkrete spezifische Handlungsweisen, die M i t t e l zum Guten sind, und andere, die M i t t e l zum Boesen sind, immer vorausgesetzt, dass man Gut und Boese richtig definiert. ... Ein weiterer Nachteil der herkoemmlichen Eroerterungen ist darin zu sehen, dass sie sich nicht mit der unterschiedlichen Staerke der Neigungen (der Individuen, eigene Anmerk.) befassen. ... Schliesslich herrscht auch noch die Verwirrung ueber die Bedeutung des Begriffs "Verantwortlichkeit". .... Der Begiff hat jedoch noch eine andere Bedeutung, die mit Strafe oder "Schuld" nichts zu tun hat. In diesem Sinn bedeutet Verantwortlichkeit soviel wie: "Ich bin mir bewusst, es getan zu haben." Tatsaechlich wird mir mein Tun, sobald ich es als "Suende" oder "Schuld" empfinde, entfremdet. Nicht mehr i c h habe es dann getan, sondern "der Suender", "der Boese", "jener andere", der jetzt zu bestrafen ist; ... Das menschliche Handeln wird nach Spinoza kausal von Leidenschaften oder von der Vernunft bestimmt. Wird der Mensch von Leidenschaften beherrscht, so ist er ein Sklave; wird er von der Vernunft beherscht, so ist er frei. (eigene Anmerkung: Vernunft ist doch nur das, was die Gesellschaft fuer vernuenftig haelt, vernuenftig ist man doch nicht von vornherein, ich kenne, ehrlich gesagt niemanden, der das von seinem ersten Lebenstage an ist). ... Bei dem Problem der freien Wahl geht es n i c h t darum, zwischen zwei gleich guten Moeglichkeiten zu waehlen; .......es geht darum, sich fuer das B e s s e r e oder fuer das S c h l e c h t e r e zu entscheiden - und das Bessere oder Schlechtere bezieht sich stets auf die fundamentale moralische Lebensfrage, bei der es um Weiterentwicklung oder Regression, um Liebe oder Hass, um Unabhaengigkeit oder Abhaengigkeit geht. Freiheit bedeutet nichts anderes, als die Faehigkeit, der Stimme der Vernunft, der Gesundheit, des Wohl-Seins und des Gewissens gegen die Stimmen irrationaler Leidenschaften folgen zu koennen. :-) Detmar Schlenk[ Auf dieses Posting antworten ]
Antworten
- .Evàristo. (12.11.2009 20:22)
- D. Schlenk (12.11.2009 23:34)
- D. Schlenk (13.11.2009 12:03)
- .Evàristo. (13.11.2009 22:54)
- .Evàristo. (13.11.2009 23:26)
- .Evàristo. (13.11.2009 23:32)
- D. Schlenk (14.11.2009 00:21)
- .Evàristo. (14.11.2009 00:41)
