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Wissen und Erfahrung

Von: D.Schlenk (detmarschlenk@hotmail.de) [Profil]
Datum: 12.09.2009 01:21
Message-ID: <h8em3e$olg$1@news.eternal-september.org>
Newsgroup: de.soc.weltanschauung.buddhismus
Wissenswertes über "Wissen" und Erfahrung

Aus:  Zen denken  B. Radcliff/A.Radcliff   Herder Spektrum

Erst dann glauben die Menschen, etwas zu kennen, wenn sie sein "Warum"
begriffen haben.

Aristoteles

Jede Deutung, alle Psychologie, sämtliche Versuche, etwas verständlich zu
machen, erfordern das Medium der Theorien, Mythologien und Lügen. Ein Autor
mit Selbstachtung sollte es nicht versäumen, ... diese Lügen zu zerstreuen,
soweit es nur in seiner Macht steht.
Hermann
Hesse


Die Wissenschaft ist das Unternehmen, mit dessen Hilfe die Menschenwesen
versuchen, die Wirklichkeit zu begreifen. So wird die Wissenschaft zur
Methode, Wissen zu entwickeln, das den Menschen beim Zusammenspiel mit ihrer
Umgebung und der Kontrolle über sie nützlich ist. Anders gesagt, die
Wissenschaft besteht darin, Ideen über die Wirklichkeit zu entwickeln. In
diesem Sinn sind wir alle Wissenschaftler, denn wir alle erschaffen und
erproben Aussagen über die Welt und uns selbst.

Die Grundbausteine der Wissenschaft sind begriffliche Rahmenvorstellungen -
kognitive Landkarten - , mit deren Hilfe wir unserer Erfahrung eine Struktur
geben. Weil die Totalität der Erfahrung so komplex ist, daß wir sie nicht
direkt begreifen können, "zerstückeln" wir sie in leichter zu
verarbeitende
Einzelteile. Seiner Definition nach besteht das Bilden von Begriffen genau
darin: Man teilt die Erfahrung in kleine, abstrakte Einzelteile auf, die man
gegen alle anderen Einzelteile abgrenzt. Je komplexer das System unserer
Begriffe wird, desto mehr unterwerfen wir jede Erfahrung diesem Prozeß, und
schließlich deuten wir unsere Sinnesdaten nur noch anhand dieser Begriffe.
Alles bekommt unverzüglich sein Etikett aus unserem vorhandenen Bestand.
Begegnen uns Daten, die nicht sauber in unsere vorhandenen begrifflichen
Schemata passen, so erfinden wir neue Begriffe, um auch diese Daten in unser
System einfügen zu können. Durch dieses Vorgehen wird die Welt in eine
Vielzahl voneinander abgetrennter Prozesse und Objekte aufgespalten, die
untereinander durch Vernunftprinzipien verknüpft sind.

Auf dieser Grundlage konstruieren wir dann Theorien. In unserem
Alltagsverständnis handelt es sich bei einer "Theorie" um eine Hypothese,
von der man vermutet, daß sie wahr ist. So könnte man z. B. von der Theorie
ausgehen, daß die Japaner deshalb den Elektronikmarkt beherrschen, weil sie
eine straff durchgeplante Ökonomie aufgebaut haben oder weil ihre Arbeiter
produktiver als ihre amerikanischen oder westeuropäischen Kollegen sind. In
der Wissenschaftssprache handelt es sich bei einer "Theorie" jedoch um eine
Aussagenreihe, mittels derer man die Zukunft vorhersagen und manipulieren
kann. Theorien sagen uns, was wir tun müssen, wenn wir bestimmte Ergebnisse
erzielen wollen; sie stellen berechenbare Kausalbeziehungen zwischen
bestimmten Begriffen her.

Auf solche Theorien greifen wir tagtäglich bei hunderterlei Tätigkeiten
zurück. Ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht, wir alle haben Theorien
darüber, wie man Autos fährt, sich anzieht, Brot backt, Briefe schreibt,
telefoniert und Bücher liest. In jedem Fall stellen unsere Theorien Regeln
auf, die es uns gestatten, komplexe Aufgaben auf kognitiv vergleichsweise
unaufwendige Weise zu erfüllen. Wie alle Theorien vereinfachen sie auf diese
Weise die Wirklichkeit, indem sie sie auf leichter zu begreifende mentale
Konstrukte reduzieren. Diese Vereinfachung ist natürlich der springende
Punkt bei allen Theorien: Um nützlich zu sein, müssen die Theorien immer
weniger komplex sein als die Wirklichkeiten, die sie zu erklären versuchen.
Könnten wir alle Informationen intuitiv oder unbewußt verarbeiten, so
bräuchten wir keine Theorien. Wenn wir z. B. intuitiv die Astrophysik
"verstehen" würden, wären alle unsere Theorien über Planeten,
Sterne und
Monde überflüssig. Wenn wir intuitiv erfassen könnten, daß Planeten
elliptische Umlaufbahnen haben, bräuchten wir keine Begriffe für Planeten
und Umlaufbahnen und noch viel weniger eine Theorie der Gravitation, um den
Verlauf solcher Umlaufbahnen bestimmen zu können. Gerade weil wir die Welt
nicht ganzheitlich erfassen können, müssen wir dualistische Begriffe
erfinden, die unser Geist verarbeiten kann.

Um ein anderes Beispiel zu gebrauchen: Als Privatpersonen (im Gegensatz zu
Ärzten) benötigen wir keine Theorie der Verdauung von Speisen, denn was da
genau vor sich geht, brauchen wir begrifflich nicht zu verstehen. Da wir
nicht bewußt bestimmte Enzyme losschicken und die Aktivitäten unserer
Verdauungsorgane nicht bewußt steuern müssen, besteht keinerlei
Notwendigkeit, diesen Prozeß in lauter Einzelteile aufzuspalten, damit ihn
unser Geist begreifen kann. Genausowenig dirigieren wir bewußt unseren
Blutkreislauf, unseren Herzschlag oder den Sehmechanismus unserer Augen. Um
diese Worte hier zu schreiben, muß ich nicht bewußt wissen, wie ich meine
Finger dazu bringe, auf die Tasten zu drücken, und erst recht muß ich nicht
die Neuronen in meinem Gehirn exakt gezielt abfeuern, damit sie die Bildung
von Gedanken und Sätzen veranlassen. Weil ich all das instinktiv zu kann,
reaktiv und unbewußt, "weiß" ich nicht, wie ich das mache,  insofern
"wissen" bedeutet, begrifflich und theoretisch zu erfahren, was
überflüssig
und gleichzeitig unmöglich ist.

Wenn man sagt, man "verstehe" etwas, will man damit jedenfalls sagen, man
begreife bestimmte im Geist konstruierte Abstraktionen. Da es sich bei
Abstraktionen aber um kurzlebige Kreationen des Geistes handelt, ist das
Verstehen eine Wirklichkeitserfassung aus zweiter Hand, denn es erfaßt etwas
anderes als den Erkenntnisgegenstand an sich. Wenn man auf diese Weise z. B.
den Vorgang des Sehens "versteht", heißt das, man begreift dieses
Phänomen
aus der Distanz der Abstraktionen, also durch etwas anderes als das Sehen
selbst. Oder noch einfacher: Wenn man die Struktur des Auges und den
Mechanismus, wie das Gehirn visuelle Reize umsetzt, begreift, sieht man noch
lange nicht. Das theoretische Begreifen ist etwas ganz anderes als die
Erfahrung, und man ist ständig der Versuchung ausgesetzt, Erfahrung durch
Begriffe zu ersetzen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das notwendig, denn
vermutlich lassen sich Erfahrungen kaum "verstehen", Begriffe dagegen sehr
wohl.

Unser Geist funktioniert also ähnlich wie ein Computer, denn um
Informationen zu verarbeiten, muß der Computer Daten in die "verdauliche"
Form binärer Zahlen umwandeln. Genau wie ein Computer nur mit Daten etwas
anfangen kann, die tatsächlich in binäre Form gebracht worden sind, braucht
auch unser bewußter Geist für sein übliches Funktionieren Informationen,
die
dualistisch umgeformt sind. Vernünftig zu argumentieren bedeutet, Prinzipien
der Logik anzuwenden, was wiederum heißt, daß man Beziehungen zwischen
dualistischen mentalen Kategorien herstellt. Anders gesagt, um Erfahrung zu
"verstehen", muß man in der Lage sein, sie begrifflich zu deuten. Ein
solche
Deutung setzt voraus, daß man zunächst über ein brauchbares begriffliches
Koordinatensystem verfügt und sodann eine Theorie hat, die es erlaubt, aus
diesem Koordinatensystem (begriffliche) Schlüsse zu ziehen.

Die Evolutionstheorie z. B. beruht auf einer Anzahl von vor-theoretischen
Begriffen wie "Natur", "Selektion", "Organismus" und
"Umwelt". Mit Hilfe
elementarer Logik verknüpft sie diese Begriffe zu einer in sich stimmigen
Beschreibung der Entwicklung des biologischen Lebens. Die Theorie, die sich
daraus ergibt, behauptet und erklärt, daß sich diese Entwicklung aus dem
Mechanismus der natürlichen Selektion ergebe: Die Arten entwickeln
unterschiedliche Eigenschaften, und diejenigen Individuen, welche die
anpassungsfähigsten Eigenschaften haben, setzen sich genetisch durch. Daraus
leitet man dann Hypothesen ab, deren Wahrheitsgrad man anhand von Versuchen
überprüft. Soweit sich diese Hypothesen dadurch als wahr bestätigen lassen,
nimmt man dann an, daß sich die Theorie zur Erklärung der betreffenden Frage
eigne.

Und doch bleibt die Evolution nur eine Theorie. Die Diskussion darüber, ob
die Evolution "Tatsache" sei, ist verfehlt, da wir über den Wahrheitsgehalt
von Theorien nichts Endgültiges sagen können. Wir können lediglich
feststellen, ob die Evolutionstheorie besser als jede andere damit
konkurrierende Theorie unsere dualistisch aufbereiteten Beobachtungen zu
erklären vermag. Mit anderen Worten, wir legen bestimmte elementare und
unumstrittene Begriffe zugrunde und versuchen dann darauf aufbauend zu
bestimmen, welche (aus diesen Begriffen zusammengesetzte) Theorie am besten
zu unserer Erfahrung paßt. Die Evolutionstheorie hat gegenüber der
"Schöpfungstheorie" den Vorzug, daß sie besser als diese bestimmte
beobachtete Daten erklären hilft. Letztlich jedoch sind weder Evolutions-
noch Schöpfungstheorie "wahr", da es sich bei beiden nur um Produkte des
menschlichen Geistes handelt. Keine von beiden ist eine Grundeigenschaft der
Wirklichkeit, denn sie sind wie     alle Begriffe und die daraus
konstruierten Theorien Kunstgebilde des Menschen, der damit seine Erfahrung
zu begreifen versucht.

Theorien sind so besehen also nur "Modelle" der Wirklichkeit. Wir erschaffen
solche Modelle genau aus dem Grund, weil wir die Wirklichkeit an sich nicht
begreifen können. Genausowenig wie ein Modell der Bastille (ehemaliges
Pariser Gefängnis), das man in der Hand hält, das wirkliche Gebäude ist,
sind unsere Theorien über die Wirklichkeit etwas Wirkliches.

...

Jegliches wissenschaftliche Wissen ist folglich ein Produkt unseres Geistes
und nicht des Universums. Wissenschaftliche Theorien werden auf die Weise
"konstruiert", daß, wenn wir etwas "wissen", wir selbst der
Ursprung dieses
Wissens sind. Die solchermaßen konstruierte Welt hat außerhalb unseres
Geistes keine Ursache, insofern die einzigen Dinge, die wir zu erkennen
vermögen, die von uns selbst erschaffenen sind. Dementsprechend ist die
ganze Welt,  wie wir sie kennen, ein Kunstgebilde unseres Geistes und muß es
sein.

Sagen wir es allgemeiner: Angesichts der Tatsache, daß die Welt nicht aus
Abstraktionen besteht, hat die Erschaffung solcher Abstraktionen
grundsätzlich etwas Willkürliches an sich. Es gibt sehr gute Gründe,
begriffliche Abstraktionen zu erschaffen, aber man kann nur aus dem Grund
einem System abstrakter Begriffe gegenüber einem anderen den Vorzug geben,
weil es nützlicher ist. Nehmen wir ein Beispiel aus den Symbolsystemen: Wir
können sagen, arabische Ziffern seien nützlicher als römische, weil sich
mit
den arabischen bestimmte rechnerische Operationen leichter durchführen
lassen. Oder von der Zweckmäßigkeit her gesehen sind europäische Sprachen
leichter zu lesen und zu schreiben als Sprachen in Bilderschrift (wie etwa
die chinesische). Genauso können wir sagen, mit dem Taschenrechner ließen
sich leichter Quadratwurzeln ziehen als mit dem Rechenschieber,
Schreibcomputer seien  praktischer als Schreibmaschinen und Computer seien
viel schneller als Rechenmaschinen. Aber in keinem dieser Fälle können wir
kategorisch sagen, irgendeines dieser Dinge sei im absoluten Sinn "besser"
als das andere. Das eine ist nur besserals das andere in bestimmter,
willkürlich gewählter Hinsicht.

Genauso ist keine Methode der Begriffsbildung objektiv besser als irgendeine
andere. In der Struktur des Universums gibt es nichts, was uns genau
vorschreiben würde, wie wir unsere Erfahrung abstrahieren müssen, und
folglich sind alle Methoden der Abstraktion, von der Wirklichkeit her
gesehen, willkürlich. Wir beurteilen bestimmte Abstraktionsweisen nach ihrer
Nützlichkeit und nach nichts anderem.

In der Wirtschaftswissenschaft unterstellen wir z. B. oft ein Geschehen, das
wir "Markt" nennen, in dem die einzelnen ohne Fremdeinflüsse frei kaufen
und
verkaufen können. Setzt man eine Reihe anderer Bedingungen voraus, wie etwa
vollständige Information und das Nichtvorhandensein eines Monopols, so kann
man ziemlich leicht aufzeigen, daß derlei Märkte zu einer optimalen
Güterverteilung führen, bei der sich Angebot und Nachfrage die Waage halten.
Aber alle Wirtschaftswissenschaftler sind sich darin einig, daß es diese Art
Markt in der Wirklichkeit gar nicht gibt, weil ihn eine Reihe
unvorhersehbarer Faktoren beeinträchtigen: Das Erwerben von Informationen
verursacht Kosten, manche Firmen werden daran gehindert, in den Markt
einzutreten, einige wenige Marktführer kristallisieren sich heraus usw. Und
dennoch ist das Denkmodell "Markt" bemerkenswert nützlich, so daß die
Wirtschaftswissenschaftler daran festhalten, obwohl es offensichtlich
"falsch" ist. Alle übrigen ökonomischen Modelle stützen sich auf
ähnliche
Voraussetzungen  (z. B. auf rationales Handeln), von denen man weiß, daß sie
strenggenommen nicht stimmen. Diese Modelle
werden nicht damit gerechtfertigt, daß sich etwa die Bürger den Prinzipien
ökonomischer Vernunft anpaßten, d. h. daß die Voraussetzungen dieser
Modelle
irgendwie "wahr" wären, sondern weil solche Voraussetzungen zu
interessanten
Ergebnissen führen.

Alle Theorien fußen auf Voraussetzungen, die man nicht als wahr beweisen
kann, weil alle Theorien auf Begriffen beruhen. Das wiederum impliziert, daß
alle Theorien von einer dualistischen Welt ausgehen. Wie wir im 2. Kapitel
gesehen haben, ist die Welt aber nicht dualistisch. Aus diesem Grund sind
unvermeidlich alle Theorien "falsch", insofern sie auf der
Grundvoraussetzung des Dualismus beruhen - wie etwa perfekte Information
oder ökonomische Vernunft - , von dem wir wissen, daß er falsch ist.

Angesichts der Tatsache, daß allen Theorien grundsätzlich der Dualismus
zugrunde liegt, können wir uns eine allgemeine Theorie der Wirklichkeit
vorstellen, die die Grundlage aller anderen Theorien darstellt. Diese
allgemeine Theorie unterstellt, die Welt sei voller voneinander getrennter
Gegenstände, die durch die Zeit fließen und die einander durch Logik,
Kausalität usw. zugeordnet sind. In Ermangelung eines besseren Ausdrucks
nennen wir diese Welt die "Konsens-Wirklichkeit". Daraus folgt der Satz:


Die Konsens-Wirklichkeit ist eine vermutete Wirklichkeit.


Das bedeutet, man kann nicht beweisen, daß sie "wahr" oder sonst irgendwie
"wirklich" ist. Die Welt, wie wir sie kennen, ist für uns eine vermutete
Welt, nicht weil wir beweisen können, daß sie tatsächlich existiert,
sondern
weil es außerordentlich nützlich ist, zu vermuten, daß sie es tue. Mit
unserem Glauben an eine äußere Welt, die deterministischen Gesetzen folgt,
erschaffen wir eine Welt, die sich aus einer Reihe von Ereignissen
zusammensetzt, in die wir mehr oder weniger stark einzugreifen vermögen.
Indem wir die Ursachen von Ereignissen manipulieren, ändern wir den Verlauf
der Erfahrung und lenken sie in eine andere Richtung, als sie von allein
eingeschlagen hätte.

Nehmen wir ein offensichtliches Beispiel: Wenn wir unserem Körper längere
Zeit die Möglichkeit entziehen, Nahrung zu verdauen, stellt sich ein Mangel
an chemischer Energie ein; wir bilden daraus abstrahierend die Idee
"Hunger". Indem wir nun auch noch durch Abstrahierung den Begriff
"Nahrung"
bilden und kombinieren, daß der Hunger aufhört, wenn wir  Nahrung zu uns
nehmen, haben wir schon allerhand geleistet, um die Qualität unseres Lebens
zu verbessern und seine Dauer zu verlängern. Auf ähnliche Weise bilden wir
dazu noch weitere Begriffe wie "Jahreszeiten", "Landwirtschaft",
"Haustierhaltung" usw. und versetzen uns dadurch in die Lage,
hochkomplizierte Theorien über das Anbauen, Ernten und Verteilen von
Nahrungsmitteln zu entwickeln. Kurz gesagt, indem wir dem Hunger eine
Ursache zuordnen, können wir ihn vermeiden und in den Griff bekommen.

Dualistische Annahmen sind zwar in vieler Hinsicht eindeutig nützlich, aber
in bezug zur Wirklichkeit bleiben sie willkürlich. Unabhängig von unserer
Vorstellung existieren sie nicht wirklich, genau wie die Wolken keine genau
definierte Form haben, sondern wir ihnen bestimmte Umrisse und Formen
zuschreiben.

Von einem anderen Gesichtspunkt als dem der Nützlichkeit aus läßt sich der
Dualismus also nicht rechtfertigen. Dementsprechend müssen wir schließen:


Die Konsens-Wirklichkeit ist willkürlicher Natur.


Wie der Begriff des "Markts" ist die gesamte Konsens-Wirklichkeit lediglich
ein analytischer  Kniff, der Probleme lösen hilft. Wie es keine
"Märkte"
gibt, so gibt es auch keine "objektive" Welt außerhalb unserer Ideen
über
sie. Die Welt des Alltagsbewußtseins, des Ichs  und unserer Konventionen ist
somit bar jeder letztgültigen metaphysischen Rechtfertigung. Wäre es
möglich, unsere erwünschten Ziele mit Hilfe der Annahme einer irgendwie ganz
anders gearteten Welt zu erreichen, wo würden wir diese Welt annehmen - und
folglich annehmen, daß sie existiere.

Gelegentlich führen ansonsten äußerst wirkungsvolle Theorien zu absurden
Schlüssen. Das ist natürlich der Fall, wenn theoretische Voraussagen (wie
diejenigen über Umlaufbahnen von Planeten) nicht mit beobachtbaren
Verhältnissen (wie der Rückwärtsbewegung) übereinstimmen. Weniger
offensichtlich kommt es zu Anomalien im Fall von Paradoxen, die sich aus der
Struktur der betreffenden Theorie und nicht aus der Natur der Wirklichkeit
ergeben.

Dieses Phänomen läßt sich anhand eines Beispiels aus einem Zweig der
Mathematik, der sogenannten Spieltheorie, illustrieren. Stellen Sie sich
vor, zwei Menschen tun sich zusammen, um einen Betrug zu begehen. Um einen
historischen Fall zu nehmen: Haldeman und Ehrlichman arrangieren gemeinsam
die Unterschlagung von Finanzen der Demokratischen Partei und werden
erwischt. Das Beweismaterial genügt aber nicht, um sie wegen Betrugs zu fünf
Jahren Haft zu verurteilen. Gleichzeitig liegt allerdings genügend
Beweislast vor, um sie wegen einer anderen, geringeren strafbaren Handlung
wenigstens zwei Jahre ins Gefängnis zu schicken. Die Staatsanwaltschaft
bietet hierauf Ehrlichman einen Vergleich an: Wenn er zum Geständnis bereit
ist und gegen seinen Mitverschworenen klare Zeugenaussagen macht, soll er
nur ein Jahr Haftstrafe bekommen. Dasselbe Angebot erhält auch Haldeman.

Aus diesem "Spiel" können sich nun also vier mögliche Lösungen
ergeben, je
nachdem, wie sich die "Spieler" entscheiden. Wenn beide die Zusammenarbeit
mit der Polizei verweigern, kommen sie beide für das kleinere Delikt ins
Gefängnis. Wenn Haldeman mitmacht und Ehrlichman nicht, bekommt Haldeman ein
Jahr und Ehrlichman fünf. Umgekehrt ist es genauso: Wenn Ehrlichman mitmacht
und Haldeman nicht, wandert Ehrlichman ein Jahr ins Gefängnis und Haldeman
fünf. Wenn beide den Handel mitmachen, d. h. wenn jeder gegen den anderen
aussagt, wird jeder zu vier Jahren verurteilt. Dieses Spiel trägt
passenderweise den Namen "Häftlingsdilemma", weil jeder der beiden
Häftlinge
vor einer schwierigen Wahl steht. Was tut ein vernünftiger Spieler unter
diesen Umständen?

Haldeman läßt sich die Situation durch den Kopf gehen und stellt fest,
daß
er, wenn er nicht  aussagt, je nachdem, wie Ehrlichman entscheidet, entweder
zwei oder fünf Jahre bekommt. Wenn er andererseits mit der Polizei
zusammenarbeitet, bekommt er entweder ein Jahr oder vier Jahre. Folglich
bekommt Haldeman unabhängig davon, was wohl Ehrlichman tun wird, auf jeden
Fall eine kürzere Haftzeit, wenn er mit der Strafverfolgung
zusammenarbeitet. Für Ehrlichman seinerseits sieht die Situation natürlich
ganz genauso aus, und so entschließt sich auch er, als Zeuge auszusagen. Das
Ergebnis ist, daß sich beide gegenseitig belasten und jeder vier Jahre ins
Gefängnis kommt.

Dieses Ergebnis ist widersinnig, weil jeder Spieler länger als notwendig ins
Gefängnis muß. Hätten beide die Mitarbeit verweigert, so wären beide
nur zu
zwei statt zu vier Jahren verurteilt worden. Doch wie wir gesehen haben,
wäre eine Verweigerung der Mitarbeit unvernünftig gewesen. Beide taten genau
das, was ihnen ihre Vernunft sagte, und doch schneidet jeder schlechter ab,
als wenn er das Gegenteil getan hätte. Der Schluß, der sich daraus ergibt,
ist eindeutig: in diesem Fall ist es unvernünftig, vernünftig zu sein.

Verantwortlich für dieses verwirrende Ergebnis ist die Annahme - die wir
stillschweigend vorausgesetzt haben - , Vernunft bestehe darin, möglichst
effektiv auf seinen eigenen Vorteil bedacht zu sein. Geht man davon aus, daß
die Individuen immer so handeln, daß ihr eigener Vorteil herauskommt, ergibt
sich in diesem Fall der zwingende Schluß, seinen eigenen  Vorteil schlage
man am besten damit heraus, daß man ihn nicht herausschlage. Das ist Unsinn;
aber man entkommt diesem Paradox nicht anders, als daß man die ganze Theorie
aufgibt, die ihm zugrunde liegt. Die Anomalie ergibt sich also als
unvermeidliches Element der Theorie; wollen wir ihr nicht erliegen, müssen
wir die Theorie verwerfen.

...

Es ist zwar unbequem, aber der Gedanke, daß Theorien derartige Anomalien
enthalten, sollte nicht überraschen. Um es in Anlehnung an Gödel auf einen
allgemeinen Satz zu bringen: Kein axiomatisches System kann die volle
Komplexität der Wirklichkeit einfangen.

Bei der Konsens-Wirklichkeit handelt es sich um ein solches axiomatisches
System. Ihm liegen eine Reihe von a priori aufgestellten Annahmen zugrunde,
wie die der zeitlichen Abfolge und der Kausalität und das Prinzip, daß
Gegensätze sich ausschließen. Von diesen Annahmen aus konstruieren wir die
Welt, indem wir dem erfahrungsmäßigen Chaos eine begriffliche Struktur
auferlegen.

Was wir das "Problem des Lebens" genannt haben, taucht im Rahmen dieses
Wirklichkeitsmodells  als Anomalie auf. Das Leben erscheint als eine
willkürliche Ansammlung von Ereignissen, die  von einem isolierten
Bewußtseinszentrum festgehalten werden. Die Erfahrungen dieser Ereignisse
werden abstrahiert, so daß wir nicht mehr reine Erfahrung sind, sondern
diejenige  Person, der alle diese Erfahrungen zuteil werden. Weil diese
Person ins Netzwerk einer aus Begriffen gebildeten Theorie verstrickt ist
und diese Begriffe auf andere Dinge verweisen oder diese bedeuten, versuchen
wir, aus unserer Erfahrung irgendeinen Sinn abzuleiten. So ergeben sich als
grundlegende Fragen schließlich diejenigen nach dem "Sinn" des Lebens und
dem "Sinn" oder dem Zweck der Person, die da lebt.

Jedoch bei allen unseren romantischen Suchabenteuern werden wir den Verdacht
nicht los, die Antwort lasse sich letztlich gar nicht finden. Man mag noch
so lange suchen - der Heilige Gral ist unauffindbar, genau wie noch soviel
Kopfzerbrechen über das "Häftlingsdilemma" zu keiner besseren
Schlußfolgerung führt. Das Problem des Lebens ergibt sich direkt aus den
Annahmen, die der Konsens-Wirklichkeit zugrunde liegen. Wir versuchen,
unserer Erfahrung einen Sinn zuzuschreiben, indem wir unserer Erfahrung die
Aufgabe zuteilen, auf irgend etwas anderes zu verweisen oder dieses
darzustellen. Weil alles und jedes in unserer Konsens-Wirklichkeit einen
Sinn hat und weil alles und jedes darin auf etwas anderes verweist oder für
etwas anderes steht, erwarten wir, daß auch das Leben selbst irgend etwas
anderes bedeute. Jedoch logischerweise kann das Leben nichts anderes
bedeuten, insofern das Leben kein Begriff ist. Mit anderen Worten, nur
begriffliche Abstraktionen haben eine weitere Bedeutung. Die Wirklichkeit
Ihres Daseins - die Wörter auf der Buchseite, die Sie lesen, die Struktur
des Papiers, auf die sie gedruckt sind, die Geräusche in Ihrer Umgebung,
die Sie vielleicht hören - alle diese Dinge sind der "Stoff", der Ihr Leben
bildet. Sie haben nur einen Sinn in sich selbst, keinen darüber hinaus. Sie
verweisen auf nichts anderes, bedeuten nichts anderes.

Das Leben läßt sich nicht verstehen; ihm läßt sich kein Sinn
zuschreiben,
weil das Leben keine Abstraktion ist. Das Bemühen, einen solchen Sinn zu
suchen, gleicht deshalb dem Versuch, das "Häftlingsdilemma" rational zu
lösen, bei dem man sich in dem Widerspruch verfängt, daß man rational zu
sein versucht, indem man sich irrational verhält. Will man rational sein, so
muß man bewußt irrational sein, aber indem man irrational ist, ist man in
Wirklichkeit rational; folglich muß man aufhören, irrational zu sein, um
rational zu sein, und so weiter, endlos. Auf genau die gleiche Weise stellt
das Unternehmen, das Leben zu begreifen und seinen Sinn und Zweck zu
erfassen, einen endlosen Zirkelschluß des Nicht-Unternehmens dar, bei dem
der Geist verzweifelt versucht, sowohl sich selbst als auch seine Erfahrung
in den Griff zu bekommen. Das ist, als versuche ein Geräusch sich selbst zu
hören.

Dieses Unterfangen wird gelegentlich damit erklärt, daß man
irrtümlicherweise von einer Dualität zwischen Subjekt und Objekt ausgeht,
die bei der Vorstellung eines Ichs immer vorausgesetzt wird. Alle Ereignisse
und Erfahrungen werden von dem sie erlebenden Subjekt objektiviert. Dabei
betrachtet sich das Subjekt als festes Zentrum, das alle Sinneseindrücke
sortiert und auswertet. Bei der "objektiven Welt" handelt es sich folglich
um das System von Dingen, die das Subjekt so objektiviert hat, daß sie vom
beobachtenden Subjekt verschieden und unabhängig sind.

Weil dieses Subjekt alles und jedes objektiviert, versucht es auch, sich
selbst zu objektivieren und Fragen zu stellen wie: "Was bin ich?" oder
"Worin besteht der Zweck meines  Daseins?" Nun setzt schon die bloße
Tatsache, daß es diese Fragen stellen kann, voraus, daß  das Subjekt
unterscheidet zwischen Ich-als-Erfahrung und Ich-als-Erfahrender. Folglich
haben wir zwei Ichs: eines, das genauer untersucht wird und eines, das die
Untersuchung anstellt. Das Ich ist also simultan Forschender und zu
Erforschendes, wie die Zeichnung Eschers von einer Hand, die sich selbst
zeichnet. Das Ich fragt, er es ist, aber indem es diese Frage stellt, macht
es sich selbst zum Objekt statt zum Subjekt. Da nun aber das Subjekt in
Wirklichkeit eine Person sucht - also ein anderes Subjekt -, kann es eine
solche nie finden, denn das Unternehmen des Suchens macht aus dem gesuchten
Subjekt ein Objekt, und  folglich etwas ganz anderes als das, was es sucht.

So entfremdet sich das Ich nicht nur von der "Außenwelt", die aus anderen
Menschen und Dingen besteht, sondern aus seinem eigenen Geist. Das tut es,
indem es seinen Geist in zwei Hälften bricht, wobei die eine (das Subjekt)
in Ewigkeit der anderen (dem Objekt) hinterherrennt. Die Umstände, die zur
Frage nach dem Sinn des Lebens führen, sind folglich genau die Umstände, die
auch die Beantwortung dieser Frage völlig unmöglich machen. Die Frage nach
dem Sinn des Lebens ist also eine notwendige Konsequenz der Annahme, man
könne die Welt in Subjekt und Objekt aufteilen, was wiederum eine notwendige
Konsequenz aus der Konsens-Wirklichkeit ist.
Masao Abe hat das so erklärt: "Mensch sein heißt, für sich selbst ein
Problem sein ...
Mensch sein heißt, ein Ich-Selbst sein; ein Ich-Selbst sein bedeutet, sowohl
von seinem Selbst als auch von seiner Welt abgetrennt zu sein; und von
seinem Selbst und seiner Welt abgetrennt zu sein, bedeutet, ständig in Angst
zu leben. Das ist die Grundverfassung des Menschen."

Die Suche nach Sinn führt also unvermeidlich ins klassische endlose
Zurückschauen auf sich selbst, wobei der Geist ständig zwischen seinen
fälschlicherweise aufgespaltenen Hälften hin- und herpendelt.

Um dieses Manöver der Selbsttäuschung zu vermeiden, ist es
unerläßlich, die
Theorie der Konsens-Wirklichkeit aufzugeben. Da nun einmal alle Theorien
genaugenommen nicht "wahr", sondern nur brauchbare Hilfsmittel sind, kann
man sie ja tatsächlich abwandeln oder fallenlassen, wenn sie kontraproduktiv
werden. Weil alle Theorien willkürlich gesetzt sind, besteht kein Grund, an
einer von ihnen festzuhalten, wenn sie nicht mehr einem nützlichen Zweck
dient. In unserem jetzigen Zusammenhang stehen wir offensichtlich an einem
Punkt, wo die Konsens-Wirklichkeit aufhört, nützlich zu sein. Unsere
geistige Gesundheit verlangt es, daß wir wissen, wann und wie wir diese
Wirklichkeit zugunsten der nicht-dualistischen, nicht-begrifflichen
Wirklichkeit der Erfahrung hinter uns lassen sollen.

Um das fertigzubringen, brauchen wir eine Metatheorie, d. h. eine Theorie
über alle Theorien. Gödels Theorem ist metatheoretischer Natur, weil es sich
dabei nicht um ein Theorem handelt, das aus irgendeinem bestimmten
axiomatischen System abgeleitet ist (wie etwa der Satz des Pythagoras),
sondern um ein Theorem über axiomatische Systeme. In Begriffen der
Wirklichkeitstheorie gesprochen, können wir metatheoretisch sagen, die
Konsens-Wirklichkeit unterscheide sich von der "wahren" nicht-dualistischen
Welt.
...
Für unseren Zusammenhang brauchen wir eine Art Metatheorie, um unter den
verfügbaren Wirklichkeitstheorien die richtige auszuwählen, wobei wir uns
die Möglichkeit vorbehalten sollten, auch überhaupt keine Theorie zu
wählen.
Mit anderen Worten, wir müssen uns eine mentale Software entwerfen, die uns
sagt, an welchem Punkt wir alles Theoretisieren "abschalten" sollten. Eine
solche Metatheorie läßt sich leicht aufstellen. Wir brauchen dazu  lediglich
diejenigen Fragen genau zu benennen, zu deren Beantwortung die
Konsens-Wirklichkeit nicht taugt. Wir müssen also nur wissen, wann genau wir
uns mit der Welt der Konventionen abzugeben wünschen und wann nicht - , d.
h. wann wir die Wirklichkeit lieber erfahren wollen, statt den Versuch
anzustellen, sie zu begreifen.

Allerdings gilt hier das gleiche wie bei allen anderen Theorien: Wir
behaupten nicht, diese Sicht sei in jeder Hinsicht "korrekt", sondern nur,
daß sie nützlich sei. Anders gesagt, die  Vorstellung einer Metatheorie
führen wir deshalb ein, weil sie dem begrifflich denkenden Geist erlaubt,
sich selbst in die Zange zu nehmen. Sie stellt nämlich dem Geist, der in die
Falle des begrifflichen Denkens geraten ist, ein Instrument zur Verfügung,
um dieser Falle zu entrinnen. Und was noch wichtiger ist: Wenn wir die
Konsens-Wirklichkeit als ein komplexes axiomatisches System ansehen, ist der
Gedanke durchaus folgerichtig, daß dieses System von sich aus zum Schluß
führt, man solle es (zeitweilig) verlassen. Theorien können durchaus
"Schlupfloch-Klauseln" enthalten, und sie enthalten auch tatsächlich
Vorkehrungen, die den Ausstieg aus ihnen selbst vorsehen.

Um einen Vergleich von John Lilly zu gebrauchen: Man könnte sich den Geist
als eine Art "Biocomputer" vorstellen, der mit bestimmten "Programmen"
arbeitet. Wie jedes Programm kann man die Konsens-Wirklichkeit nur auf
zweierlei Weise abschalten: indem man entweder den Computer ausschaltet und
dann neu startet oder indem man im Rahmen des laufenden Programms
weiterarbeitet. Die traditionellen Methoden, wie das Verwenden eines koan
oder die Meditation sind Beispiele für das erstere: man überlastet den
Computer, was zur Folge hat, daß er "abstürzt". Mit unserer
Vorstellung
einer Metatheorie hingegen schlagen wir den zweiten Weg vor: das Programm
"begriffliches Denken" durch das begriffliche Denken im Rahmen  dieses
Programms selbst zum Scheitern zu bringen. In beiden Fällen ist das Ergebnis
das gleiche. Um noch einmal das Bild aufzugreifen: Es besteht darin, Zen zu
erlangen, indem man zum "Betriebssystem" zurückkehrt, das dem
nicht-begrifflichen Geist entspricht, d. h. dem Ausgangspunkt, an dem noch
kein Programm läuft.

Aus: B. Radcliff/A. Radcliff  Zen denken  Herder Spektrum



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