nntp2http.com
Posting
Suche
Optionen
Hilfe & Kontakt

"Regale voller Schicksale beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen"

Von: Schorsch (bartelq77@yahoo.com) [Profil]
Datum: 08.08.2007 19:16
Message-ID: <1186593405.196692.31650@o61g2000hsh.googlegroups.com>
Newsgroup: de.alt.soc.verschwoerung de.soc.recht.miscat.gesellschaft.politik de.soc.politik.misc de.sci.geschichte
<quote> Opfer des Nationalsozialismus

17,5 Millionen Schicksale

Von Rainer Schulze

Akten über Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz
06. August 2007
Die Geschichte des Häftlings mit der Nummer 89553 endet im Januar
1945. Zu dieser Zeit findet sich der Name ,,Schikowski" auf einer
Transportliste in ein Vernichtungslager. Schon 1944 saß ein Herr
,,Zychowski" im Konzentrationslager Buchenwald - auch er hatte die
Häftlingsnummer 89553. Im November 1944 war im Häftlingskrankenbau im
Außenlager Harzungen der Häftling ,,Fikowski" untergebracht. Im
Dezember 1944 lag ein Herr ,,Jekowski" im Hospital in Dora-Nordhausen.
Die Häftlingsnummer stimmte immer überein. Vier Namen, eine Nummer,
eine Identität.


In der Zentralen Namenskartei des Internationalen Suchdienstes des
Roten Kreuzes werden sie auf einem gelben Kärtchen zusammengeführt. Es
gibt 156 Versionen, den Namen Schwartz zu schreiben, 849 verschiedene
Varianten für Abramovitsch. Um zu vermeiden, dass ein Name falsch
zugeordnet wird, hat sich der Internationale Suchdienst für eine
phonetische Schreibweise entschieden. Damit, wer nach Herrn
Schikowski, Herrn Schwartz oder Herrn Abramovitsch sucht, sie auch
finden kann.


Hier liegt ,,Schindlers Liste"


Regale voller Schicksale beim Internationalen Suchdienst in Bad
Arolsen
Millionen dieser Kärtchen - Name, Vorname, Verwandte, Todesursache,
Todesdatum - lagern an der Großen Allee in einem Reihenhaus. Sie
stehen am Beginn der Suche nach den Verfolgten, Opfern und
Zwangsarbeitern des nationalsozialistischen Regimes. Auf Dokumenten
der Kriegsjahre und der Nachkriegszeit haben sie Spuren hinterlassen.


Die gelben Kärtchen in der Zentralen Namenskartei sind der Schlüssel
zu 17,5 Millionen Biographien, die einen Weg in das Archiv des
Internationalen Suchdienstes fanden. Mehr als 30 Millionen Unterlagen
lagern dort - im größten NS-Opfer-Archiv der Welt. Dort liegt
,,Schindlers Liste" - jene Namensliste, mit der der Unternehmer Oskar
Schindler 1200 Juden vor der Ermordung in Auschwitz bewahrte. Dort ist
auch vermerkt, dass ein Mädchen namens Anne Frank am 3. September 1944
von Westerbork in den Niederlanden nach Bergen-Belsen deportiert
wurde.


Seit 1946 ist der Internationale Suchdienst, zunächst noch als
,,Central Tracing Bureau" der Vereinten Nationen, in der nordhessischen
Kleinstadt beheimatet. Bad Arolsen empfahl sich durch seine zentrale
Lage inmitten der vier Besatzungszonen als Standort für die
Opferkartei. Zudem war die Stadt unzerstört. Die ehemalige SS-Kaserne
diente zunächst als Sitz, bevor das Archiv unter seinem heutigen Namen
1952 in die neuen Gebäude an der Großen Allee zog. Stellte man die
Akten in eine Reihe, wäre sie länger als 26 Kilometer. Nach dem Fall
der Mauer kamen aus den Archiven der DDR zahlreiche Dokumente hinzu -
viele Menschen erfuhren erst dann vom Schicksal ihrer Angehörigen.
Noch immer wächst der Bestand Jahr für Jahr um 250 neue
Dokumentenmeter.


Schutz der persönlichen Interessen der Opfer


Die Suchaufträge kommen aus der ganzen Welt. Besonders die
Enkelgeneration aus Amerika interessiert sich für das Schicksal ihrer
Vorfahren. Zwei Monate dauert es in der Regel, bis sie eine Antwort
erhalten. Einige kommen auch persönlich vorbei. Auf Wunsch werden
Originaldokumente eingescannt, auf eine CD gebrannt und zugeschickt.
Geburtsurkunden, Unterlagen der Krankenkassen, Arbeitseinsatzkarten
aus den Konzentrationslagern - mit viel Glück steht der gesuchte Name
auch auf einer Emigrationsliste. Rund 200.000 Anfragen gingen im
vergangenen Jahr in Bad Arolsen ein. Doch nur für den kleinsten Teil
der Dokumente gibt es Suchaufträge. Bisher wurde erst zu 2,9 Millionen
der 17,5 Millionen archivierten Opfer recherchiert.


Das kann sich bald ändern. Stand das Archiv bislang nur den
Angehörigen und den Opfern selbst offen, wird der Internationale
Suchdienst auch bald Forscher begrüßen. Die elf Staaten, denen das
Archiv untersteht, einigten sich im vergangenen Jahr auf die Öffnung
der Opferkartei. Einige Länder müssen die entsprechenden Papiere noch
ratifizieren. Der Direktor, Reto Meister, rechnet damit, dass das
Archiv noch in diesem Jahr geöffnet wird. ,,Wir haben eine Lösung
gefunden, die auch dem Datenschutz gerecht wird." Bisher hätten sich
schon einige Historiker angemeldet.


Sie müssen sich verpflichten, persönliche Daten vertraulich zu
behandeln. Das Archiv war schon vor Jahren in die Kritik geraten, weil
Forschern der Blick in die Akten verwehrt worden war. Der Suchdienst
verzögere absichtlich die Arbeit, um die Existenz zu sichern, lautete
ein Vorwurf. Das lange Prozedere sieht Meister im Schutz der
persönlichen Interessen der Opfer begründet. ,,Sie hatten Vorrang vor
der historischen Bedeutung." Er rechnet fest damit, dass sich im
Archiv noch ,,Schätze" für die Forschung finden. ,,Die Dokumente gehö
ren
zur Menschheitsgeschichte."


Datenbestand wird digitalisiert


Reto Meister sitzt erst seit einem halben Jahr auf dem
Direktorenstuhl. Traditionell liegt die Leitung der Opferkartei in der
Hand eines Schweizers. 1955 fragte Konrad Adenauer den Präsidenten des
Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, ob seine Institution zur
Leitung bereit wäre. ,,Das sollte Unparteilichkeit garantieren", sagt
Meister. Der 54 Jahre alte Schweizer arbeitet seit 25 Jahren für das
Rote Kreuz und war zuvor Generaldirektor für Asien und Pazifik. Schon
als Junge habe ihn der Holocaust geprägt. ,,Ohne Bezug zur
Leidensgeschichte kann man hier nicht arbeiten. Wir stellen kein
Telefonbuch her, sondern leisten humanitäre Arbeit."


Am 6. Juni 1955 wurde ein dem Suchdienst vorstehender Internationaler
Ausschuss eingerichtet, seine Mitglieder sind die Länder Belgien,
Frankreich, Deutschland, Griechenland, Israel, Italien, Luxemburg, die
Niederlande, Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Deutschland
verpflichtete sich, den Suchdienst zu finanzieren - in diesem Jahr
beträgt der Etat rund 14 Millionen Euro. Das Archiv wurde mit dem
humanitären Auftrag gegründet, Auskunft über das Schicksal von
Verfolgten des NS-Regimes zu geben und Familien wieder
zusammenzuführen. Der neue Direktor will mit der Öffnung des Archivs
auch die Zusammenarbeit mit der israelischen Holocaust-Gedenkstätte
Yad Vashem und dem United States Holocaust Memorial Museum in
Washington vertiefen.


Der gesamte Datenbestand wird derzeit digitalisiert. Die 320
Mitarbeiter haben mit der Digitalisierung begonnen. In der Zentralen
Namenskartei führt Angelika Dwojatzki Karte um Karte über den Scanner.
Manchmal fällt ihr Blick auf die Rückseite der Karten und die dort
eingetragenen Geburtsdaten der Opfer. ,,Das waren überwiegend junge
Männer. Jede Mutter berührt das." Damit die Namen auf dem vergilbten
Papier nicht vollends verblassen, werden alle Karten digitalisiert.
Zunächst die Dokumente aus den Konzentrationslagern. Sie machen ein
Drittel des Bestands aus. Dann die Schriftstücke aus der
Nachkriegszeit: Emigrations- und Registrierungslisten dokumentieren
das weitere Schicksal der früheren Häftlinge oder Zwangsarbeiter. Das
Papier wurde mit der Zeit sauer und porös. In den sechziger Jahren
waren die Kärtchen laminiert worden. Jetzt wird Zettel für Zettel
mühsam getrennt und in eine Entsäuerungsmaschine gegeben.


Akten aus den Konzentrationslagern


In einem Regal der Abteilung ,,Kriegszeitdokumente" finden sich in
Ordnern Listen mit Ausländern, die während des Kriegs bei der AOK
Mülheim/Ruhr erfasst waren. Darunter etliche Belgier, die als
Zwangsarbeiter die deutsche Kriegsindustrie am Laufen hielten. Auch
der Arbeitgeber ist vermerkt. Einen wichtigen Dienst erwies diese
Kartei für die Entschädigung von Zwangsarbeitern. Zwischen 2000 und
2004 gab der Suchdienst 950.000 Auskünfte an den Entschädigungsfonds.


In der ,,KL-Abteilung" erlischt häufig die Spur. Das Wort
Konzentrationslager nimmt hier niemand in den Mund. Von ,,Auschwitz"
bis ,,Welzheim" sind die schweren Stahlschränke beschriftet, die
surrend zur Seite fahren, wenn jemand die Handkurbel dreht. Darin
findet sich alles, was die Alliierten nach Befreiung der Lager
zusammentrugen. Das war nicht immer viel. Zahlreiche Akten hat die SS
vor Kriegsende vernichtet. Dennoch steht der Name Auschwitz gleich auf
mehreren Schränken. Aus Buchenwald und Dachau konnten die gesamten
Unterlagen gesichert werden. ,,Wir erheben keinen Anspruch auf
Vollständigkeit. Je weiter östlich ein Lager lag, desto lückenhafter
sind unsere Informationen", sagt Maria Raabe, Direktionsassistentin
und Pressesprecherin. Aus den Vernichtungslagern sind nur die
Transportlisten vollständig.


In den Schriftstücken spiegelt sich die Bürokratisierung der
Verfolgung unter dem nationalsozialistischen Regime: Von
Eheschließungen über Geburten und Grabstätten bis hin zu ärztlichen
Attesten wurde penibel Buch geführt. Eine Effektenliste des
politischen Häftlings Heinrich Diehl listet neben den Gegenständen,
die er bei der Einlieferung abgegeben hat, auch seinen
Gesundheitszustand auf: ein Kamm, zwei Manschettenknöpfe, Zähne
lückenhaft, Bronchitis vom 16.7. bis 18.7.39. Sogar über die Anzahl
der Läuse auf dem Kopf gibt es Vermerke. Im Lager Neuengamme fanden
die Befreier noch 4300 Effektenumschläge. Fotos, eine Puderdose, ein
Lippenstift, eine Kette, einen Ring. 2700 Umschläge konnten durch die
bisherige Recherche in der Kartei an die Angehörigen oder sogar die
Besitzer selbst übergeben werden. Zu den 1600 übrigen gibt es keine
Spur. 15 Millionen Opfer kommen als Berechtigte in Frage. Maria Raabe
seufzt. ,,Wo sollen wir denn anfangen zu suchen? Das ist der Wahnsinn."

Text: F.A.Z. </quote>
http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~EE69953C0AFC44
92CAD84FD9B6B9FB14B~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Muesste da nicht auch der Dokumentarische Beweis fuer
Massenvergasungen in Auschwitz bei sein?!


[ Auf dieses Posting antworten ]

Antworten