Re: Verdeckte Armut in Ostdeutschland
Von: Manuel Rodriguez (aa5@gmx.net) [Profil]
Datum: 03.11.2009 20:41
Message-ID: <802c560f-77c9-4e64-b497-88f43b3ffcb1@l2g2000yqd.googlegroups.com>
Newsgroup: de.soc.politik.misc
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On 3 Nov., 12:04, Uwe Borchert <uwe.borch...@gmx.de> wrote: > Hallo, > > Manuel Rodriguez schrieb: > > ...[...]... > > > Könnten wir uns vielleicht darauf einigen, dass 37 Mio Leute > > erwerbstätig sind, > > Nein! Letzte Auswertungen des Mikrozensus aus dem Jahre 2008 > ergaben eine Zahl von 34,7 Millionen Erwerbstätigen. > > Quelle: Niedrigeinkommen und Erwerbstätigkeit; © Statistisches > Bundesamt, Wiesbaden 2009; Seite 7:............................. > > In absoluten Zahlen ausgedrückt, lebten laut Mikrozensus in > Deutschland im Jahr 2008 34,7 Millionen Erwerbstätige. 22,9 > Millionen befanden sich in einem Normalarbeitsverhältnis und > 7,7 Millionen in atypischer Beschäftigung. 3,8 Millionen > arbeiteten als Selbstständige wobei 2,1 Millionen davon ohne > Beschäftigte selbstständig waren. > ................................................................ > Siehe Anhang: begleitheft_Erwerbstaetigkeit.pdf > > In den 2,1 Mio. Selbststständige ohne Beschäftigte sind auch > die sogenannten Ich-AGs enthalten. Von denen sind bereits > viele kurz vor der Privatinsolvenz und so gesehen eindeutig > nicht mehr erwerbstätig. > > Die von Destatis nach Mikrozensus ermittelte niedrige Anzahl > von Erwerbstätigen deckt sich sehr gut mit den Zahlen den DIW > über die Transferempfänger Stand 2006 aus den Daten des Sozio- > Ökonomische-Panel (SOeP). > > http://www.iwkoeln.de/Portals/0/pdf/trends01_08_4.pdf > > Dort kam für 2007 eine Anzahl von rund 33 Mio. raus, wobei > aber alle gerinfügig Beschäftigten vorab aus der Rechnung > geworfen worden. > > > und die reale Arbeitslosenquote doppelt so hoch ist > > wie die veröffentlichte von 10%? > > Das ist wiederum ungefähr korrekt. Wir haben je nach Rechnung > zwischen 33 und 34,7 Mio. Erwerbstätige bei einer angeblichen > Anzahl von 43,5 Mio. Erwerbspersonen. Wobei aber auch diese > Zahl mit Vorsicht zu genießen ist. Da können einige Nicht- > Erwerbspersonen (Rentner unter 75, Schüler die Zeitungen > austragen ... ) reingerutscht sein. Dummerweise können diese > Nichterwerbspersonen auch noch in der Zahl der Erwerbstätigen > auftauchen. Da ich die genauen Randbedingungen der Auswertungen > aus SOeP und Mikrozensus nicht kenne muss ich da vorsichtig > sein. Aber 20% (Erwerbs-) Arbeitslosigkeit scheinen plausibel. > Und die Tendenz ist steigend. > > MfG > > Uwe Borchert Erstmal muss ich sagen: Respekt vor soviel Detailwissen. Das war ja eben eine ausgewachsene soziologische Analyse. Ich möchte an dieser Stelle vielleicht noch etwas die psychologische Ebene ergänzen; wenn ich darf ;-) Zunächst einmal find ich die emotionale Reaktion bei Alg2-Anträgen bemerkenswert. Schon auf dem Weg zum Arbeitsamt oder Jobcenter geht der Puls spürbar hoch. Diese körperliche Reaktioj findet man sonst nur im Berufsleben unter Dauerstress. Beim Arbeitsamt scheint der aufputschende Effekt ein vielfaches der beruflichen Dosis zu sein. Wer als Manager den ultimativen Kick sucht, sollte seinen Job kündigen und sich um Stürze bewerben -- man fühlt sich wie auf Kokain. inkl. Absturz wenn irgendwas nicht bewilligt wird. Wie mir scheint ist diese besondere drogenähnliche Erfahrung fast ausschließlich der Unterschicht vorbehalten. Gebildete Akademiker oder Mittelschichten sind im Jobcenter immernch Exoten. Wie mir scheint sichert sich die Mittelschicht innerhalb des Erwerbslebens ab, ohne über Bande zu spielen. Mit Bande spielen meine ich das Geld vom Staat in die Biographie einzuplanen. Was mich immernoch ein wenig stört ist die Kasernenähnliche Atmosphäre in den Jobcentern: Neoröhren die summen wenn man genau hinhört, alles sehr aufgeräumt, kein Kinderlärm. Also damals beim Begrüßungsgeld 1990 war das noch anders: da gab es kleine Mädchen die von den kostenlosen Lebkuchenherzen genascht haben und vorlaute Jungs, die mit glasigen Augen die Computeranlage bewunderten. Ach ja, auf den Gängen lungert auch niemand mehr rum-- nicht so wie in der Uni wo sivh die Erstsemester auf den Fußboden pflezen und die nackten Beine rumfüßeln lassen.[ Auf dieses Posting antworten ]
