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Jüdische Geschichte - jüdische Religion 22 - Der moderne Antisemitismus

Von: HappyHippo XVI © (me@privacy.net) [Profil]
Datum: 03.11.2009 14:42
Message-ID: <hcpbua$jtr$1@hoshi.visyn.net>
Newsgroup: de.soc.politik.misc
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Über den Autor:
Israel Shahak (* 28. April 1933 Warschau; † 2. Juli 2001 in Israel) war
Professor für Biochemie an der hebräischen
Universität von Jerusalem.

Als Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen konnte er als
Jugendlicher noch vor der Gründung Israels nach Palästina
emigrieren.
Nach dem Studium in Israel studierte Shahak auch in Stanford und
leistete anschließend seinen Wehrdienst in der Armee ab. Über seinen
Fachbereich hinaus wurde er bekannt als zeitweiliger Vorsitzender der
Liga für Menschenrechte in Israel und als scharfer Kritiker des Zionismus.
<---***

---------- 22

[...]Der Charakter der antijüdischen Verfolgungen erfuhr eine radikale
Änderung in der modernen Zeit. Mit der Entstehung des modernen Staates,
der Abschaffung der Leibeigenschaft und der Erlangung minimaler
Individualrechte schwand notwendigerweise die sozio-ökonomische Funktion
der Juden, gleichzeitig aber auch die Macht der jüdischen Gemeinde
über
ihre Mitglieder. Die einzelnen Juden gewannen in immer größerer Zahl
die
Freiheit, sich in die allgemeine Gesellschaft ihrer Länder
einzugliedern.

Natürlich bewirkte dieser Übergang heftige Reaktionen sowohl
seitens der
Juden (und insbesondere ihrer Rabbiner) und den Elementen in der
europäischen Gesellschaft, die eine offene Gemeinschaft ablehnen und
für
die der Prozeß der Befreiung des Individuums ein Fluch bedeutete. Der
moderne Antisemitismus erscheint zunächst in Frankreich und Deutschland
und dann in Rußland kurz nach 1870.

Im Gegensatz zu der unter jüdischen Sozialisten vorherrschenden Meinung
glaube ich nicht, daß man seine Anfangsgründe und die nachfolgende
Entwicklung bis zum heutigen Tag dem "Kapitalismus" zuschreiben kann. Im
Gegensatz dazu meine ich, daß die erfolgreichen Kapitalisten in allen
Ländern bemerkenswerterweise im ganzen keinen Antisemitismus hegten, und
in den Ländern, in denen sich der Kapitalismus zuerst und in seiner
ausgeprägtesten Form wie in England und in Belgien etablierte, war der
Antisemitismus weit weniger verbreitet als anderswo.

Der frühe moderne Antisemitismus (1880 bis 1900) war eine Reaktion von
irregeführten Leuten, die die moderne Gesellschaft mit ihren guten als
auch schlechten Seiten tief haßten und glühend an die
Verschwörungstheorie der Geschichte glaubten. Man drängte die
Juden in
die Rolle eines Sündenbockes für das Auseinanderfallen der
alten
Gesellschaft (von der antisemitische Nostalgiker glaubten, sie sei
geschlossener und geordneter gewesen, als sie es in Wirklichkeit war)
und für alle Dinge, die als Störfaktor in der modernen Zeit
empfunden
wurden.

Doch schon am Beginn standen die Antisemiten vor einem für sie
schwierigen Problem: Wie beschreibt man diesen Sündenbock allgemein?
Welchen gemeinsamen Nenner sollen der jüdische Musiker, Bankier,
Handwerker und Bettler haben, insbesondere nach zumindest intern
weitgehender Auflösung der religiösen Merkmale?

Diese Frage beantwortete der moderne Antisemit mit seiner "Theorie" der
jüdischen Rasse. Im Gegensatz dazu waren die alte christliche und noch
mehr die moslemische Opposition gegen den klassischen Judaismus
bemerkenswert frei von Rassismus. Bis zu einem gewissen Ausmaß war dies
zweifellos eine Folge des universellen Charakters des Christentums und
des Islams sowie ihrer ursprünglichen Verbindungen zum Judaismus (der
heilige Thomas Morus erteilte einer Frau wiederholt einen scharfen
Verweis, die Einwände erhob, als man ihr sagte, daß die Jungfrau
Maria
jüdisch sei).

Ein weitaus bedeutenderer Grund ist in meiner Sicht die soziale Rolle
der Juden, die sie als integraler Bestandteil der oberen Klassen
spielten. In vielen Ländern behandelte man die Juden als potentielle
Adlige und ließ nach einem Glaubensübertritt eine Heirat mit dem
höchsten Adel sofort zu.

Der Adel in Kastilien oder in Aragon des 15. Jahrhunderts oder die
Aristokratie in Polen des 18. Jahrhunderts, um nur zwei Fälle
herauszunehmen, in denen die Heirat mit konvertierten Juden weit
verbreitet war, würde wahrscheinlich kaum spanische Bauern oder
polnische Leibeigene geheiratet haben, gleichgültig, wie hoch das
Evangelium die Armen preist. Gerade der moderne Mythos der jüdischen
"Rasse" - der versteckte, aber angeblich dominierende
Charakterzüge "der
Juden" unabhängig von der Geschichte, der sozialen Rolle oder etwas
anderem unterstellt - ist das formelle und bedeutendste
Unterscheidungsmerkmal des modernen Antisemitismus.

Dies erkannten schon einige Kirchenführer, als der moderne
Antisemitismus als eine schon etwas stärkere Bewegung auftrat. Einige
französische katholische Führer traten z.B. der neuen
rassistischen
Doktrin entgegen, die Edouard Drumont, der erste populäre moderne
französische Antisemit und Autor des berüchtigten und
weitverbreiteten
Buches La France juive (1886), vertrat. Frühe moderne deutsche
Antisemiten fanden ähnlichen Widerstand.

Es bleibt darauf hinzuweisen, daß einige wichtige Gruppen
europäischer
Konservativer sich bereitwillig des modernen Antisemitismus bedienten
und ihn für eigene Zwecke benutzten. Desgleichen benutzten die
Antisemiten die Konservativen bereitwillig bei jeder sich bietenden
Gelegenheit, auch wenn beide Seiten sich im Grunde kaum ähnelten. "Die
am härtesten [von der Feder des o.e. Drumont] betroffenen Opfer waren
nicht die Rothschilds, sondern der Hochadel, der sie hofierte. Drumont
sparte die königliche Familie ... oder die Bischöfe und
schließlich den
Papst nicht aus."

Trotzdem griffen viele Teile des französischen Hochadels, der
Bischöfe
und der Konservativen in der Regel freudig auf Drumont und den
Antisemitismus während der Dreyfus-Affäre
zurück, um zu versuchen, das
republikanische Regime zu Fall zu bringen.

Diese Art einer opportunistischen Allianz erschien häufiger in
verschiedenen europäischen Ländern bis zur Niederlage des
Nationalsozialismus. Der Haß der Konservativen auf den Radikalismus und
insbesondere auf alle Formen des Sozialismus machte sie blind gegen die
Natur ihrer politischen Bettgenossen. In vielen Fällen waren sie
buchstäblich bereit, sich mit dem Teufel zu verbünden, und
vergaßen das
alte Sprichwort, daß man einen sehr langen Löffel braucht, um mit ihm
zu
speisen.

Der Erfolg des modernen Antisemitismus und der Allianz mit dem
Konservatismus hing von mehreren Faktoren ab. Zunächst einmal ließ
sich
die ältere Tradition der christlichen Gegnerschaft gegen die Juden, die
in vielen (wenn auch nicht in allen) europäischen Ländern
existierte,
vor den antisemitischen Karren spannen, wenn der Klerus sie unterstützte
oder zumindest nichts gegen sie einzuwenden hatte. Wie der Klerus in den
einzelnen Ländern reagierte, hing weitestgehend von den
örtlichen
historischen und sozialen Umständen ab.

In der Katholischen Kirche gab es in Frankreich (aber nicht in Italien),
in Polen und in der Slowakei (aber nicht in Böhmen) eine starke Tendenz
zu einer opportunistischen Allianz mit dem Antisemitismus.

Die griechischorthodoxe Kirche zeigte einen berüchtigten Hang zum
Antisemitismus in Rumänien, nahm aber in Bulgarien die entgegengesetzte
Haltung ein. Unter den protestantischen Kirchen war die deutsche in
dieser Frage tief gespalten. Andere, wie die lettische und estnische
Kirche, neigten mehr oder weniger zum Antisemitismus, während viele
(z.B. die holländischen, schweizerischen oder skandinavischen Kirchen)
zu den ersten zählten, die den Antisemitismus verurteilten.

Zum zweiten war der Antisemitismus ein typischer Ausdruck der
Fremdenfeindlichkeit, des Wunsches nach einer "reinen" homogenen
Gesellschaft. In vielen europäischen Ländern um das Jahr
1900 (und auch
bis vor kurzem) war der Jude nahezu der einzige "Fremde". Dies gilt
besonders für Deutschland. Die deutschen Rassisten am Beginn des 20.
Jahrhunderts haßten und verachteten Schwarze genauso wie Juden, obwohl
es damals keine Schwarzen in Deutschland gab.

Haß konzentriert sich natürlich leichter auf den An- als den
Abwesenden,
und zwar besonders zu einer Zeit, als Reisen und Massentourismus noch
nicht existierten und die meisten Europäer ihr eigenes Land in
Friedenszeiten nie verließen.

Zum dritten war der Erfolg der zaghaften Allianz zwischen dem
Konservatismus und dem Antisemitismus umgekehrt proportional zu Macht
und Fähigkeiten seiner Gegner. Und die konsistenten und erfolgreichen
Opponenten des Antisemitismus in Europa sind die politischen Kräfte des
Liberalismus und Sozialismus, historisch gesehen dieselben Kräfte, die
auf verschiedene Art und Weise die durch den holländischen
Unabhängigkeitskrieg (1568 bis 1648), die Englische Revolution und die
Große Französiche Revolution symbolisierte Tradition
fortführen.

Auf dem europäischen Kontinent ist das wichtigste Erkennungsmerkmal die
Haltung zur der Großen Französischen Revolution. Grob gesagt:
Diejenigen, die dafür sind, sind auch gegen den Antisemitismus,
diejenigen, die sie mit Bedauern akzeptieren, sind am wenigsten anfällig
für eine Allianz mit den Antisemiten, und solche, die sie hassen und
ihre Auswirkungenrückgängig machen wollen, bilden das
Milieu, aus dem
der Antisemitismus stammt.

Trotzdem muß man zwischen den Konservativen und sogar Reaktionären
auf
der einen Seite und den tatsächlichen Rassisten und Antisemiten auf der
anderen Seite scharf unterscheiden. Der moderne Rassismus (von dem der
Antisemitismus nur ein Teil ist) wird von bestimmten sozialen
Bedingungen zwar verursacht, erhält aber bei wachsender
Stärke einen
Schwung, den man aus meiner Sicht nur mit dem Wort "dämonisch"
umschreiben kann.

Einmal an die Macht gelangt, ist er aber m.E. auch während seiner
Herrschaftszeit einer Analyse durch eine heutige Sozialtheorie oder eine
Reihe reiner sozialer Beobachtungen nicht zugänglich. Dies gilt
besonders für Theorien, die andere als rein "psychologische"
(Klassen-
oder Staats-) Interessen einer Gesamtheit berühren, die beim
gegenwärtigen Stand menschlichen Wissens definiert werden
können. Damit
glaube ich aber nicht, daß solche Kräfte prinzipiell nicht
erkennbar
seien. Ganz im Gegenteil muß man hoffen, daß man auch sie bei
zunehmendem menschlichen Wissen erkennen wird.

Derzeit sind sie aber weder zu verstehen noch rational vorauszusagen.
Und dies gilt für jeden Rassismus in allen Gesellschaften. Es ist eine
Tatsache, daß keine politische Persönlichkeit oder Gruppe in einem
Lande
auch nur andeutungsweise das Grauen des Nationalsozialismus vorausgesagt
hat. Nur Künstler und Dichter wie Heine besaßen die
Fähigkeit, einen
flüchtigen Blick auf das zu werfen, was die Zukunft auf Lager hat. Wir
wissen nicht, wie sie es fertigbrachten. Außerdem lagen sie mit vielen
anderen ihrer Ahnungen falsch.
[...]


--
"Given all this, for the first time since the 2003 war, fewer than half
of Iraqis, 42 percent, say life is better now than it was under Saddam
Hussein, whose security forces are said to have murdered more than a
million Iraqis."
http://www.factcheck.org/UploadedFiles/1033aIraqpoll.pdf

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