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Das jüdische Volk, der Zionismus und die Frage nach der Gerechtigkeit

Von: AngryHippo XVI (me@privacy.net) [Profil]
Datum: 07.07.2008 05:00
Message-ID: <g4s0ss$5mo$1@hoshi.visyn.net>
Newsgroup: de.soc.politik.misc
Das jüdische Volk, der Zionismus und die Frage nach der Gerechtigkeit

Marc Braverman, Ph.D., USA

Mark Braverman lebt in Bethesda, MD. Er ist ein Mitglied der „Jewish
Voices for Peace“ und ist im Vorstand der „Partner für den
Frieden“ und
der „Interfaith Alliance for Middle East Peace“ in Washington.

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Als ich in den 50ern eine jüdische Schule in Philadelphia besuchte,
erhielten wir vom jüdischen Nationalfond Faltprospekte:
Kästchen mit
einem Schlitz für kleine Münzen. Auf der Vorderseite war
eine Photo mit
einem Baum, der von hübschen, braungebrannten Leuten in Shorts gepflanzt
wird.
Wenn das Kästchen voll war, sandte man es zurück und man
erhielt ein
Zertifikat mit dem eigenen Namen und ein grÃ¶Ãźeres Foto von einem
Baum,
den man in Israel gepflanzt hat. Das machte SpaÃź und es begeisterte uns
– ich half mit, die Heimat zu kultivieren. Ich sah Bilder von Kibbuzim
und Orangenhainen, die die Täler füllten und
träumte davon, eines Tages
auch dorthin zu gehen.

Vier Jahrzehnte später, nun ein Mann mittleren Alters, sah ich Bilder
von israelischen Bulldozern, die 300 Jahre alte Olivenbäume ausrissen,
und jüdische Soldaten, die arabische Dorfbewohner fest hielten, die
hysterisch wegen der Zerstörung ihrer Olivenhaine schrieen und weinten.
Ich reiste in die Westbank – in das von Israel besetzte Palästina -
und
sah, wie die Hänge von ihren Bäumen
entblÃ¶Ãźt worden waren, um jüdische
Siedlerstädte aus Beton zu bauen. Ich sah, wie arabische
Häuser
eingeebnet und Gärten zerstört wurden, damit Platz
für eine acht Meter
hohe Betonmauer geschaffen wird, die mitten durch palästinensische
Städte und Felder läuft. Ich sah, dass dies nicht in Ordnung
ist. Ich
konnte die Geschichte nicht glauben, dass dies nur zu
Verteidigungszwecken sein soll. Mir wurde deutlich, dass dies eine Lüge
war.

Als ich in die USA zurückkehrte, begann ich von meinem Schreckerlebnis,
meiner Traurigkeit und meiner groÃźen Sorge über das, was ich
gesehen
habe, zu erzählen. Mir wurde dann von meinen Glaubensgenossen gesagt, so
dürfe ich nicht reden. Man sagte mir auch, dass mich dieses zu einem
Feind der Juden machen würde und dass ich so den Weg zum
nächsten
Holocaust ebnen würde. Viele Juden sagten mir, dass ich so meinem Volk
gegenüber unloyal sei, dass ich auf die palästinensische
Seite
übergewechselt sei. Ein jüdischer (rabbinical) Student sagte
zu seinen
Kollegen, ich sei offensichtlich zum Christentum übergetreten und
würde
nur so tun, als wäre ich ein Jude, um die Zerstörung des
jüdischen
Volkes zu verursachen. Ich habe in vielen Gruppen über meine Erfahrungen
(in den besetzten Gebieten) gesprochen – fast nur in Kirchen. Ich sollte
noch in einer Synagoge reden. Ich versuche sehr, all diesem einen Sinn
zu geben und einen Weg zu finden, um das Ganze zu begreifen.

Jüdische Geschichte: Das Ãśberleben und sein Schatten

Der Zionismus war die Antwort auf den Antisemitismus des christlichen
Europa. Trotz der Aufklärung war es nicht gelungen, die Juden als
emanzipierte, im Europa des 18. und 19. Jahrhundert anerkannte Gruppe zu
etablieren. Und die Zunahme des politischen Antisemitismus im späten 19.
und zu Beginn des 20. Jahrhundert lieÃź den politischen Zionismus unter
der Führung von Theodor Herzl entstehen. Der Zionismus
drückte den
unbändigen Wunsch des jüdischen Volkes aus, einen eigenen
Staat zu
errichten - als eine Nation unter anderen Nationen mit eigenem Land und
der Möglichkeit, über sich selbst zu bestimmen. Deshalb
hört man bei
Predigten in den Synagogen, bei Vorträgen über die
jüdische Geschichte,
im Schulunterricht vor kleinen Kindern und bei lebhaften Diskussionen
über das israelisch-palästinensische Problem immer
zunächst das Wort
„Jahrhunderte lang“ – und dann folgt die Beschreibung des Leidens
der
Juden durch ihre Unterdrücker. Tatsächlich auch in unserer
Liturgie,
besonders in der vom Pessachabend. Die Geschichte des jüdischen
Ãśberlebens ist trotz all der Verfolgungen auf verschiedene Weise unser
Lied. … es ist in unserm kulturellen DNA. Es ist das Mantra unseres
Volkes. Es sitzt sehr tief.

Diese einzigartige jüdische Qualität ist nicht das Produkt
irgend
welcher kultureller Verirrung oder ein kollektiver Charakterfehler. Die
Entwicklung dieses besonderen Merkmals des Selbstschutzes ist während
langer Verfolgungszeiten, der Marginalisierung und Dämonisierung zu
einem Teil unseres Ãśberlebenskampfes geworden. Wir überlebten zum
Teil,
weil wir Rituale, Gewohnheiten und eine Haltung der Abgeschlossenheit
entwickelten, auch des Stolzes und der Ausdauer, die uns nie erlaubten
zu vergessen. Wir blieben wachsam und waren stolz auf unsere
eigensinnige Vitalität angesichts derjenigen, die uns zu
zerstören
versuchten. Wenn wir in unserer modernen liturgischen Ausdrucksweise vom
Staat Israel als „ der ersten Blüte unserer
Erlösung“ reden, denken wir
an die Realität unseres Ãśberlebens, über die
Bedeutung, dass wir
politisch Selbstbestimmung erreicht haben – im Kontext der
jüdischen
Geschichte: es ist gut, überlebt zu haben.

Aber wir müssen auch deutlich die Schatten sehen, die diese Geschichte
heute auf uns wirft.

Wir haben darum gekämpft, Herren unseres Schicksals zu werden –
aber,
nachdem wir dies erreicht haben, muss uns klar sein, dass wir für unsere
Aktion und für die Folgen dieser Aktionen verantwortlich sind. Frei
sein, heiÃźt auch, frei entscheiden. Die Tragödie der
jüdischen
Diasporageschichte in unserm eigenen kulturellen Narrativ als auch in
der Realität wurzelt in unserer Geschichte der Machtlosigkeit und
Passivität. Der Zionismus hat dies korrigiert, und es ist ihm zweifellos
gelungen – weit über die Erwartungen von Juden und Nicht-Juden
hinaus.
Aber wenn wir nun Sklaven der Folgen unserer Ermächtigung werden, sind
wir nicht frei und in Wahrheit auch nicht mächtig. Der Nazi-Holocaust
wirft im besonderen seine Schatten über unsere jüngste
Geschichte und
die Geschichte des Staates Israel. Die Nazi-Kampagne, das Weltjudentum
auszulöschen, ist zu einem Teil unserer einzigartigen
jüdischen
„Liturgie der Zerstörung“ geworden, die Art und Weise, in der
Juden
während aller Jahrhunderte im Kontext der jüdischen
Geschichte dem
Leiden einen Sinn gegeben haben .

Aus dieser Matrix der Verwundbarkeit und des Opferstatus …kommt der
zionistische Schrei: „Nie wieder!“ Aber der moderne Staat
instrumentalisiert mit seiner Politik – angeblich um unser Volk zu
bewahren – den Holocaust als Rechtfertigung für unrechte Taten und
betrügt so den Sinn der jüdischen Geschichte. Man erreicht
die eigene
Erlösung/ Befreiung nicht - auch nicht vom abscheulichsten Bösen
– indem
man ein anderes Volk unterdrückt. In dieser augenblicklichen Ära
der
Macht und Selbstbestimmung für Juden in Israel stehen wir einer
groÃźen
Gefahr gegenüber, die die physischen Gefahren von Tausenden von Jahren
der Verfolgung weit übersteigt.

Israel und Palästina: die Wirklichkeit steht Kopf

Die stürmische Kontroverse über die
israelisch-palästinensische Frage
heute – eine Kontroverse, die die jüdische Gemeinschaft hier in den
USA,
als auch in der israelischen Gesellschaft teilt, steht offensichtlich
für diese Gefahr. Die Geschichte des Konfliktes und des
BlutvergieÃźens
zwischen dem Staat Israel, seinen arabischen Nachbarn und der
einheimischen Bevölkerung des historischen Palästinas ist die
unvermeidliche und vorhersehbare Folge der kolonialistischen Natur des
zionistischen Unternehmens. Obwohl der Zionismus – nicht wie die anderen
europäischen kolonialen Projekte ursprünglich auf Besatzung
und
Ausbeutung eines unterworfenen Volkes aus war – und die Zionisten
zunächst nur ein Refugium für sich selbst suchten, so war es
doch ein
koloniales Siedlerunternehmen.

Was unheimlich und tragisch im augenblicklichen Diskurs ist, ist die
Rolle der Kämpfer, die auf den Kopf gestellt wird: die Juden werden als
die Opfer dargestellt und die Palästinenser als die Aggressoren. In
Wahrheit sind die Palästinenser die Opfer: enteignet, machtlos und
gepeinigt. In jeder Weise sind die Juden die Sieger und Mächtigen. Die
Juden in Israel werden durch Akte des Volkswiderstands von Seiten der
Palästinenser wie von Stichen geplagt. Aber im Vergleich zur
augenblicklichen Machtbalance, sind dies nichts anderes als Nadelstiche.
Gleichzeitig wird dieser Widerstand von Verzweiflung und Demütigung
eines vertriebenen und besetzten Volkes angeheizt und von politischen
Kräften innerhalb und auÃźerhalb Palästinas erweitert
und ausgenützt. So
schrecklich Widerstandsakte wie Selbstmordattentate und der
Raketenbeschuss über die Grenze ist, ist Israels Vormacht, seine Macht
und sicherlich auch seine Sicherheit durch solche Akte nicht bedroht.
Selbstmordattentate sind schrecklich und terrorisieren. Doch ist es zu
einfach und bequem, ein ganzes Volk dafür zu strafen. Das Image der
Palästinenser als gewalttätiges Volk, als
„Terroristen“, denen es um die
Zerstörung Israels geht, ist nicht das wahre Bild. Die Wahrheit ist,
dass die Palästinenser ein friedliches und geduldiges Volk sind –
und
zur Zeit ein zorniges, gedemütigtes und gepeinigtes Volk. Ihre Schuld
während der letzten 60 Jahre war ihr relativer Mangel an Organisation,
die wirksam von den Briten während ihrer fast 30jährigen
Herrschaft
aufgebaut worden war (?? R) – im Vergleich zu dem hoch organisierten und
effektiven zionistischen Kolonialprojekt. Sie müssen jetzt
dafür zahlen,
indem sie einer unaufhörlichen Auflösung ihrer Wirtschaft und
Infrastruktur gegenüberstehen und der Unfähigkeit ihrer
Führung, sich
selbst zu regieren. Israel hat übernommen, was die Briten
hinterlieÃźen –
mit weit grÃ¶Ãźerer Effizienz und Gründlichkeit.

Die jüdische Diskussion

Auch wenn es schmerzlich und sehr beunruhigend ist, sehe ich die
Grausamkeit und Tiefe der augenblicklichen Trennung innerhalb der
jüdischen Gemeinschaft in der Diaspora als eine Gelegenheit des Dialogs.
Dies ist ein Problem mit Krisisproportionen für Juden – wir
müssen dies
ernst nehmen. Wir müssen zu diesem Gespräch ermutigen. Wir
würgen diese
Diskussion aber auf eigene Gefahr hin ab. Wir sind als Juden dafür
verantwortlich, unsere Beziehungen zu Israel zu überprüfen,
und nicht
die Geschichten anzunehmen, mit denen wir vom jüdischen Establishment
versorgt werden: von Synagogen, jüdischen Gesellschaften,
Lobby-Organisationen und dem Rest des Apparates, dem daran liegt, den
mächtigen Strom finanzieller und politischer Unterstützung
für Israel
aus Regierungskreisen und privaten Quellen zu erhalten. Wir müssen
unsere Ãśberzeugungen und Gefühle
überprüfen, die die Bedeutung des
Staates (Israel), besonders auch in der Beziehung zum Antisemitismus für
uns persönlich betrifft. Bin ich, der ich als Jude in Amerika lebe,
davon überzeugt, dass der Staat Israel für mich als
Zufluchtort so
wichtig ist, wenn ich mich in meinem Land (in den USA) unsicher oder
benachteiligt fühle? Habe ich persönlich das
Gefühl, dass die Existenz
eines jüdischen Staates für mich, mein
Jüdischsein oder für die von mir
gewählten religiösen Werte und meinen Glauben wesentlich ist?
Glaube
ich, dass die Welt auf Grund der Jahrhunderte langen Gewalt, der
Verfolgung, die im Nazi-Holocaust gipfelte, den Juden einen Staat
schuldet? Dies sind alles wichtige Fragen, die gestellt werden müssen,
mit denen man sich aus einander setzen muss und die an der Realität des
augenblicklichen Lebens gemessen werden müssen. AuÃźerdem sollten
wir uns
als Diasporajuden fragen, woher bekommen wir unsere Informationen über
die Geschichte des Staates Israel und über die augenblickliche
politische Situation. Auf welche Nachrichtendienste kann ich mich
verlassen, welche Internetseiten suche ich auf? Was wissen wir über die
Diskussion, die heute innerhalb Israels stattfindet z.B. beim aktiven
Dialog, der auf den Haaretz-Seiten gefunden wird, oder über die
Organisationen, die als Opposition zur israelischen Regierungspolitik
sich outen und über die schneller werdende, revidierte zionistische
Geschichte, die von den „neuen“ jüdisch-israelischen
Historikern
geliefert wird?

Wir müssen bereit werden, unsere strikte Leugnung/ Ablehnung der
augenblicklichen Realität und die begangenen Ungerechtigkeiten (
gegenüber den Palästinensern) durch den Zionismus zu
überwinden. Walter
Brüggemann, der protestantische Theologe, schreibt in seinem Buch
über
die prophetische Imagination, auch über den prophetischen Aufruf zur
Klage und Trauer, dass wir nur auf diese Weise hoffen können, uns auf
eine neue und bessere Realität hin zu bewegen. Nur wenn wir nach Jeremia
in der Lage sind, über unsere eigene Gebrochenheit zu weinen (
Trauerarbeit) und uns den Auswirkungen des von uns verursachten Leidens
stellen, können wir Empfänger von Gottes Gnade werden. In
andern Worten,
wir müssen die Ableugnung dessen, was wir getan haben, durchbrechen. Die
Machtstruktur empfiehlt natürlich das Gegenteil. Der Staat stellt die
Geschichte auf den Kopf, um die Wahrheit zu übertünchen:
„Dies wurde im
Namen der nationalen Sicherheit getan.“ „Die anderen sind die
Terroristen, sie sind das Hindernis zum Frieden.“

Eine besonders heikle Form der Ableugnung, der Unterlassung der Klage
ist, wie einige Juden sich mit Aktionen der israelischen Regierung
auseinandersetzen, aber vermeiden, sich mit den grundlegenden Fragen der
Gerechtigkeit zu befassen. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen:
zunächst durch einen „pragmatischen“ Schritt, den man auch
eine
Aufforderung zu „fortschrittlichem Eigennutz“ nennen könnte:
„Die
Besatzung war ein Fehler! Sie ist nicht gut für Israel. Den
Palästinensern die Selbstbestimmung zu verweigern und sie einer
demütigenden Militärverwaltung zu unterwerfen
führt zu Hass und
Verzweiflung, die sich dann gegenüber Israelis in Gewalt
äuÃźert.“

Einige amerikanisch-jüdische Organisationen, die hoffen von der
Mainstream-Gemeinschaft nicht an den Rand gedrängt zu werden oder als
„pro-palästinensisch“ bezeichnet zu werden, nehmen diese
Position ein.
Auch sie ignorieren die Frage der Gerechtigkeit …“Israel sollte
aufwachen und seine Politik ändern, falls es in Frieden leben will, und
es solle den wirtschaftlichen Aderlass eines unendlichen Konfliktes
begrenzen.“ In inoffiziellen Gesprächen mit einigen
jüdischen
Amerikanern, die diese Meinung vertreten, habe ich Bekenntnisse gehört,
ihre Stellungnahme sei viel extremer hinsichtlich ihrer Gefühle
über
israelische Politik, aber sie halten es, aus strategischen Gründen
für
wichtig, an dieser Linie festzuhalten, um die Glaubwürdigkeit mit dem
jüdischen Establishment genau so wie mit den Regierungsgesetzgebern
aufrecht zu erhalten.

Eine zweite Art der Ableugnung, die für mich ernster und noch
beunruhigender ist, findet man in den Reihen derer, die man jüdische
Progressive Bewegung nennt. In seiner Kritik dieses Teiles des
amerikanischen Judentums bemerkt der jüdische Befreiungstheologe Marc
Ellis, dass während dieses Element der Judenheit (nur) Aspekte der
jüdischen Vorherrschaft durch Anerkennung der Gültigkeit der
palästinensischen Bestrebungen anerkennt, so begrenzt es doch das Ziel
der Kritik, indem es die dieselbe jüdische Vorherrschaft für
notwendig
hält als eine Lösung der jüdischen Geschichte.
Diese Ansicht erkennt das
Problem der Gerechtigkeit an, versucht dies aber innerhalb des Kontextes
der jüdischen Mainstream-AnmaÃźung auf Ansprüche
hinsichtlich der Rechte
der Juden auf das historische Palästina. (??)

„Könnten wir doch nur diese schmutzige Sache mit der Besatzung in
Ordnung bringen!“ sagen diese Leute,“ dann könnten wir uns
über das Land
freuen – ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.“ Dieser Gesichtspunkt
grenzt den Diskurs über die Aktionen von nach 1967 ein: er leugnet die
Geschichte der vorausgegangenen Vertreibung der Palästinenser.
Tatsächlich vermeiden progressive jüdische Organisationen
die Diskussion
über die Nakbah, ein arabisches Wort für
„Katastrophe“, das die
ethnische Säuberung von drei Viertel einer Million
Palästinenser aus dem
historischen Palästina durch israelisches Militär zwischen
1948 und 1949
beschreibt. Progressive Juden sind tatsächlich dafür
bekannt, irritiert
zu sein, wenn andere Juden dieses Thema anschneiden. SchlieÃźlich
vermeidet man die grundsätzliche Frage, wie ist es möglich,
dass ein
jüdischer Staat, der als Zufluchtsort und Heimstätte
für Juden gegründet
wurde, eine wirkliche Demokratie sein soll, in der Gerechtigkeit
herrscht und Nicht-Juden fair behandelt werden. Man meidet die verwandte
und genauso grundsätzliche Frage der Demographie – das Thema, das
vor
allem die israelische AuÃźenpolitik bestimmt und den augenblicklichen
politischen und militärischen Konflikt anheizt. Alles in allem wollen
Juden auÃźerhalb Israels … diese Fragen vermeiden – ja, sie
sind tabu.

Dies ist Ableugnung – es ist ein grundsätzliches
Versäumnis, die Folgen
der jüdischen Aktionen vor und nach 1948 zu akzeptieren (??) und darum
auch ein Versäumnis über die besondere
jüdische Tragödie zu klagen, an
der wir Juden heute leiden. Auch wenn wir zu den Grenzen von 1967
zurückkehren – als ob das geschehen würde –
wird nichts besser werden.
Dies wird Israel nicht zu einer gerechten Gesellschaft machen mit
Achtung vor seinen palästinensischen Bürgern. Dies wird
nichts von dem
tilgen, was den Palästinensern geschehen ist, die 1948 aus ihren
Städten
und Dörfern vertrieben wurden. Die Sache mit der Gerechtigkeit wird
nicht oben an gesetzt. Vielmehr werden die Interessen Israels oben an
nicht-jüdischen Bewohnern des historischen Palästina
– egal auf welcher
Seite der Grenze sie bei den Endstatusverhandlungen dann sein werden…

Schlussfolgerungen: Christen, Juden, Antisemitismus und unsere
Verantwortlichkeit

Das Problem des Antisemitismus ist komplex und tief in 2000 Jahre
westlicher Geschichte eingebettet. Unter liberalen christlichen
Theologen und religiösen Führern wurde der Supercessionismus (
Ãśberspitzung der Idee des völligen
Zurückdrängens? ) – der Auffassung,
dass das in den Evangelien dargestellte Christentum, kam, um nach Gottes
Plan für die Menschheit das Judentum zu ersetzen – das DAS
Böse
schlechthin wurde. Das von der Geschichte gut fundierte Argument ist,
dass die in den ersten Jahrhunderten nach Christus entwickelte und im
christlichen Glauben und in christlicher Lehre zentrale Idee die
Grundlage für den Antisemitismus legte. In ihrem Eifer, die
Ungerechtigkeiten der Vergangenheit zu korrigieren, ja zu sühnen, sind
die christlichen Führer und Denker jetzt in Gefahr, einen wichtigen
Aspekt des frühen christlichen Denkens aus den Augen zu verlieren. Das
Christentum hat bei seinen neuen Ãśberlegungen der Beziehungen Gottes zur
Menschheit, eine Revolution ausgelöst. Aus Israel, einem Volksstamm,
wurde nun ein Volk. In der christlichen Neu-Ãśberlegung war Gottes
Bindung gegenüber der Menschheit durch die Wahl der mit einer besonderen
Rolle in der Geschichte beauftragten Nachkommen Abrahams in Gottes Liebe
zur Menschheit umgewandelt worden und die Einladung an alle, Teil einer
universalen geistlichen Gemeinschaft zu werden. Dies war ein groÃźer
Beitrag, ein groÃźer Schritt vorwärts und dies hat heute seine
besondere
Bedeutung, da alle Religionen darum kämpfen, von den
„konstantinischen“
, sich auf Macht gründende Religionen wegzukommen zu Gemeinschaften, die
auf Vielfältigkeit, Menschenrechten und Gerechtigkeit beruhen.

Die Wahl zwischen einer auf Macht beruhenden Religion, die mit
politischer Macht und Unterdrückung übereinstimmt und einer
Religion,
die sich auf eine Vorstellung von Gemeinschaft gründet, sollte von allen
Glaubensgemeinschaften ins Auge gefasst werden. Juden und Christen
sollten darüber reden, ja, auch mit ihren muslimischen Freunden und
Kollegen, um gemeinsam den zentralen Herausforderungen unserer Zeit
begegnen zu können. Diese Diskussion würgen wir aber auf
eigene Gefahr ab.

Unsern christlichen Brüdern und Schwestern sage ich – gebt nicht
aus
Schuldgefühlen für Antisemitismus dem
jüdischen Volk eine Freikarte,
verwechselt nicht Antisemitismus mit Kritik an Israel und versäumt so,
die Juden für ihre Aktionen verantwortlich zu machen – als
Mitglieder
der menschlichen Gemeinschaft, als Individuen und als Staat ---
besonders als Staat einer Nation. Lasst euch nicht von der Drohung
einschüchtern, als Antisemiten abgestempelt zu werden. Das ist eine
bösartige Täuschung. Als Juden suchten wir politische
Selbstbestimmung
und erhielten sie. Nun müssen wir uns nach den Prinzipien der
Gerechtigkeit und entsprechend dem Völkerrecht verhalten - als Ausdruck
universal überein gekommener Prinzipien der Gerechtigkeit. Als Juden
sind wir täglich damit konfrontiert, da wir Zeugen der illegalen und
unterdrückerischen Aktionen des jüdischen Staates
gegenüber dem
palästinensischen Volk sind und verdrängen dies schnell.
Politische
Ermächtigung stellt gegenüber den sittlichen
Wertvorstellungen eine
groÃźe Herausforderung dar.

Die Propheten wussten dies nur zu gut und sprachen diese Wahrheit
ständig gegenüber den Machtstrukturen ihrer Zeit aus.
Gegenüber dem
unterdrückten jüdischen Volk im Exil erklärte
der Deutero-Jesaja, dass
Befreiung, Trost und Erquickung kommen werden, aber nur wenn das Volk
die göttliche Deutung seines Leidens anerkennt. Meinen
jüdischen
Glaubensbrüdern in Israel und Amerika sage ich, dass wir letzten Endes
als Volk nur in dem MaÃźe überleben, wie wir verstehen
können, wie unser
eigenes Leiden uns zu einem Teil der Menschheit und verantwortlich für
das Leiden anderer macht, wo und wann immer es geschieht. Es war Roberta
Feuerlicht, die jüdische Ethikerin, die sehr richtig schrieb: „Das
Judentum überlebte Jahrhunderte der Verfolgung ohne Staat – nun
muss es
lernen, trotz eines Staates zu überleben“.

--
"Given all this, for the first time since the 2003 war, fewer than half
of Iraqis, 42 percent, say life is better now than it was under Saddam
Hussein, whose security forces are said to have murdered more than a
million Iraqis."
http://www.factcheck.org/UploadedFiles/1033aIraqpoll.pdf


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