Bierwirths Versuch, das Zen im Hagakure zu widerlegen
Von: Guido Keller (zen@unicum.de) [Profil]
Datum: 19.04.2008 02:29
Message-ID: <a7fi04h1rpb9aakj90uqbg0n5kh8sj51s1@4ax.com>
Newsgroup: de.soc.kultur.japan
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Gerhard Bierwirths Bushidô - Der Weg des Kriegers ist ambivalent (Iudicium 2005) Es gibt Neues von der "Hagakure-Front". Habe ich schon erzählt, wie einst ein Meinungskampf auf einer Japanologen-Mailinglist tobte, wo sich Akademiker so weit in ihre Wut auf alles steigerten, was a) die Verbindung von Zen und Kampfkunst als historisch belegbare und edle Tugend anpreist, und b) von Nicht-Japanologen dazu übersetzt und geäußert wird - dass jene Akademiker ganz übersahen: Inazo Nitobes Bushido wurde doch tatsächlich in Englisch geschrieben? Eine lesenwerte Auseinandersetzung mit dem "Weg des Kriegers", die sich auf die gleiche Weise rechtfertigen will und dem gleichen - auf selektiver Leseweise - beruhenden Fehlurteilen anheim fällt, ist Bierwirths Büchlein. Auf S. 126 gibt der Autor zu, des "vormodernen Japanisch nicht mächtig" zu sein, also im Grunde auch aus einer Zweitsprache übersetzt zu haben, meint aber im gleichen Atemzug, die anderen Übersetzungen, die aus dem Englischen kursierten, seien "willkürlich und haltlos". Ich erinnere hier daran, dass ich Takao Mukoh, der fließend Englisch spricht und Bücher in Englisch z. B. auch über das Schreiben von Geschäftsbriefen (in Englisch) verfasst hat, persönlich traf, um mit ihm über weitere Textstellen zu sprechen, so dass ich nicht erkennen kann, wie bei einer solchen Übertragungsleistung letztlich ins Deutsche mehr verloren gehen soll als bei Bierwirth. Was ist das nur für eine unerträgliche Eitelkeit unter diesen Akademikern? Und Bierwirth ist laut Klappentext nicht mal Japanologe, sondern "Literaturwissenschaftler". Gern erinnere ich auch daran, wie wir einst in Foren uns um die Übersetzungen von Haruki Murakami stritten, der als einer der wenigen ganz klar sagte, ihm sei es recht, wenn seine Werke etwa aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt würden. Da diese Übersetzungen einst besser lesbar waren als die Direktübersetzungen von Murakami es heute sind, kann man diese Schlauheit nur bewundern. Eine einzelne verhärmte Feministin in einer Literatursendung genügte aber, um dem in Deutschland ein vorläufiges Ende zu bereiten. Kommen wir zum Punkt. Natürlich versucht Bierwirth im Kapitel "Das Hagakure neu lesen" auch zu beweisen, dass das Hagakure nichts mit dem Buddhismus zu tun hat, weil er als Westler diese beiden Dinge nicht zusammen bekommen kann. Dazu nennt er eine einzige Textstelle (S. 132: "Darüber hinaus ist es ein Akt der Feigheit und höchst bedauerlich, den Kriegern den Weg des Buddha zu empfehlen ..."). Später meint er: "In seiner Ablehnung des Buddhismus, sprich der Religion, ist der Verfasser des Hagakure weitaus politischer (und philosophischer) ..." (S. 138). An anderer Stelle hat Bierwirth zwar zu Recht auf die Widersprüchlichkeit des Hagakure hingewiesen, doch wollen wir ein paar Fakten, die obige These widerlegen, nicht verschweigen. 1) Schon als Samurai hat der Autor des Hagakure, Yamamoto Tsunetomo, mit etwa 30 Jahren den Zen-Lehrer Tannen als Ratgeber herangezogen. Erst mit über 40 Jahren wurde der Autor aber Zen-Mönch. Wenn sich seine Ansichten als Samurai herausbildeten, dann also bereits unter Einfluss eines Zen-Lehrers, und offenbar ohne große Differenzen, denn nach dem Tod seines Fürsten blieb dem Samurai zwar nicht viel anderes übrig, als Mönch zu werden, doch hätte er durchaus nicht dem Zen-Orden beitreten müssen. Außerdem diktierte der Autor sein Werk eben erst als Zen-Mönch - ganz offensichtlich, ohne selbst darin einen Widerspruch zu sehen. 2) Im Kapitel "Nachtgespräch" heißt es im Hagakure: "Sprich jeden Morgen dein Gelöbnis für Buddha". Wie verträgt sich das mit dem Zitat von Bierwirth? Meine Antwort: Der Krieger geht den Weg des Kriegers, nicht des Mönchs, aber er kann sich dabei Buddha anvertrauen, ohne die Gelübde des Mönches auf sich zu nehmen. 3) An anderer Stelle heißt es: "Wenn jemand zum Buddhismus erweckt wird, leben die Lehren des Buddha bereits in seinem Geist." Dies ist eine typische Zen-Aussage, die auf die eingeborene Buddha-Natur verweist und ein unwiderbringliches Zeugnis dafür ist, dass Tsunetomo nicht nur nominell Mönch war, sondern als einer, der die Zen-Lehre erfasst hatte, weiterhin Samurai-Doktrinen vertrat. 4) Und dann dies: "Priester Tannen erzählte mir: ‚Man wird normalerweise belehrt, sich durch und durch von allen Ideen und Gedanken für die Erleuchtung freizumachen, ohne diese selbst zu verstehen; die Tugend der Konzentration mit reinem Herzen steht mit der Tugend der Freiheit von allen Ideen und Gedanken in Verbindung.' Das ist wahrhaft treffend formuliert." Dies ist ein klarer Verweis auf die Zen-Lehre des Nicht-Denkens (mushin). Das sind also immerhin vier Belege dafür, wie ein Akademiker durch Vorenthalten von Textinformation (und mir stand nur etwa ein Zehntel des Originaltextes für den Gegenbeweis zur Verfügung) seine vorgefasste Meinung zu stützen sucht. Die von Bierwirth in seiner Bibliografie erwähnte englische Übersetzung des Hagakure von Wilson enthält noch diese Analyse: "Tannen's own ideas concerning the relationship of Zen and the warrior can be seen from the section of Hagakure in which he declares that religious matters are for old men, and if young samurai learn about Buddhism it will only bring them disaster, for they will begin to look at the world from two sets of values rather than one." In Wilsons Übersetzung des Originals heißt es: "The priest Tannen used to say in his daily talks that: A monk cannot fulfill the Buddhist Way if he does not manifest compassion without and persistently store up courage within. And if a warrior does not manifest courage on the outside and hold enough compassion within his heart to burst his chest, he cannot become a retainer. Therefore, the monk pursues courage with the warrior as his model, and the warrior pursues the compassion of the monk." Hier ist dann endgültig der Widerspruch zwischen Mönch und Krieger aufgehoben, in der typischen Zen-Weise, bei der alles sich gegenseitig durchdringt, wie es ausgiebig etwa im Kegon-Sutra verhandelt wird. Guido Keller[ Auf dieses Posting antworten ]
