nntp2http.com
Posting
Suche
Optionen
Hilfe & Kontakt

Zeugen Jehovas: B. - erkennt seine Homosexualität

Von: zeugen.jehovas.faq@googlemail.com [Profil]
Datum: 03.06.2007 11:24
Message-ID: <1180862670.742026.210250@g4g2000hsf.googlegroups.com>
Newsgroup: de.soc.familie.misc de.soc.weltanschauung.christentum
Die offizielle FAQ rund um das Thema Zeugen Jehovas hat ihre Pforten
eröffnet.

http://zj-infolink-faq.ath.cx/

Adhiambo Marahaba

====  Beginn lizenzierter Content ===
http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/de/

Quelle:Infolink

Es war 1972 in Turin, in Norditalien. Es gab zu dieser Zeit nur mich
(ich war gerade 3 Jahre alt) und meinen kleinen Bruder. Er war noch
ein Baby, als es an der Tür klingelte. Es waren zwei junge Frauen von
den Zeugen Jehovas. Meine sehr religiös erzogene Mutter hatte keine
Zeit für sie. Aber die 2 Frauen baten ihr Hilfe an, im Haushalt
mitzuhelfen und auch um auf uns Kindern aufzupassen, Hauptsache, meine
Mutter nimmt sich dann die Zeit, sich die biblische Botschaft
anzuhören. Das hatte meine Mutter beeindruckt, diese ,,brüderlichen
Liebe und Hilfsbereitschaft". Später studierte sie die Bibel mit
ihnen. 1974 taufte sie sich als Zeugin Jehovas (ZJ). So begann es,
dass ich bei den ZJ ,,aufgewachsen" bin.

Ich bin Erstgeborener von 4 weiteren Geschwistern, mein Vater war
damals nicht interessiert. Doch nach 17 Jahren ließ auch er sich als
ZJ taufen, denn er ertrug Mutters Druck nicht mehr aus, und um den
Hausfriedens Willen, da er eh keine schlechten Angewohnheiten hatte,
wurde auch er ein ,,passiver" ZJ. Später wurde auf ihn ständig
rumgehackt, warum er nur das Nötigste tat und sich keine Mühe gab, um
mehr Vorrechte in der Versammlung zu bekommen.

Wie dem auch sei, als großes Vorbild der Familie, der älteste Bruder,
der ein Beispiel bei seinen Geschwistern sein sollte musste ich doch
gleich vor der Pubertät an feststellen, bei mir stimmt was nicht. Mein
Interesse galt meinem gleichen Geschlecht. Außerdem hatte ich auch
ziemlich ,,extrovertierte" Interessen, wie z.B. die Musik, Theater,
Kino, Mode, Kunst, usw. Aber ich hatte auch Ziele wie: Lehrer werden,
Fremdsprachenkorrespondent, oder Banker, irgendwas in der Richtung und
ich merkte gleich, das konnte ich mir glatt vergessen. Trotz
Italiener, der mittlerweile in Deutschland lebte, hatte ich tolle
Schulnoten und hätte reibungslos ins Gymnasium gehen können, was auch
mein großer Wunsch war. Keine Chance!

Mein Vater hatte nichts zu entscheiden. Meine Mutter ließ sich
Ratschläge von den Ältesten geben, was sie mit ihrem rebellischen Sohn
machen sollte, weil ich doch keinen ,,handwerklichen" Beruf lernen
wollte, der für ,,das Paradies" nützlich sein sollte. Die Ältesten
redeten mit mir, jagten mir Angst ein, welch' Drogen- und Sexprobleme
die Gymnasiasten und Abiturienten doch haben. Wenn ich eines Tages ein
ZJ werden möchte, dann wird für mich noch schwerer sein, diesen Druck
von Weltmenschen auszuhalten. Mir wurde geraten, ein
Hauptschulabschluss zu machen und einen Beruf wie Schreiner oder
Maurer zu lernen, für den Aufbau des Paradieses nach Harmagedon. Mann,
war ich down.

In die Realschule durfte ich später auch nicht. Denn, ich träumte doch
immer von einer Weltkarriere, ich wollte immer ein erfolgreicher
Geschäftsmann werden, war imponiert von Yuppies, etc. Doch
andererseits glaubte ich auch irgendwie an diesen Gott, und all die
Lehren und Artikeln der Wachtturm-Gesellschaft. Und somit ließ ich
mich meine Träume los und mit 16 wurde ich getauft.

Aber mein ,,Hauptproblem", das trug ich immer noch ins geheim mit mir:
Meine Homosexualität! Egal, ich bin Bäcker geworden, doch nach dem
Abschluss bin ich gleich in eine Fabrik gegangen und habe da 3-Schicht
gearbeitet, gutes Geld verdient und mehr als die Hälfte daheim abgeben
müssen. Um meine sexuelle Orientierung zu vertuschen begann ich den
Pionierdienst. Zwar war das nicht aufrichtig von mir, denn wie gesagt,
dadurch hatte ich ein Alibi, warum ich nicht gleich mit 20 heiratete,
so wie alle anderen Freunde von mir.

Doch ich begann an dem Pionierdienst Spaß zu haben und war über
kürzester Zeit ,,gefragt und begehrt". Ich fand das toll! Plötzlich
wollten alle Ältesten und Kreisaufseher was von mir, ich wurde ernst
genommen, ich war ständig auf der Bühne, in der Versammlung sowie auch
auf Kongressen. Ich hatte das wirklich sehr genossen, doch mein
Gewissen war nicht im Einklang mit all dem. Jedes mal, wenn ich vor
Tausenden gesprochen oder demonstriert habe, habe ich mich sehr
schuldig und sündig gefühlt, denn ich war doch in Gedanken schwul.
Trotzdem lief das eine zeitlang ganz gut so. Ich bin dann sogar
Dienstamtgehilfe geworden.

Meine Vorrechte wurden immer mehr. Ich habe mich auch sehr um alles
eifrig bemüht, denn Vorträge zu halten, das habe ich geliebt. Gerne
habe ich recherchiert und wollte immer ,,meinen Brüdern und Schwestern"
in der Versammlung etwas mitteilen und theokratisch gesehen mein
Bestes geben. Es war eine gute Ablenkung für mich und meine
Bedürfnissen waren somit perfekt unterdrückt. Aber ich wurde älter,
tja meine Eltern wunderten sich schon, wieso ich bei all den hübschen
Schwestern immer etwas auszusetzen hatte, keine war gut genug für
mich.

Meine Mutter sagte dann, ich genieße es auf ihre Kosten zu leben. So,
dann dachte ich mir, ok, Du könntest doch Gott im Bethel dienen, bis
Harmagedon kommt und ich werde dann von ,,meiner teuflischen
Unvollkommenheit" geheilt werden. Danach kann auch ich wie alle
anderen auch eine Familie gründen. Als ich aber das Bewerbungsbogen
von der Wachtturm-Gesellschaft gelesen hatte, wurde mir sozusagen
schlecht. Unter anderem musste ich auf die Frage antworten: ,,Hast Du
homosexuelle Neigungen, wenn ja, warum?" Eine bescheuertere Frage kann
man diesbezüglich gar nicht stellen! Ich meine, die Organisation hat
ihre eigene Stellungnahme über dieses Thema, was ich jetzt hier nicht
vertiefen möchte... Ich dachte mir, ,,was soll dann diese Frage?". Ich
wollte weder lügen, aber noch ihnen mein Innerstes und Persönlichstes
Preis geben. Das fand ich merkwürdig. Alle Fragen von diesem
Bewerbungsbogen, sie wollten wirklich alles wissen, ob man sogar
onaniert, wenn ich es richtig in Erinnerung hatte.

Dieser Fragebogen hatte was ,,von einer Sekte", so war mein Gefühl, als
wollten sie die absolute Kontrolle über einen haben, obwohl ja die ZJ
sehr allergisch reagieren über die Bezeichnung ,,Sekte". Es war äußer
st
merkwürdig. Ich war doch trotz allem überzeugt, es ist ,,die Wahrheit",
ich diene den wahren Gott, es ist die einzig richtige Organisation...,
aber dieses Fragebogen hatte nichts damit zu tun.

Ab diesen Moment war meine Naivität irgendwie weg und mir öffneten
sich die Augen. Mein Zölibat habe ich trotzdem ernst genommen.
Inzwischen war ich ca. 25 Jahre alt. Da ich eine sympathische und
natürliche Art habe, habe ich auch sehr viele ,,Freunde" gehabt.
Überall in verschieden Städten Deutschlands, aber auch in Italien
(durch Urlaub) kannte ich ZJ. Sehr oft verliebte ich mich natürlich
auch in Jungs, die ja gar nicht wussten, was mit mir los war.

Um zu Hause den Streit zu vermeiden und um mir nicht vorwerfen zu
lassen, ich lebe auf Kosten meiner Eltern, zog ich aus und nahm mir
eine eigene Wohnung. Hier in Deutschland, in den Versammlungen war das
eher normal, nichts außergewöhnliches. Aber in Italien, in den
italienischen Versammlungen galt ich ja fast schon als Skandal, man
verlässt das Elternhaus erst nach der Heirat, vor allem bei den ZJ.
Ja, da musste ich mir unterschwellige, blöde Bemerkungen anhören, die
ich immer geschickt ausgewichen bin oder mit Gegenargumente
geantwortet habe.

Durch meine Selbstständigkeit kam es dann vor, das meine männlichen
Freunde mich zu Hause besucht haben und auch bei mir übernachtet
haben. Es entpuppte sich dann, dass einige von ihnen das gleiche
,,Problem" hatten wie ich. Ein Pionier, der von Mailand aus mich
besucht hatte redete mir was weiß ich was ein, und Nachts schmuste er
mit mir mehr als man durfte, er war sehr zärtlich, ich möchte nicht in
Details gehen, aber ich war geschockt. Er drehte alles um wie er es
brauchte, wenn ich nicht alles abgebrochen hätte, ich weiß nicht, wie
weit er gegangen wäre. Heute ist er Ältester und verheiratet...

Von dieser ,,Sorte" von Brüdern, die eben ein Doppelleben haben und
führen habe ich jede Menge kennen gelernt und sie anscheinend magisch
angezogen. Auch bei einem anderem Ehepaar übernachtete ich mal, sie
sind beide Pioniere und er ist Ältester und ich war für ihn immer ein
ganz besonderer Freund. Oh Mann, ich merkte natürlich, das ist mehr
als eine normale Freundschaft, so wie bei David und Jonathan. Es
bestätigte sich als seine Frau ins Krankenhaus musste, da sollte ich
in seinem Ehebett schlafen. Er lag schon im Bett und als er sich
irgendwie näherte um mir was zu sagen stellte ich fest, er war
Splittehrfasernackt und erregt! Phuuu, ...zum Glück fand ich ihn nie
attraktiv, sonst hätte ich bestimmt ,,gesündigt". Es passierte nichts,
eben weil ich das nicht wollte! Um es kurz zu fassen, mir wurde
außerdem klar: viele führen ein Doppelleben.

In der Zwischenzeit hatte ich einen Selbstmordversuch hinter mir, und
danach wussten auch meine Eltern von meiner sexuellen Orientierung und
trotz dieser ,,Unvollkommenheit" lebte ich mein Zölibat um ein weiteres
Jahr. Dass ich all meine Vorrechte verloren hatte, ist natürlich
selbstverständlich. Ab diesen Zeitpunkt ging es bei mir nur bergab,
geistig und psychisch gesehen. Meine Erfahrungen mit diesen
angeblichen Freunden, dass es in der Organisation schwule gibt, die
aktiv im Geheimen sind, das wollten mir weder meine Familie noch
Brüder oder Ältesten glauben. Ich stand als Verleumder dar.

Meine Depression ging soweit, dass ich mir wünschte, hässlich, fett
oder behindert zu sein, Hauptsache hetero, um dazuzugehören. Als ich
die Gürtelrose bekommen habe fragte mich die Hautärztin entsetzt, was
ich denn für psychische Probleme und Druck hätte, um so jung diese
Krankheit zu bekommen. Ab da sagte ich mir, ,,wenn es diesen Gott
wirklich gibt, dann will er auch nicht, das ich mich selbst fertig und
so kaputt mache. Ich steige aus!" Und das tat ich auch. Ja, ich
schrieb einen Brief an die Versammlung und jetzt denke ich, sie waren
sogar froh, dass sie ,,den Schwulen" los wurden... es kam nämlich bis
heute absolut nichts an Reaktionen zurück. Sie wollten damit nicht
konfrontiert werden, geschweige denn, sich meine ,,Behauptungen"
anhören oder gar glauben.

Als ich nach dem Ausstieg inmitten von den ,,bösen Weltmenschen umgeben
war", hatte ich mit Herzrasen und Panikattacken zu kämpfen und ich
musste eine Gesprächstherapie machen. Das hat mir gut getan und auch
sehr geholfen. Es war nicht schwierig, neue Freunde und Bekannte zu
finden. Später verliebte ich mich sogar und habe ohne ein
Versteckspiel führen zu müssen, eine glückliche und harmonische
Beziehung, mit einem jungen Mann natürlich.

Doch beruflich habe ich das ,,geerntet, was ich gesät habe". Nach dem
Ausstieg habe ich eine Umschulung zum IT-Systemkaufmann gemacht, doch
wegen all dieser Veränderungen, Herzrasen und Coming Out, habe ich
diese nicht bestanden. Es war aber im nachhinein eh nichts für mich,
weil ich mein Talent und Können in Grafik und Design festegestellt
habe. Doch sämtliche Werbeagenturen waren und sind nicht daran
interessiert, jetzt einen 34 jährigen Mann einzustellen, dessen
Lebenslauf und beruflicher Werdegang, nur schwer selbstbewusst zu
erklären ist. Nun, ich halte mich seitdem über Wasser, indem ich
nebenbei in der Gastronomie jobbe. Aus ist der Traum von meiner
Jobkarriere.

Meine Familie hat den Kontakt jetzt zu mir ganz abgebrochen, weil sie
auf meiner Homepage den Link zu ,,Info-Link Aussteiger e.V." gesehen
haben. Auch, dass ich in einem kurzen Satz die Zeugen Jehovas als
Sekte erwähne. Seitdem gelte ich als Abtrünniger vom niedrigsten
Niveau. Meine zwei Geschwister, meine eine Schwester lebt in Mailand,
ist verheiratet und Pionier, arbeitet in einer Kanzlei; mein Bruder
lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Neapel, ist Abteilungsleiter
bei der Siemens, die alle freuen sich schadenfroh über meine Situation
und ihr Weltbild passt natürlich perfekt. Sie sagten zu mir, ,,wie
bemerkenswert es doch sei, wie weit ich es in Satans Welt gebracht
habe und wünschen mir, dass es noch besser wird...", sprich noch
Schlimmer, noch Tiefer, denn ,,das Schwein wälzt sich in seinem eigenem
Dreck".

Die italienischen Gastronomen, hier in der Stadt wo ich z.Zt. lebe
informieren meine Eltern, wo und was ich mache, mit wem ich zusammen
bin und meine Eltern sind somit leider immer auf dem Laufenden, in
welcher Situation ich mich befinde. Sie tratschen und lästern über
mich, was das Zeug hält. Eines der größten und tiefsten Verletzungen
war es, als meine Tante in Italien mir geraten hat, auszuwandern oder
nie zu meinen Eltern zurückzukehren, weil angeblich meine Mutter, im
Zorn oder Verzweiflung mir die AIDS-Krankheit gewünscht haben soll...
Ich brauche bestimmt nicht zu schreiben, wie man sich als Sohn fühlt
nach einer solchen Äußerung und das, nachdem ich alles dafür getan
habe, um ihre Liebe, Zuneigung und Anerkennung zu bekommen.

Seitdem mein Geschwister mir gemailt haben, dass sie nie mehr etwas
von mir wissen und hören möchten (ist jetzt ca. eine Woche her), geht
es mir irgendwie wieder schlecht. Manchmal habe ich so ´ne Art Zweifel
und denke, wer weiß, ,,Satan wird mich in noch tieferem Sumpf versinken
lassen". Und ich werde nichts mehr bewegen oder realisieren können,
beruflich gesehen. Oder ich befinde mich unter einem Fluch. Denn
einige Chancen oder Dinge die ich in die Hand nehmen wollte,
scheiterten irgendwie. Das ist meine jetzige Angst. Jetzt merke ich,
welch' psychischen und unterschwelligen Druck, sozusagen
,,Gehirnwäsche" diese Sekte mit den Menschen treiben. All die Lehren
wollen nicht aus meinem Hinterkopf raus: Solange man in der
Organisation drin war, hatte man das Nötigste, auch wenn es nicht der
eigentliche Wunsch war, es fehlte einem an nichts und man hatte Gottes
Segen. Aber sowie man aussteigt, habe ich in meinem Fall keinen festen
Job mehr und ich befinde mich in einer sozusagen Überlebensphase, ich
bin auf mich alleine gestellt und nichts geschieht oder verwirklicht
sich, wie ich es mir immer gewünscht habe. Was ist aus dem Jungen mit
den vielen Eigenschaften, Interessen und Ambitionen nur geworden?! Ein
Mann, dessen Angst und Selbstzweifeln ihn begleiten, er aber versucht,
es sich nicht anmerken zu lassen. C'est la vie...

Eins habe ich auf jeden Fall erreicht und dafür bin ich sehr stolz auf
mich: Ich liebe mich selbst als Mensch, ich akzeptiere mich endlich so
wie ich bin und ich lebe keine Lüge mehr! Und ich befinde mich im
wahren Leben, in der Realität!

==== Ende lizenzierter Content ====

Die offizielle FAQ rund um das Thema Zeugen Jehovas hat ihre Pforten
eröffnet.

http://zj-infolink-faq.ath.cx/


[ Auf dieses Posting antworten ]