verrostete Autos klaun
Von: Martin Schade (m.schade@mvnet.de) [Profil]
Datum: 25.06.2007 18:42
Message-ID: <f5oril$cb6$1@server05.mvnet.de>
Newsgroup: de.sci.soziologie
Datum: 25.06.2007 18:42
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Newsgroup: de.sci.soziologie
Hallo,
es gibt Leute, die haben Zeit übrig.
Mache kaufen sich dann einige Bauteile und versuchen, ein Radio zu bauen.
Viel braucht man dafür erstmal nicht: Einen Drehkondensator in
Quetscher-Ausführung, einen Spulenkörper und eine Diode, und einen
hochohmigen Kopfhörer. Dazu noch verschiedenen Draht, u.a. für 'ne Spule und
eine Langdrahtantenne. Die Teile kann man erstmal auf einem Holzbrett mit
einigen Nägeln befestigen. Wenn man beim Spulenwickeln geschickt vorgegangen
ist, dann hört man im Kopfhörer was; vielleicht ist es auch laut genaug,
daß
man was verstehen kann. Immerhin ein Erfolgserlebnis.
Besonders viele Sender bekommt man erstmal nicht rein. Daher muß dann ein
Verstärker her - Röhre, Transistor oder integrierter Schaltkreis, die
wiederum weitere Teile benötigen, um zu funktionieren, und die man nicht
mehr so einfach auf dem Holzbrett aufbauen kann. Also muß man
kupferkaschiertes Halbzeug besorgen und Chemikalien, um dieses zu ätzen.
Aber leider dauert das alles so seine Zeit, insbesondere, wenn man (noch)
nicht die richtigen Meßgeräte hat und niemand dabei ist, der weiß, wie's
geht. Und mit kommerziell gefertigten Erzeugnissen kann man auch nicht
mithalten. Eigentlich geht's auch nicht darum; man tut's, weil's interessant
ist. Motivierend ist aber auch ein gewisser Mangel, den man so meint
überbrücken zu können.
Aber man gewinnt einiges an Erfahrung, die auch durchaus anderweitig zu
verwerten ist. Es gibt nämlich auch Leute, die meinen, es müßte alles
glatt
gehen. So habe ich mal erlebt, daß in die unsere Arbeitsgruppe ein Neuer
kam, der hatte prima Zensuren und meinte, er könne die Arbeit so nebenbei
erledigen. Daher hat er sich auch gleich bei einem Chor angemeldet und einen
Bootsliegeplatz besorgt. Naja, es ist eben so, daß für mache Schüler der
Schulbesuch eben darin besteht, daß sie zuhören, wie der Lehrer anderen was
einpaukt - was diese aufgrund ihres Berufswunsches nicht als relevent
erachten. Wenn sie nicht drämmeln, gehen sie mit besten Zensuren ab
und meinen schon alles gewonnen zu haben. Nur können einige Kollegen solche
Neulinge nicht leiden und vertauschen mal Unterlagen, manipulieren Daten
usf. Da kommt der neue dann gleich ins Stolpern und weiß nicht, wei ihm
geschieht.
Aber manchmal meinen die Älteren auch, es würde falsch gespielt, wenn ein
Neuer doch Erfahrungen hat.
Nun ist kürzlich was sehr merkwürdiges passiert: Da haben {in Tessin bei
Boizenburg (für die Suchmaschinen)} 2 Schüler die Eltern eines Mitschülers
abgestochen, eine Mitschülerin als Geisel genommen und dann versucht, in
deren angerosteten VW Polo zu fliehen. Angeblich wollten sie nach Japan -
d.h. durch Polen, Weißrußland / Ukraine und Rußland incl. Sibirien. So
alle
400 km hätten sie eine Tankstelle prellen müssen, sofern es in Sibirien
überhaupt alle 400 km eine Tankstelle gibt. Und zu essen brauchen sie auch.
Fragen können sie niemand; da sie weder russisch noch japanisch gelernt
haben, und Autofahren wohl auch nicht..
Irgendwie ist denen nicht in den Sinn gekommen, daß jemand was dagegen haben
und sich ihnen in den Weg stellen könnte. Sie sind dann auch nur über die
Wiese gekommen, haben dort einen leichten Unfall verursacht und haben den
Wagen nicht wieder starten können. Dort hat die Polizei sie dann
festgenommen.
Mir kommt das vor, als ob sich jemand alle Teile kauft, um einen Farb-
fernseher zu bauen, dann einschaltet, und dann knallt und raucht es kurz ...
Einige Elkos sind wohl verkehrtrum drin gewesen.
Ein Auto kann man nämlich ganz gut aufbrechen; insbesondere, wenn's nicht
die neueste Sicherung drin hat. In Hamburg hat's mal eine Jugendgang
gegeben, die reihenweise Autos in Klump gefahren hat; ich weiß nicht, ob die
noch aktiv sind. Um einen alten VW Polo zu stehlen muß man nicht 2 Leute
umbringen; das ist schlichtweg blöd. So einen Wagen hätten die vermutlich
von ihrem Taschengeld
kaufen können.
Ich meine deshalb, daß es diesen Tätern genausowenig um den Erfolg ging wie
dem Radiobastler, sondern daß sie es mal tun wollten, sicherlich auch damit
angeben, imponieren: Schaut mal, ich hab's geschafft! Nur kann's ein Bastler
immer nochmal probieren, bis es dann läuft, während ein Mörder - nicht nur
von der Polizei - gejagt wird. Genau das ist der Unterschied. Mir kommt hier
die Geschichte von dem Jungen in den Sinn, der im Wasserturm in den
Trinkwasserbehälter pinkelt und dem danach klar wird, daß er niemandem von
seinem Streich erzählen kann. Er hat ihn ja allen gespielt und nicht nur dem
Wächter.
Die Gründe, aus denen heraus dieser Stuß angefangen wird, sind m.E. erstmal,
daß einige Schüler in der Schule vor allem zuhören, wie der Lehrer anderen
etwas einpaukt - was diese aufgrund ihres Berufswunsches unwesentlich ist.
Ich finde es auch sehr ätzend, wenn man dauernd zuhören bzw. sehen muß,
wie
sich jemand blöd anstellt. Der Lehrer versucht gelegentlich, leichtlernige
Schüler als Vorbild vorzuschieben, und die anderen sind neidisch und wollen
was abbekommen. Aber von guten Zensuren kann man nichts abgeben und auch
nicht andere durch's Vorenthalten subordinieren. Daraus ergeben sich gleich
Spannungen; die anderen Schüler meinen 'der wolle sich liebkind machen' und
äußern Zweifel, ob der sich wohl auch durchsetzen kann. Ich meine hier den
Segelohrenkomplex ...
Der leichtlernige Schüler hat erstmal freie Kapazität. Es gibt ja auch
Leute, die keine aufwändigen Hobbys pflegen, sondern sich ranhalten müssen,
um überhaupt in der Schule mitzukommen bzw. ihre Arbeit zu schaffen. Ebenso
gibt es Leute, die sich nach der Schule leichte Arbeit suchen, um ihre
Hobbys weiterbetreiben zu können. Aber erstmal steht die Frage, womit denn
nun die freie Kapazität ausgefüllt wird. Diese ist ja erstmal der
schulischen Aufmerksamkeit und Einflußnahme entzogen, und wenn auch die
Eltern nicht merken, daß ihr Kind nicht ausgelastet ist und sich nicht
sinnvoll zu beschäftigen weiß, dann wird es eben kritisch.
Ich meine, das ist der Fall eines Schattens. Das ist ein Komplex von
Fähigkeiten, die nicht in die Persönlichkeit integriert ist, sondern sich zu
einer Nebenperson formt, deren Absichten den eigentlichen Interessen des
Meschen zuwiederlaufen. So kommt es, daß der Junge, der sonst immer als
liebes Kind gilt, seine dunkle Seite entwickelt, die er kaum jemandem zeigt.
Die Eltern bekommen das nicht zu sehen, weil sie früh deutlich gemacht
haben, daß zu diesem Thema bei ihnen nichts läuft. Vielleicht hat der Junge
mal darüber spechen wollen, daß der Lehrer ihn gegen die anderen Schüler
ausspielt (den anderen lobend als Vorbild hinstellt, meint dieser) und daß
er den Schüler damit in die Klemme bringt. Die Lehrer sind ohnehin mit den
schwerlernigen Schülern ausgelastet und beachten jene nicht weiter, die sich
durch ihre Antworten als leichtlernig erweisen.
Dann gibt es noch die Jugendzeitschriften und -literatur, aber da bin ich
nicht auf dem laufenden. Ich weiß leider nicht, was davon geeignet ist, denn
Schatten in den Köpfen der Jugendlichen mit sinnvollen Inhalten zu füllen
und in die Persönlichkeit zu integrieren. Auffällig ist aber, daß weniger
Modellbauanregungen in der Presse sind, wie auch, daß es weniger
Modellbauspielzeug zu kaufen gibt. Selbst in der SuperIllu fehlen die
Technikseiten. Was es an Modellbauliteratur gibt, ist wiederum zu speziell,
als daß Einsteiger sich dafür interessieren dürften. Ich hab' den
Eindruck,
das ist eben nur für die, die sich schon damit auskennen {z.B. der Beitrag
über den Echtdieselmotor - nach 38 Jahren ein Erfolg - in "Maschinen im
Modellbau" 3/06 S. 14f.}.
Statt dessen gibt es jede Menge Computerliteratur, nur - eigentlich ist
vieles davon gar nicht computerbezogen, also Programmierliteratur o.ä..
Einen Weltraumflug oder auch U-Boot auf dem Rechner zu simulieren geht ja
noch an, aber eine Mittelaltersimulation auf einer
Hochleistungsrechenmaschine laufen zu lassen ist irgendwie krank. Ich hab'
auch schon das Web nach Seejungfrauen abgesucht, bis ich dann geschnallt
habe, daß ich besser die Badehose aus dem Schrank hole und baden fahre.
Immerhin vereinigen sich so scheinbar beide Welten, die heutige abstrakte
und die fühere emotionale. Ein Weltenriß, eine Entfremdung ist die Grundlage
jeder Philosophie. Entgeht deshalb den Leuten, daß sie auf eine Illusion
orientieren?
Dieses Verbrechen macht den Eindruck, daß die Täter auf eine ganz andere
Welt orientiert waren, als die, in der sie tatsächlich gehandelt haben.
Dieses ist auch schon in ganz anderen Zusammenhängen kritisiert worden, so
in dem US-Film "Die 12 Geschworenen" oder den sowjetischen Film
"Provinzroman". Viele Leute haben heute auch kein Verständnis für
wirtschaftliche Zusammenhänge, das wesentlich über ihren Arbeitsplatz
hinausgeht; insbesondere, wenn schon die Arbeit hoche Qualifikation
erfordert. Sie können sich nichts anderes vorstellen, als daß sie ihr Geld
vom Lohnbüro überwiesen wird, und sie das dann im Laden ausgeben. Salopp
gesagt, es gibt heute unter der Allgemeinheit eine beträchtliche
Weltfremdheit, die nur deshalb nicht auffällt, weil die wirkliche Welt
genauso verdreht ist.
Ein Punkt wäre noch, daß in US-Amerikanischen Filmen gewöhnlich kein
Sprachprobem vorkommt. Haben die Jugendlichen deshalb nicht bemerkt, daß sie
durch Polen und Rußland nicht durchkommen?
Woraus entsteht nun der Gedanke jemanden mit einem Messer abzustechen?
Ich habe sowas immer als zu ordinär empfunden um es in Erwägung zu ziehen.
Das gehört in die Welt derer, die dümmer sind und über die man sich
herausheben möchte.
Aber andererseits sind's gerade jene, die beeindruckt werden sollen. Wir
haben auch immer genug Krimis geguckt, um zu wissen, daß man damit nicht
durchkommt. Außerdem müßten ja gerade phantasiebegabte Leute sich
vorstellen, daß sie hinter denen in die Augen sehen müssen, die duch sie
nahestehende Menschen verloren haben.
Grüße, Martin Schade
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- Jan Bruns (02.07.2007 16:18)
- Martin Schade (04.07.2007 18:11)
- Jan Bruns (05.07.2007 15:15)
- Martin Schade (05.07.2007 20:58)
