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Hegel "Phaenomenologie..." VORREDE ins Gemeindeutsche

Von: Mittagsbruder (mittagsbruder@gmx.de) [Profil]
Datum: 14.07.2008 11:21
Message-ID: <g5f5qn$8no$00$1@news.t-online.com>
Newsgroup: de.sci.philosophie
Ich halte die Vorrede fuer einen der bedeutendsten philosophischen Texte
ueberhaupt, leider nur voellig unlesbar. Hat jemand Lust, sich daran zu
beteiligen, das ganze - wie weiland Stapel den Kant - mal ins
"Gemeindeutsche" zu uebersetzen. Der aufwand duerfte sich in Grenzen halten,
da der Text nicht so lang ist. Ich hab' hier mal einen Anfang gemacht, den
ich gerne fuer Verbesserungen freigebe:









Hier zusammenfassend darzustellen, warum ich z.B. dieses Buch schreiben
musste, was ich damit beabsichtige, worin es anderen philosophischen
Abhandlungen gleicht und worin nicht, halte ich nicht nur für überflüssig,
sondern, gerade weil es sich um eine philosophische Schrift handelt, sogar
für unsinnig, wenn nicht gar irreführend. Was es mit einem Buch auf sich
hat, wird in seinem Vorwort ja nie richtig auseinandergesetzt oder
begründet, sondern zusammenfassend dargestellt, letztlich also behauptet,
vergleichbar einer Zeitungsmeldung oder Episode in einem Geschichtsbuch,
deren Wahrheit wir nicht erarbeiten, sondern dem Fachmann glauben
("nachbeten") sollen. Das ist aber unphilosophisch.



Da es in der Philosophie um Einsicht schlechthin geht, hat es den Anschein,
als sei mit der Aufzählung philosophischer Einsichten oder "Pointen" - etwa
hier in einem Vorwort - das Wesentliche auch schon gesagt; wie man im
einzelnen darauf hatte kommen müssen, kann ruhig unter den Tisch fallen. Wie
ist es aber in anderen Gebieten, z.B. bei der Anatomie? Erschöpft sich deren
Einsicht in der "Kenntnis der Teile des Körpers nach ihrem unlebendigen
Dasein"? Oder wird man sich nicht auch mit den Körperteilen im einzelnen
abgeben müssen, um sich auf Anatomie zu verstehen?



Im übrigen gleicht bei nicht-philosophischen Lehrgebäuden wie etwa der
Anatomie die Vermittlung ihres Inhalts einem quasi journalistischen
Informieren des Verstandes; das, worauf es dabei ankommt, soll man sich
einprägen, nicht etwa erarbeiten. Versuchte dagegen die Philosophie, einen
Verstand über ihre Einsichten zu informieren, könnte dies eigentlich nur
geschehen, indem aufgezeigt würde, warum es gerade so - nämlich durch
Ins-Bild-setzen - nicht geht.



Das Stellen der eigenen gegen andere Philosophien ist in Vorworten wie
diesem zwar üblich, gehört aber nicht zur philosophischen Sache; nachgerade
hindert es die Wahrheit daran, sich zu zeigen. Der Verstand stellt sich dann
nämlich vor, das Richtige auf Kosten Falschen retten zu müssen.
Unterschiedliche Pointen werden dadurch nur in ihrem Widerspruch gesehen,
statt sie als Stufen einer hervortretenden Wahrheit zu begreifen.



Eine Blüte ist nicht weniger wahr als die Knospe, auf deren Kosten sie
hervortritt, und die Frucht "widerlegt" die Blüte, die durch sie vergeht.
Eine Wahrheit tritt an Stelle der anderen, und zwei können nicht
gleichzeitig bestehen. Trotzdem stehen sie als Momente eines organischen
Verlauf so wenig im Widerspruch wie die unterschiedlichen Töne einer
Melodie. So auch die unterschiedlichen philosophischen Systeme, die man
nicht gegeneinander ausspielen darf, will man erkennen, was sich in ihnen
anbahnt



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