Ethik light
Von: n.parisis (parisis@gmx.de) [Profil]
Datum: 24.05.2008 14:48
Message-ID: <48380e89@news1.dts-online.net>
Newsgroup: de.sci.philosophie
Datum: 24.05.2008 14:48
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Bei Kerner wurde folgende Frage gestellt: Stellen sie sich vor, sie stehen vor einer Weiche die manuell umgestellt werden kann. Von rechts rollt ein Wagon heran, der vor ihren Augen 5 Menschen überfährt. Wenn sie dagegen die Weiche stellen, überfährt er nur eine Person. - Würden sie den Hebel umlegen? Danach wurde folgende Frage gestellt: Stellen Sie sich vor, sie stehen auf einer Brücke und unter ihnen rollt ein Wagon heran, der 5 Menschen zu überrollen droht, der aber mit Hilfe ihres Nachbarn auf der Brücke, der als Hindernis dick und schwer genug ist, aufgehalten werden kann. Würden sie den Mann zu diesem Zweck von der Brücke und vor den Wagon werfen? Ich gebe zu, an der Antwort war ich nicht mehr interessiert und habe ausgeschaltet. Es ist immer wieder frustrierend mit anzusehen, wie gedankenlos Philosophie im Medienzirkus Fernsehen dargeboten wird. Aber heute will ich nicht über Kerner lamentieren. Vielmehr will ich mich jetzt den Fragen zuwenden und wenigstens im Ansatz diskutieren, zu welchen Schlussfolgerungen ich hinsichtlich dieser Fragen komme. Beiden Fragen ist gemeinsam, dass es sich um Entscheidungsfragen handelt, die einen erkennbaren Nutzen zur Disposition stellen. Im ersten Fall geht es um die Abwägung, ob in einer Entscheidungssituation jemand das Recht hat, eine Wahl im Hinblick auf die Anzahl der überlebenden zu treffen. - Im zweiten Fall geht es darum, ob Situationen das Töten rechtfertigen. Solche Entscheidungssituationen sind übrigens nicht erst seid Frankfurt Realität, wo man überlegte, ob der Pilot eines kleinen Flugzeuges abgeschossen werden dürfe. Im zweiten Weltkrieg gehörten solche Entscheidungen zum Handwerk des Chirurgen, der ständig abzuwägen hatte, ob er sich einem Schwerverwundeten widmet oder mehreren etwas weniger schwer Verwundeten mit höherer Überlebensaussicht. Diese Fragen sind also weder neu noch spektakulär. Auch in der Literatur wurde diese Problemstellung schon längst erkannt und z.B. am Beispiel des Tyrannen- oder Königmords exemplifiziert. Wer nach Beispielen sucht, kann sich Cäsar oder Ludwig XVI herausgreifen. Obwohl die Fragen nicht neu sind, will ich mir hier meine eigenen Gedanken machen. Jeder kann einsehen, dass solche Entscheidungen getroffen werden müssen. Die Frage, ob solche Entscheidungen ethisch begründbar sind, erscheint mir dagegen zweifelhaft. Es liegt auf der Hand, dass ein Nutzen erkennbar ist - aber reicht dieser Nutzen aus, die Handlung zu rechtfertigen. Sobald man vom Ergebnis her argumentiert, ergeht man sich in Spekulationen darüber, was zweckrational und nützlich ist. Nur auf den ersten Blick erscheint es jedem vorteilhaft, sich im ersten Beispiel für die 5 angebundenen Menschen zu entscheiden. Letztendlich liegt es daran, welche Erkenntnisse zur Entscheidung durch das Beispiel vorgegeben werden. Daran orientiert sich, worauf die Beispiele abzielen. Kleine Änderungen der Szene zeigen, dass der "Nutzen" das Verhalten zwar Motivieren, aber nicht begründen kann. Nehmen wir z.B. an, auf Gleis 1 liegt eine Person die ich kenne und liebe. Ist es dann noch gewiss, dass ich den Schalter noch umlege? - Ich kürze die Argumentation hier etwas ab. Wäre die Person meine Frau (und Mutter vieler Kinder), so würde am Ende doch der Eigennutz überwiegen und es ließe sich einwenden, dass nur ein allgemeiner Nutzen die Errettung meiner Frau rechtfertigen würde. - Aber wie verändert sich die Situation, wenn auf dem Nebengleis der Präsidentschaftskandidat Obama liegt (und ich will mich gar nicht dazu versteigen, auf das andere Gleis die Clintons zu legen - oder über Ruhm und Belohnung zu spekulieren)? Die erweiterte Frage hat zweierlei zum Ziel. Sie soll zeigen, dass der rechtfertigende Nutzen relativ zu beziehen ist auf mein Wissen über die Situation. Verändert sich mein Wissen, ergeben sich andere Nutzenkalkulationen. Das Ursprungsbeispiel hat es sich dahingehend einfach gemacht, den Wert eines Lebens gegen 5 andere abzuwägen. Im ersten Beispiel zögert kaum jemand, den 5 Menschen das Leben zu retten. Ich will auch den daran anknüpfenden Gedanken hier nicht allzu sehr vertiefen und nur soviel andeuten, dass diese Entscheidung mit Schuld einhergeht, denn immer werde ich mir auch den Tod von jemandem zuschreiben (selbst wenn ich den Hebel nicht umlege). Nehmen wir nun weiter folgendes an: Ich entschließe mich dazu, den 5 Menschen das Leben zu retten, aber es gelingt mir nicht, die Weiche rechtzeitig zu stellen. Der Wagon kippt aus den Gleisen und rutscht über beide Gleise und über alle 6 Personen hinweg. Kann ich mich damit beruhigen, die besten Absichten gehabt zu haben? Zwischen dem ersten und dem zweiten Beispiel gibt es einen entscheidenden Unterschied. Ich erkenne zunächst, dass ich mich nicht selbst opfern kann (weil ich zu leicht bin) - und muss stattdessen eine andere Person auf die Gleise werfen (ich will gar nicht darüber spotten, das mir das Glück in dieser Frage hold war und ich nicht zwei Menschen herunterwerfen muss - oder woher ich überhaupt wissen kann, dass meine Handlung Erfolg haben wird). - Ohne den begründenden Anlass handelt es sich bei dieser Handlung um Mord und die Frage lautet deshalb zugespitzt, darf ich einen Mord begehen, um Schaden abzuwenden. Auch diese Situation ist nicht abwegig. Sie musste z.B. von den Attentätern des 20 Juli für sich entschieden werden (auch wenn nicht alle Teilnehmer integer waren und ohne Eigennutz handelten http://de.wikipedia.org/wiki/20._Juli_1944). Fazit Diese Beispiele führen nirgendwohin - am allerwenigsten hin zu einer praktischen Ethik, denn die Beispiele dispensieren sich von ihrer Begründung. Es gibt hier verschiedene (nicht gelöste) Probleme, die sich mit den Situationen stellen. Das Grundlegende Problem (den Nutzen zu begründen), habe ich schon angesprochen. - Der Nutzen ist nur begrenzt überschaubar (und das gegebene Zeitfenster willkürlich). Will man den Nutzen zur Entscheidungsgrundlage (im Beispiel) erheben, muss man die (weiteren) Folgen ausblenden. Der Nutzen (5 Menschen gerettet zu haben, relativiert sich, wenn später einer im trunkenen Zustand einen Menschen überfährt etc.). - Wenn man sich auf den Nutzen als Kriterium einlässt (was immer eine Folgenabwägung ist), dann muss man zugeben, dass diese in der Situation gar nicht überschaut werden und eine "rationale" Entscheidung auf diese Weise nicht grundlegend begründet werden kann. Die (klassische Alternative) besteht darin, auf die Motive als Begründungszusammenhang einzugehen. Folgt man diesem Gedankengang, wäre Beispiel 1 noch sinnvoll anzugehen, Beispiel 2 hingegen nicht, denn eine "subjektiv" rationale Begründung kann nur meine Handlungen im Hinblick auf mich selbst begründen (ich kann mich dazu entschließen, mich vor den Zug zu werfen) - aber so eine Begründung kann m.E. nicht rechtfertigen, jemand anderen (wenn dieser nicht von selbst darauf kommt) vor den Wagon zu werfen). - Ich müsste mich in jedem Fall für den Mord verantworten (egal aus welcher Absicht heraus er begangen wird). Die entscheidende Frage ist allerdings eine andere. Auf den ersten Blick kann man versucht sein, einzelne Beispiele zusammentragen und Ethik durch Beispiele lehren. Gegebenenfalls fügt man weitere Beispiele hinzu, um auf alle möglichen Entscheidungskonflikte mit Hilfe einer Verhaltensregel vorbereitet zu sein. - Folgt man diesem Weg, muss man zweierlei zugestehen: 1. Das die Begründung für die Relevanz der Beispiele mit den Beispielen nicht mitgeliefert wird (und früher oder später wird man eine Metatheorie entwickeln). 2. Man ist nur im Rahmen einer Analogie vorbereitet. Jede neue Situation stresst dadurch, dass man sich ein Verhalten erst zurechtlegen muss - Hier klafft eine nie zu schließende Lücke auf. Ich will es noch einmal anders formulieren. Wenn die Beispiele nicht den Blick auf eine Begründungsstruktur freigeben, die man an ihnen ablesen kann, führen sie über ihren Unterhaltungswert nicht hinaus. Der Versuch, diese Beispiel vorzugeben, dient (aufgrund ihrer Wahl) aber nicht dazu, Geschichtsnah und praktisch zu argumentieren (hierzu habe ich bessere Beispiele angeführt), sondern dazu, ethisches Verhalten (unter experimentellen Bedingungen) quasi nachzubilden. Im Medienzirkus degenerieren die Beispiele zum Unterhaltungswert - und was an ihnen ethisch sein könnte (vom ganzen Begründungszusammenhang) wird (gewollt) abstrahiert. - Insofern ist das Elend der Philosophie ihre schlechte und unzureichende Präsentation.[ Auf dieses Posting antworten ]
Antworten
- Matthias Warkus (24.05.2008 15:21)
- klaus.roggendorf051254283 (25.05.2008 12:28)
