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Wie funktioniert ein Knueppeldamm?

Von: Ralf . K u s m i e r z (me@privacy.invalid) [Profil]
Datum: 17.05.2009 16:54
Message-ID: <77ampuF1gt8fqU1@mid.uni-berlin.de>
Newsgroup: de.sci.geschichte de.sci.ing.misc
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Moin,

ich lese gerade in historisch-archäologischen Veröffentlichungen zu
den Römerkriegen in Germanien nach der Zeitenwende (Varus/Germanicus
9-15). Darin wird hinsichtlich der sog. "Schlacht an den langen
Brücken" (Pontes longi) des Caecina unter Germanicus (Germanicus hatte
seinem General Caecina befohlen, diese "Pontes longi", die wohl
strategische Bedeutung für seinen Feldzug haben mußten,
instandzusetzen. Dabei wurden die schanzenden bzw. straßenbauenden
römischen Truppen von Germanen angegriffen) in etwa so argumentiert:
Bei diesen "Pontes longi" kann es sich nicht um die bekannten
Knüppeldämme durch Moorgelände gehandelt haben, weil das schwimmende
Konstruktionen sind. Die Germanen setzten aber das Baugelände unter
Wasser, wodurch die Bauarbeiten wieder zunichte gemacht wurden.

Der Autor, Siegfried Schoppe, geht davon aus, daß es sich bei den
"Pontes Longi" um einen befestigten Dammweg etwa zwischen Wiedenbrück
am Oberlauf der Ems ind Ostwestfalen und Bad Lippspringe am Oberlauf
der Lippe gehandelt hat. Die Lippe war ein wichtiger römischer
Versorgungsweg von den römischen Lagern am Niederrhein (Xanten) und
dem Operationsgebiet im Raum Detmold-Sauerland-Fulda (östlichstes
bisher bekanntes Römerlager bei Hedemünden bei Hannoversch Münden an
der Weser), ferner wurden Truppen und Versorgungsgüter auf dem Seeweg
und dann über die Ems in diesen Raum verlegt, was einen zuverlässigen
Verbindungsweg zwischen den beiden Endpunkten dieser Nachschublinien
sinnvoll erscheinen läßt. (Die Römer sind natürlich nicht immerzu
marschiert, wie man sich das landläufig so vorstellen mag, sondern
haben nach Möglichkeit die bequemeren und energiesparenderen
Wasserwege benutzt - flußabwärts ging es von alleine, flußaufwärts
konnte ein Zugtier weitaus mehr Last treideln als tragen, außerdem
sind Treidelpfade pflegeleichter als Karrenstraßen, und zudem ist man
ab einer gewissen Flußbreite auf Booten vor Nahkampfwaffen
einigermaßen sicher.)

Nun frage ich mich, ob das mit der Überschwemmung so stimmen kann. Man
muß sich nämlich fragen, wo in diesem Gelände die Germanen denn
Stauteiche hätten anlegen können, mit deren Wasser man die Baustelle
dann überfluten konnte - die ganze Gegend ist eher weniger gebirgig.
Außerdem halte ich das Argument mit der Schwimmfähigkeit von
Knüppeldämmen, die deswegen überschwemmungssicher wären, für
zweifelhaft: So, wie ich mir das vorstelle, sind die Knüppeldämme in
ziemlich hochviskoses Erdreich eingebettet, stecken also schon relativ
fest im Modder. Es mag ja richtig sein, daß die aufgrund des Auftriebs
dabei auf die Dauer an der Oberfläche bleiben, aber sie werden bei
einer plötzlichen Überflutung sicher nicht "hochploppen" wie ein
Korken in der Badewanne, sondern nur sehr allmählich ansteigen, also
de facto wohl eher gar nicht, weil sich die Sturzflut nämlich
wahrscheinlich schon vorher verlaufen haben wird.

Die "Verankerung im Morast" macht die Knüppeldämme aber vermutlich
auch extrem hoch belastbar: Es macht nichts, wenn sie mit wesentlich
mehr Gewicht befahren werden als ihrem Auftriebsvermögen entspricht,
sie reagieren darauf eben mit Absinken, aber wegen des zähen
Untergrunds so langsam, daß die Kolonne bzw. die Fuhrwerke schon
längst weiter sind, bevor der Weg vom Matsch überdeckt wird - nach der
Entlastung kommen sie dann (auch sehr langsam) wieder hoch.

Man müßte sich also überlegen, ob Schoppes Annahme überhaupt
zutreffen
kann und in technischer Hinsicht glaubhaft ist. Wenn man den antiken
Berichten glauben kann, müßte man nach topographischen Möglichkeiten
suchen, durch das Ablassen von Staubecken tiefergelegene Wegstrecken
zu überfluten, um die Schlacht an den Pontes longi lokalisieren zu
können. (Die Niewedder Senke bei Kalkriese dürfte dafür auch nicht in
Frage kommen, nach der Topopgraphie handelt es sich dort viel eher um
das Schlachtfeld am Angrivarierwall, also auch nicht die
Varusschlacht.)

Ich könnte mir übrigens vorstellen, daß die Römer gar kein Interesse
an einer Straßenverbindung zwischen Wiedenbrück und Lippspringe
hatten, sondern dort ebenfalls zu wasserbaulichen Lösungen gegriffen
haben: Es gibt drei Stellen in Norddeutschland, denen in logistischer
Hinsicht in der Antike eine ganz besondere Bedeutung hätte zukommen
müssen. Alle drei sind dadurch gekennzeichnet, daß es sich bei ihnen
um Sumpf- und Moorgegenden handelt, die nur sehr schlecht entwässert
werden. Aber in allen dreien treten wichtige Bifurkationen auf. Das
sind:

- die Gegend um Tostedt
- der Oberlauf der Hase
- das gemeinsame Quellengebiet von Ems und Lippe

Bei Tostedt entspringen bzw. entstehen als Abläufe aus dem Moor die
Oste, die in die Unterelbe mündet, sowie die Wümme, die dann über die
Lesum bei Vegesack in die Weser mündet. Die Hase teilt sich in ihrem
Quellgebiet und fließt zum einen über Bramsche bei Kalkriese weiter
zur Ems, zum anderen bildet sie das Flüßchen Else (Lager Aliso?), das
in die Werre (das Werretal wird als wahrscheinlichster Austragungsort
der Varusschlacht angesehen) und mit ihr dann bei Porta Westfalica in
die Weser mündet.

Ich finde das deswegen so interessant, weil es sich dabei um eine Art
"natürlichen Mittellandkanal" gehandelt haben könnte, also schiffbare
Inlandverbindungen zwischen Rhein, Ems, Weser und Elbe. Ich finde es
nämlich eigentlich sehr naheliegend, anstatt aufwendig Straßen zu
bauen und Fracht auch Booten auf Fuhrwerke und Tragtiere umzuladen,
viel einfacher im Moor Gräben auszuheben und dann mit den
Transportbooten auf diesem Wege von einem Fluß zum anderen zu gelangen
- so lassen sich dann auch in sehr unwegsamem Gelände schwere Lasten
befördern, die auf Tragtieren gar nicht verladen werden könnten (wobei
Tiere etwas "geländegängiger" sind als im Moor gar nicht einsetzbare
Fuhrwerke).

(Eine entsprechende "Torfkanalstrecke" bzw. Schiffsumtrage zwischen
Oste und Wümme ist in römischer Zeit nicht unbedingt zu erwarten, weil
die Römer dort vielleicht gar nicht gewesen sind, aber die Wikinger,
Slawen und Franken sollten diesen Weg später eigentlich benutzt haben.
Seltsam, daß man davon nichts liest - gibt es Gründe, die ernsthaft
dagegen sprechen?)

Selbstverständlich ist der Weg über die Hase länger und umständlicher
als der direkte Wasserweg emsaufwärts, aber er hat eben den Vorteil,
daß man damit an die Weser und damit auch nach Hedemünden gelangt,
ohne den sehr gefährlichen und langen Seeweg bis zur Wesermündung
benutzen und dann eine lange Strecke die Weser hinauf durch
wahrscheinlich feindliches Gebiet benutzen zu müssen. Und es ist
auffällig, daß er bei Bramsche und Kalkriese vorbeiführt.

Wohin flohen fliehende Römer von Kalkriese? Zum Rhein? Ja, aber wie?
Na, ganz offensichtlich werden sie versucht haben, den nahen
Landeplatz bei Bramsche an der Hase zu erreichen, dort eine
Auffangstellung einzurichten bzw. sich mit Booten und Flößen auf der
Hase abzusetzen, evtl. auf genau dem Weg, auf dem sie gekommmen waren.
Es ist absurd, anzunehmen, daß die hinterlistigen Germanen die Römer
immer und überall aus den Wäldern und Sümpfen heraus von allen Seiten
angreifen konnten. Erstens waren "die Germanen" unter Arminius in
Wirklichkeit auch römische Truppen, nämlich wohl die einheimischen
Mannschaften der Varus-Legionen, die dann wohl auch gar nicht in
Massen niedergemacht wurden, sondern vielmehr einfach desertiert sind
(und dann später in voller Ordnung gegen die Legionen des Germanicus
gekämpft haben - umgebracht und geopfert wurden wahrscheinlich nur die
römischstämmigen Offiziere der Legionen), und zweitens unterlagen die
"Barbaren" natürlich den gleichen logistischen Beschränkungen wie die
Römer: wo die Römer nicht marschieren konnten, konnten auch keine
germanischen Heere angreifen. Auf dem Fluß mitten zwischen Sümpfen war
der Rückzug vom Schlachtfeld wohl ziemlich sicher.

Die Idee, daß die Varus-Legionen nicht massakriert wurden, sondern
desertiert sind (Arminius selbst ist römischer Offizier und Deserteur
und kommunizierte bis kurz vor seinem Untergang noch mit Varus, um
dessen Bedenken hinsichtlich des geplanten Verrats, vor dem Warnungen
vorlagen, zu zerstreuen), würde übrigens auch erklären, warum ihre
Erinnerung in Rom ausgelöscht wurde und sie nicht wieder neu
aufgestellt wurden: Verrat war dem Kaiser in Rom weitaus unagenehmer
als eine militärische Niederlage, deshalb zielt die Varus-Tradition
darauf ab, die Niederlage einem unfähigen Truppenführer und "dem
Willen der Götter" in die Schuhe zu schieben, und deshalb blieben die
Überlebenden auch aus Rom verbannt und durften die Provinz nicht
verlassen, eben, damit sie nicht daheim von den wahren Begebenheiten
berichten konnten.

Ohnehin war Niedergermanien in Meutereistimmung: Auch Germanicus mußte
zunächst eine Revolte bei der Truppe niederschlagen, und auch ihm
desertierten im Gefecht zwei Legionen. Die "Vernichtung" der Brukterer
und Marser war in Wahrheit wohl eine Strafaktion gegen desertierte
Legionäre (und deren Familien) - daß bei den Brukterern unter deren
Gefallenen einer der verlorengegangenen Legionsadler der Varuslegionen
gefunden wurden, könnte man auch so interpretieren, daß es eben diese
Varus-Legion selbst war, die ihm in voller römischer Schlachtordnung
entgegengetreten war. Denn wo hatte Arminius plötzlich ein
gutbewaffnetes starker germanisches Heer her? Die plausibelste
Erklärung ist: Den Römern weggenommen.

Diese "politische" Situation könnte übrigens auch der eigentliche
Grund für die Aufgabe der Provinz Niedergermanien gewesen sein: Die
Römer konnten aus dem Land heraus keine Truppen aufstellen, denn die
waren wiederholt als zu unzuverlässig erkannt worden, und Leute aus
anderen Völkern hatten schlicht keine Lust, sich für den Dienst im
naßkalten mörderischen Germanien anwerben zu lassen, also wurde keine
Provinzverwaltung eingerichtet und römische Siedlungen angelegt,
sondern nur noch gelegentliche Feldzüge durchgeführt (bei denen es
sich übrigens auch im isolierte Polizeiaktionen mit Billigung der
germanischen Stammesführer gegen punktuelle Aufstände handeln konnte -
das würde erklären, warum man in Norddeutschland keine Marschlager
gefunden hat: Die Truppen waren schlicht jeweils in den Siedlungen
einquartiert. Hundert Jahre nach der Unabhängigkeit konnten sich
Briten in den USA schließlich auch wieder sicher bewegen.)


Gruß aus Bremen
Ralf
--
R60: Substantive werden groß geschrieben. Grammatische Schreibweisen:
adressiert Appell asynchron Atmosphäre Autor bißchen Ellipse Emission
gesamt hältst Immission interessiert korreliert korrigiert Laie
nämlich offiziell parallel reell Satellit Standard Stegreif voraus

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