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Ach, das hat doch mit dem wahren Kommunismus nichts zu tun, gell, Wagenknechte?

Von: Uwe Tietze (uwetietze@mailinator.com) [Profil]
Datum: 28.09.2009 14:48
Message-ID: <h9qbb5$7hm$1@aioe.org>
Newsgroup: de.soc.politik.misc de.sci.geschichte de.talk.tagesgeschehen
Killing Fields: Der kommunistische Völkermord in Kambodscha

Vor 30 Jahren beendete die vietnamesische Armee das Terrorregime der
Roten Khmer und hinterließ nach einem beispiellosen Terror ein bis heute
tief traumatisiertes Land.

(Beitrag von Michael Mannheimer, Publizist)

Seine Warnungen wären noch rechtzeitig gekommen, um dem
kambodschanischen Holocaust vorzeitig ein Ende zu bereiten. Doch sie
wurden vom Westen überhört oder mit beißender Häme überzogen. Zu
unglaublich war doch, was der französische Pater Francois Ponchaud
bereits 1975, kurz nach der Machtübernahme der Roten Khmer, aus dem
fernen Kambodscha behauptete: von massenweiser Deportation der
Bevölkerung auf das Land, Entvölkerung ganzer Städte, täglichen
Liquidierungen Unschuldiger, ja von einem Genozid sprach der Kleriker,
der den Einmarsch der Roten Khmer nach Phnom Penh als einer der wenigen
westlichen Augenzeuge erlebt hatte.

Was der Pater da an unvorstellbaren Gräueln und Staatsterror durch die
neue kommunistische Regierung unter Führung Pol Pots berichtete, stellte
so ziemlich alles in den Schatten, was man aus den Tagen Hitlers,
Stalins oder Maos kannte. Ein neuer Holocaust? Nein, das konnte, das
durfte nicht wahr sein, zumal nicht im Namen einer kommunistischen
Regierung, deren erklärtes und vordringliches Ziel es doch war, die
Menschenrechte zum ersten Mal für alle Menschen in Kambodscha
durchzusetzen. So sahen es auch der US-amerikanische Linke Noam Chomsky,
der die Berichte in Ponchauds als CIA-Propaganda abtat, und auch der
belgische Menschenrechtsexperte Francois Rigaux befand politisch
korrekt, dass Pol Pot die Menschenrechte wirksamer schützen würde als
die ganze westliche Welt. Also musste das, was Pater Ponchaud erzählte,
maßlos übertrieben sein, genährt wohl unter anderen vom Neid der Kirche
auf die humanitären Erfolge der kommunistischen Regierung.

Doch Pater Ponchaud hatte nicht übertrieben. Kambodscha sollte während
der Herrschaft der Roten Khmer in den Jahren 1975-1979 die grauenvollste
Zeit seiner langen und ruhmreichen Geschichte erleben – die Zeit des
kambodschanischen Holocausts.

Nach einem jahrzehntelangen erbitterten Guerillakampf gegen die
Regierungstruppen Kambodschas drangen die Roten Khmer am 17. April 1975
in die Hauptstadt Phnom Penh ein. Sie trafen auf keinen nennenswerten
Widerstand mehr: jedermann war froh, dass der Bürgerkrieg endlich zu
Ende war. Jetzt konnte es eigentlich nur noch besser werden, so die
Meinung des Großteils der Bevölkerung. Doch die versteinerten Mienen der
eindringenden Kindersoldaten der Roten Khmer ließen bei Skeptikern die
Ahnung einer kommenden Apokalypse aufkeimen.

Tatsächlich wurde noch am selben Tag des Einmarsches alle drei Millionen
Bewohner Phnom Penhs dazu aufgefordert, die Stadt binnen weniger Stunden
zu verlassen. Wer diesen Befehl missachtete, wurde auf der Stelle
erschossen. Um keine Panik aufkommen zu lassen, behaupteten die Roten
Khmers, ein amerikanischer Luftangriff auf Phnom Penh stünde unmittelbar
bevor. Nach spätestens drei Tagen könnten alle wieder in ihre Häuser
zurückkehren. Daher sollte nur das Notwendigste mitgenommen werden.
Innerhalb weniger Stunden nach der Einnahme Phnom Penhs vollzog sich ein
gespenstisches Szenario: Ganze Familien, Jung und Alt, Gesunde und
Kranke machten sich auf den ungewissen Weg hinaus aus der Stadt.
Geschont wurde niemand. Selbst die Kranken und Schwerstkranken aus den
Hospitälern mussten sich auf den Weg machen. Wer niemanden fand, der ihn
begleitet oder auf seinen Händen aus der Stadt trug, hatte Pech. Er
wurde noch auf der Straße von den Roten Khmers erschlagen oder
erschossen. Es sollte für die meisten ein Auszug ohne Wiederkehr werden.

Alle waren sie Teil eines geheimen, selbst der Mehrheit der Roten Khmer
unbekannten Plans: Kambodscha sollte innerhalb kürzester Frist in eine
maoistische, bauerngeführte Agrarkooperative umgewandelt werden, in eine
klassenlose, “ideale kommunistische Gesellschaft. Das offizielle
historische Ziel war ein Land ohne entfremdende Ballungszentren mit
gleichmäßig bewohnten Kommunen von jeweils 1000 Menschen… der wahre
Grund lag jedoch vermutlich in der Kontrollfunktion der Partei gegenüber
der sonst unkontrollierbaren Stadtbevölkerung.

Die neuen Herren begannen mit einer der radikalsten und brutalsten
Umstrukturierung einer Gesellschaft, die jemals vollzogen wurde. Die
Zeitrechnung wurde umgestellt: als das Jahr Null zählte fortan der
Beginn ihrer Herrschaft. Das Geld wurde abgeschafft, die Nationalbank in
die Luft gesprengt, Schulen und Krankenhäuser geschlossen, Bücher
eingesammelt und verbrannt. Man stellte die Post ein und riegelte das
Land hermetisch von der Außenwelt ab. In den folgenden vier Jahren
wurden Hunderttausende Kambodschaner zu Tode gefoltert und hingerichtet.
Vor allem war es die überwiegende Mehrheit der gebildeten Kambodschaner
aus der Mittelklasse, Lehrer, Ärzte, Ingenieure, ehemalige
Verwaltungsbeamte, die als Parasiten gebrandmarkt und ermordet wurden.
Aber auch alle, die eine Fremdsprache gelernt hatten oder einfach eine
Brille trugen (das war ein untrügliches Zeichen, dass der Mensch lesen
und schreiben konnte und somit ein “verdorbener Feudalist” war) wurden
systematisch liquidiert.

Das Blutbad erreichte 1978 seinen Höhepunkt, als zahllose Kambodschaner,
bezichtigt als Landesverräter, als amerikanische oder vietnamesische
Spione, in wenigen Wochen auf den Killing Fields getötet wurden. Man
trieb ganze Schulklassen zusammen, ließ sie mit bloßen Händen ein Loch
graben, um sie unmittelbar darauf zu erschlagen oder – im
„glücklichsten“ Fall – zu erschießen. Der gleichnamige Film “The Killing
Fields” beruht auf eben diesen historischen Begebenheiten. Von den
einstmals sieben Millionen Kambodschanern wurden zwei bis drei Millionen
(die genaue Zahl wird man wohl nie erfahren) von ihrer eigenen Regierung
ermordet oder aber sie starben an Misshandlungen, Krankheit oder
mangelnder Ernährung. Die Essenszuteilung beschränkte sich auf eine
Kondensmilchdose Reis pro Tag für sechs Personen – eine absolute und
tödliche Hungerration, die von den Roten Khmers so auch beabsichtigt
war. Pin Yathay, einer der wenigen Kambodschaner, dem die Flucht nach
Thailand gelang, berichtete, dass während einer politischen Versammlung
in der ihm zugewiesenen Kooperative ein Offizier der Roten Khmer
öffentlich sagte: “Im neuen Kambodscha brauchen wir für die Fortsetzung
der Revolution nicht mehr als eine Million Menschen. Die anderen
brauchen wir nicht. Es ist uns lieber, wir bringen zehn Freunde um, als
dass wir einen Feind am Leben lassen.”

Mitte 1976 setzte Pol Pot einen Vier-Jahres-Plan in Kraft, der
Kambodscha modernisieren, die Klassengesellschaft beenden und direkt zur
idealen kommunistischen Gesellschaft führen sollte. Die
landwirtschaftliche Produktion Kambodschas sollte sofort verdreifacht
werden. Die Erlöse sollten dazu dienen, die Industrialisierung des
Landes zu finanzieren. Mit diesem Plan wollte er sich ein bleibendes
Denkmal in der Weltgeschichte setzen.

Doch dieser Plan hatte keinerlei Bezug zur Realität Kambodschas. Die
Infrastruktur war schwer beschädigt. Dem Land fehlten qualifizierte
Arbeitskräfte (Ärzte, Lehrer, Ingenieure waren ja bereits unter den
ersten, die auf den Killing Fields ermordet wurden.) Und die zwei bis
drei Millionen halbverhungerter kambodschanischer Arbeitskräfte, die auf
dem Land sklavische Frondienste zu leisten hatten, konnten diese Wunder
nie und nimmer vollbringen, zumal sie jeden modernen Werkzeugs beraubt
waren.

Als Pol Pot merkte, dass sein ehrgeiziger Plan nicht erfüllt werden
sollte, versuchte er (wie Stalin und Mao unter ähnlichen Umständen
davor) die Schuld von sich abzulenken und beschuldigte innere Feinde der
Sabotage an der Revolution. Von paranoider Angst getrieben glaubte er
sich zunehmend von Feinden umgeben, nannte sie “Ungeziefer” und drohte
ihnen, sie allesamt auszumerzen. Mord, willkürliche Verhaftungen und
Folter wurden zum Prinzip seiner Herrschaft. Niemand entkam dem Terror,
niemand konnte sich sicher fühlen. Unter den Opfern befanden sich selbst
ganze Kader der Roten Khmer und einige seiner engsten Kampfgefährten.

Alle, die besonders schwereren Verrats verdächtigt wurden, kamen ins
geheime Sicherheitsgefängnis S21, einer ehemaligen High School im
Stadtteil Tuol Sleng im Süden Phnom Penhs. Keiner der etwa 15-20.000
Gefangenen, die während der Jahre 1975-79 dorthin gebracht worden waren,
sollte S 21 überleben. Denn alleiniger Zweck der Einrichtung war:
Erzwingung von Geständnissen und anschließende Liquidierung in Choeung
Ek, einem der zahllosen in ganz Kambodscha verstreuten Killing Fields.

Die ehemalige Schule wurde für Verhörzwecke perfekt genutzt: Einige
Klassenzimmer fungierten als Folterkammern, andere wiederum waren mit
primitivsten Baumaßnahmen zu winzigen Gefängniszellen umfunktioniert
worden, in denen die Opfer, angekettet an fingerdicke Eisenstangen, auf
nacktem Boden auf ihre täglichen Verhöre und Folterungen warteten.
Andere Zimmer fungierten als Massenlager: bis zu Hundert niedrigrangige
Gefangene waren wie Vieh Körper an Körper aneinandergekettet.

Die Verhöre und Folterungen hörten nicht auf, bis sie alle zugaben,
vietnamesische Agenten oder Spione der CIA oder des KGB zu sein… Namen,
von denen die meisten noch nie gehört hatten. Von Verdächtigungen
ausgenommen war niemand. Denn wer erst einmal durch die Pforten des S 21
gebracht wurde, musste allein schon deswegen schuldig sein: denn
„Angkar“, die allmächtige Parteiorganisation der Roten Khmer, verhaftete
nur Schuldige, irrte nie.

Opfer waren: Beamte und Offiziere des alten Regimes, aus dem Ausland
zurückkehrende Diplomaten und Studenten, die direkt ins S 21 überführt
wurden, die Besatzung einer vor der Küste kreuzenden ausländischen
Segelyacht; Intellektuelle und als Abweichler verdächtige Kader der
Roten Khmer mitsamt ihren Familien; Männer, Frauen und Kinder aus allen
Bevölkerungsschichten des Landes.

Leiter des Gefängnisses war ein gewisser Khang Khekleu, genannt Deuch,
damals ein Mitdreißiger. Er war wie Pol Pot ehemaliger Lehrer,
ausgebildet an der Sorbonne in Paris. Auch die meisten der
Verhörspezialisten von S 21 waren ehemalige Lehrer. Denn die Roten Khmer
waren bei aller Ablehnung von Intellektualität angewiesen auf Menschen,
die die Verhörprotokolle führen konnten.

Deuch führte das S 21 als die wohl perfekteste und akkurateste
Mordmaschine der Roten Khmer. Das Gefängnis wurde ähnlich penibel
geführt wie Auschwitz von den Nazis: ankommende Häftlinge wurden zu-erst
gewogen und fotografiert. Dann mussten sie genaue Angaben für Ihre
Personalakte machen. Jede Aussage wurde schriftlich festgehalten, und
viele der “Geständnisse” trugen akkurate Anweisungen von Deuch über das
weitere Prozedere der Verhöre oder wiesen auf darin enthaltene
Ungereimtheiten hin. Weil die Gefangenen von S 21 meist des Verrats an
der Partei beschuldigt wurden, waren ihre Geständnisse von hohem
Interesse für Pol Pot, der in den Protokollen und Dokumenten von S 21
als “Brother Number One” erwähnt wird. Kopien und Zusammenfassungen
wichtiger Geständnisse wurden an den Sicherheitsminister Son Sen oder
direkt an Pol Pot weitergeleitet.

Viele Gefangene gaben “verräterische Aktivitäten” gleich zu, um der
Folter zu entgehen. Andere wurden so lange gefoltert, bis sie gebrochen
waren oder starben. Einige begingen Selbstmord. (Einer ergriff sich das
Gewehr einer Wache und erschoss sich damit. Eine Frau stürzte sich aus
dem dritten Stock der ehemaligen High School.)

Das Ausmaß des Leids der Gefangenen ist wohl am besten in den Gemälden
des kambodschanischen Malers Van Nath dokumentiert, die heute in dem zu
einem Völkermord-Museum umfunktionierten S 21 an den Wänden hängen. Van
Nath entkam mit weiteren sechs Gefangenen, die wie er mit dem Malen von
Pol Pot Portraits beauftragt waren, am Tag der Befreiung Kambodschas nur
durch reinen Zufall lebend dieser Hölle: die vor den Vietnamesen
fliehenden Wachsoldaten hatten schlicht und einfach vergessen, ihm und
den anderen sechs die Kehle zu durchschneiden, wie sie es noch bei den
letzten Gefangenen getan hatten.

Forscher der amerikanischen Yale Universität, die das mörderische
Treiben heute untersuchen, waren überrascht über die von den Schlächtern
in aller Eile hinterlassene Aktenfülle: 500.000 Seiten mit Verhör- und
Folterprotokollen, Geständnisse, Todeslisten, Fotos. Doch sie studierten
nicht nur die Aktenberge. Geleitet vom australischen Professor Ben
Kiernan haben die Wissenschaftler des “Genozid-Programms” mit Hilfe von
Satellitenaufnahmen bereits über 8.000 Massengräber im Lande
lokalisiert, meist in unmittelbarer nähe zu Gefängnissen oder Arbeitslagern.

Mittlerweile sind 30 Jahre vergangen, seitdem die Roten Khmer ihre Macht
verloren. Doch besiegt waren sie lange nicht. Pol Pot zog sich mit einer
bestens gerüsteten und immer noch kampfkräftigen Truppe in die
unzugänglichen Urwälder Westkambodschas zurück, und errichtete, an der
Grenze zu Thailand, sein neues Domizil. Jederzeit konnte er sich dort
vor etwaigen Angriffen kambodschanischer Regierungstruppen nach Thailand
zurückziehen. Noch jahrelang führten die Roten Khmer einen erbitterten
Guerillakampf gegen Regierung und Bevölkerung und verseuchten das Land
mit Millionen Minen, die sie, im Schutze der Dunkelheit, häufig in den
Reisfelder der Bauern legten. Man wollte Land und Bevölkerung durch
unzählige verstümmelte Opfer demoralisieren und auf den Tag X der
Rückeroberung der Macht warten. Noch Jahre nach ihrer Vertreibung legten
die schwarzgekleideten Krieger Pol Pots Millionen Antipersonenminen, vor
allem in den Reisfeldern, was sich als besonders heimtückisch erwies.
Hinter Afghanistan ist Kambodscha das Land mit den meisten Minen
weltweit und es hat eine der höchsten Invaliditätsraten der Welt. Der
Krieg in Kambodscha hinterließ etwa 40.000 Menschen mit Amputationen,
und es kommen täglich neue hinzu. Auf den Straßen der Städte kann man
die ganze Bandbreite des Leidens heute noch sehen: von jungen und
älteren Menschen mit abgerissenen Händen, Armen oder Beinen bis hin zu
Kindern, die sich nur auf den Händen fortbewegen können.

Erst jetzt, 30 Jahre nach dem Ende der kommunistischen Terrorherrschaft,
wird dem Schlächter von Tuol Sleng, Khang Khekleu alias Deuch, endlich
der Prozess gemacht. Am 17. März 2009 muss er sich vor dem
Völkermordtribunal vor den Toren Phnom Penhs seinen Anklägern und
Richtern stellen. Pater Ponchaud, der das Land während der Herrschaft
der Roten Khmers verlassen hatte, ist inzwischen wieder nach Phnom Penh
zurückgekehrt und hat seine ursprüngliche Arbeit, nämlich die
Übersetzung der Bibel in Khmer, die Sprache der Kambodschaner,
erfolgreich beenden können.

Im Rückblick auf die Ereignisse unter den Roten Khmer erklärte er einem
ausländischen Journalisten: “Nach der Veröffentlichung meines Buches
hatte ich eine religiöse Krise. Ich glaubte mich von Gott verlassen.
Nicht nur wegen der Gräuel, die ich in Kambodscha erlebt hatte, sondern
weil man alles anzweifelte, was ich gehört und gesehen hatte. Und dabei
habe ich eher unter- als übertrieben.”

http://www.pi-news.net/2009/09/killing-fields-der-voelkermord-in-kambodscha/

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