nntp2http.com
Posting
Suche
Optionen
Hilfe & Kontakt

Martin Heideggers "Bauen Wohnen Denken" und wie das Wesen der Sache aus der Sprache zu uns kommt

Von: Karl-Ludwig Diehl (spaceoffice@web.de) [Profil]
Datum: 20.12.2008 14:43
Message-ID: <24dcc094-850c-4543-903e-bf8f02c99fa4@i20g2000prf.googlegroups.com>
Newsgroup: de.sci.architektur

Martin Heideggers "Bauen Wohnen Denken" und wie das
Wesen der Sache aus der Sprache zu uns kommt


Der Aufsatz "Bauen Wohnen Denken" wurde nach dem
Zweiten Weltkrieg verfaßt und vor dem Deutschen Werk-
bund vorgetragen. Heidegger reflektiert über Worte, die un-
terschiedlich klingen, möglicherweise ein und daselbe be-
deuten können, auf jeden Fall aber zu einer Gleichsetzung
gebracht werden konnten. Daß dies Sinn macht, läßt sich
dem Text entnehmen, der sehr einfach strukturiert ist und
systematisch aufgebaut wurde. Sprache sei die Herrin des
Menschen, auch wenn wir uns noch so gut ihrer bedienen
können.

"Wer gibt uns überhaupt ein Maß, mit dem wir das Wesen
von Wohnen und Bauen durchmessen? Der Zuspruch über
das Wesen einer Sache kommt zu uns aus der Sprache,
vorausgesetzt, daß wir deren eigenes Wesen achten. Inzwi-
schen freilich rast ein zügelloses und zugleich gewandtes
Reden, Schreiben und Senden von Gesprochenem um den
Erdball. Der Mensch gebärdet sich, als sei er Bildner und
Meister der Sprache, während sie doch die Herrin des Men-
schen bleibt." (1)

Er hat das Internet und den Computer noch nicht gekannt.
Trotzdem leuchten diese Sätze ein. Es macht also Sinn,
immer besser dem nachzugehen, was Sprache mit uns
macht. In den Worten und Sätzen liegen Aktivitäten der
Sprache, die auf uns einwirkt und aus uns herauswirkt.

Heidegger will das Wesen vom Wohnen und Bauen durch-
messen. Als er den Worten nachgeht, stößt er auf überra-
schende Zusammenhänge.

"Bauen ist eigentlich Wohnen."
"Das Wohnen ist die Weise, wie die Sterblichen auf der
Erde sind."
"Das Bauen als Wohnen entfaltet sich zum Bauen, das
pflegt, nämlich das Wachstum, - und zum Bauen, das Bau-
ten errichtet." (2)

Er kam durch Wortforschung auf diesen Zusammenhang.
Zugleich ergab sich das Problem, daß uns die Ursprünge
der Worte und das, was sie jeweils genau transportieren
sollten, unbekannt bleiben müssen. Die Etymologie stößt
überall an ihre Grenzen. Es muß also spekuliert werden.
Es läßt sich beobachten, was sich mit den Worten entfal-
tete. Danach läßt sich das auswerten und Vermutungen
können angestellt werden. Obwohl der Schritt in die histo-
rische Tiefe von Worten an seine Grenzen stößt, läßt sich
der Bedeutungswandel in einem gewissen Umfang nach-
vollziehbar machen. Das, was dann behauptet werden kann,
trägt aber nur provisorischen Charakter, bis neuere Erkennt-
nisse die alte Behauptung ablösen. Heidegger formuliert:

"Das Bauen als Wohnen, d.h. auf der Erde sein, bleibt nun
aber für die alltägliche Erfahrung des Menschen das im vor-
hinein, wie die Sprache so schön sagt, <<Gewohnte>>.
Daher tritt es hinter den mannigfaltigen Weisen, in denen
sich das Wohnen vollzieht, hinter die Tätigkeiten des Pfle-
gens und Errichtens, zurück. Diese Tätigkeiten nehmen in
der Folge den Namen bauen an und damit die Sache des
Bauens für sich allein in Anspruch. Der eigentliche Sinn
des Bauens, nämlich das Wohnen, gerät in die Vergessen-
heit." (3)

Heidegger erläutert, das alte Wort "buan", also bauen, ha-
be ursprünglich "wohnen" bedeutet. Dies sei für den Men-
schen "die Weise, wie die Sterblichen auf der Erde sind."
Dadurch, daß sich ihre Tätigkeiten in ein Bauen, also Er-
richten, und in ein Anbauen, also Hegen und Pflegen, auf-
teilen mußte, sei es dazu gekommen, daß der ursprüngli-
chere Sinngehalt des Wortes "buan", also bauen, nämlich
das Wohnen, das Bleiben und das "Sich Aufhalten" in dem
Wort "buan" verloren gegangen sei.

Er muß sich nun mit dem Wort "wohnen" beschäftigen.

"worin besteht das Wesen des Wohnens? Hören wir noch
einmal auf den Zuspruch der Sprache: Das altsächsische
<<wuon>>, das gotische <<wunian>> bedeuten ebenso
wie das alte Wort bauen das Bleiben, das Sich-Aufhalten.
Aber das gotische <<wunian>> sagt deutlicher, wie dieses
Bleiben erfahren wird. Wunian heißt: zufrieden sein, zum
Frieden gebracht, in ihm bleiben. /.../ Wohnen, zum Frie-
den gebracht sein, heißt: eingefriedet bleiben in das Frye,
d.h. in das Freie, das jegliches in sein Wesen schont." (4)

Daß sich bei solcher Wortbedeutungsforschung Fehler ein-
schleichen können, liegt nahe. Nehmen wir an, die Wortbe-
deutungen sind so, dann wäre das Wohnen ein Zustand,
sich in einem abgesicherten Kulturraum des Menschen
aufhalten zu können. Der könnte als Haus mit Garten klein
sein, genauso als Dorf etwas größer sein, oder als Stadt
oder Staat ein wesentlich größeres eingefriedetes Gebiet
umfassen, in dem alles zum Friedlichen hin organisiert ist.
Natürlich ist immer auch der größt mögliche Kulturraum
der Menschheit damit gemeint, in dem sie sich aufhält.

Bauen, das ursprünglich wohnen bedeutete, hätte also die-
se Wortbedeutung zugunsten des Errichtens und Anbauens
aufgegeben. Trotzdem sei in dem Wort bauen die alte Be-
deutung noch aufgehoben, aber das Wort wohnen sei ei-
gentlich an die Stelle des alten buan/bauen getreten, mit
dem wohnen gemeint gewesen sei.

Vermutlich müssen hier die Etymologen sehr viel Kritik
üben, weil das Behauptete zu wenig Basis hat, denn alle
Worte hängen zu sehr wegen ihrer unbekannten Ursprünge
in der Luft. Sie werden also ein solches Wagnis, das Hei-
degger einging, als er die Bedeutungsentwicklung von Bau-
en und Wohnen nachvollziehbar machen wollte, nicht befür-
worten wollen. Aber warum soll nicht spekuliert werden
können? Der Zusammenhang, der durch Heideggers Text-
passagen aufscheint, hat viel interessant Behauptetes. Es
so zu denken, ist überaus schlüssig, aber nicht vollständig
erschlossen und erschließbar. Es bleibt viel zu viel unbe-
kannt.

Die nächsten Textabschnitte von Heidegger wirken wie Dar-
stellungen des ländlichen Raumes, der sich vom Großstadt-
lebensraum erheblich unterscheidet, denn es heißt:

"Doch <<auf der Erde>> heißt schon <<unter dem Him-
mel>>. /.../ Die Erde ist die dienend Tragende, die blühend
Fruchtende, hingebreitet in Gestein und Gewässer, aufge-
hend zu Gewächs und Getier. /.../ Der Himmel ist der wöl-
bende Sonnengang, der gestaltwechselnde Mondlauf, der
wandernde Glanz der Gestirne, die Zeiten des Jahres und
ihre Wende, Licht und Dämmer des Tages, Dunkel und
Helle der Nacht, das Wirtliche und Unwirtliche der Wetter,
Wolkenzug und blauende Tiefe des Äthers." (5)

In diesen Bildern bringt er "die Vier" unter, das sind für ihn
Erde und Himmel, Göttliche und Sterbliche. Mit diesen
Worten spricht er eine Mythenwelt an. Dieser mythische
Raum, der sich hier auftut, indem er das schreibt, verweist
auf die Tiefe der menschlichen Kulturentwicklung. Die Bil-
der und Benennungen wirken altertümlich. Sie sind aber
nicht unwahr. Sie sind so wahr wie die Kirche im Dorf und
der Gottesacker. Sie wollen das Märchen von Göttern und
den Verstorbenen im Himmel und den Sterblichen auf der
Erde fortschreiben, um das darin angelegte in einen Erklä-
rungszusammenhang zu bringen. Es ist dabei unwichtig,
ob er an solche mythischen Räume und die darin Handeln-
den glaubt oder nicht. Sie sind als Kulturgut existent. In
ihnen leben die Sterblichen, die durch Erlernung in diesen
existierenden Märchenraum eingeführt sind. Wie die Spra-
che im Alltag ist auch der mythische Raum von Kindheit an
angelernt. Wir sind durch Erziehung gezwungen worden,
darin zu leben. Es lohnt sich, alle seine Zeilen zu lesen,
mit denen er den mythischen Raum entfaltet. Sie zielen da-
rauf ab, vor uns zu behaupten, die Sterblichen wohnen, um
die Erde zu retten. Man könnte es als das Wichtigste des
Wohnens bezeichnen, den Frieden der Lebenszusammen-
hänge zu bewahren.

"Die Sterblichen wohnen, insofern sie die Erde retten - das
Wort in dem alten Sinne genommen, den Lessing noch
kannte. Die Rettung entreißt nicht nur einer Gefahr, retten
bedeutet eigentlich: etwas in sein eigenes Wesen freilas-
sen. Die Erde retten ist mehr, als sie ausnützen oder gar
abmühen. Das Retten der Erde meistert die Erde nicht und
macht sich die Erde nicht untertan, von wo nur ein Schritt
ist zur schrankenlosen Ausbeutung." (6)

Man kann das so stehen lassen. Man erinnere sich: "die
Vier" /.../, das sind für ihn Erde und Himmel, Göttliche und
Sterbliche. Man kann das als ökologisches Denkgut aus-
weisen, wenn man will.

Die Sterblichen bauen und wohnen in einem mythischen
Raum, den sie erhalten wissen wollen. Deshalb sagt er:

"Das Wohnen ist /.../ immer schon ein Aufenthalt bei den
Dingen. Das Wohnen als Schonen verwahrt das Geviert in
dem, wobei die Sterblichen sich aufhalten: in den Dingen."
(7)

Der Bergeraum ist der mythische Raum, also das Wohnen
in den Dingen. Diesen nannte er das Geviert, das aber nur
dadurch besteht, "wenn sie selber als Dinge in ihrem We-
sen gelassen werden". Man hat hier also die Pflege des
Kulturgutes vor sich. Der mythische Raum, obwohl sehr
wandlungsfähig, ist ein solches Kulturgut. So kommt auch
dieser Satz nur dadurch zustande:

"Das Wohnen ist, insofern es das Geviert in die Dinge ver-
wahrt, als dieses Verwahren ein Bauen." (8)

Die Termini, die Heidegger verwendet, sind genau einseh-
bar gehalten. Eher unklar muß auf uns der jeweilige Ver-
such bleiben, die Wortherkunft und die Aufladung der Worte
mit Bedeutungsgehalten zu erklären. Hier müssen Etymolo-
gen sinnvoll darüber streiten, ob diese Ableitungen und
Wortbedeutungsverschiebungen plausibel sind.

Es ist natürlich so, daß dieser mythische soziale Raum,
den Heidegger als Geviert ausbreitet, real existiert. Man
kann sich in ihm gläubig oder im Widerstand zu diesem
Glauben bewegen. Man kann aber auch ein moderneres
Weltbild dagegensetzen, das auch nur auf Glauben beru-
hen kann. Deswegen sagt Heidegger:

"Allein die Dinge selbst bergen das Geviert nur dann, wenn
sie selber als Dinge in ihrem Wesen belassen werden." (9)

Wenn der alte mythologische Raum zusammenbricht, weil
ein neuer aufgebaut wird, geht der alte Zusammenhang der
Vier verloren. Die Frage stellt sich dann, in welchem dieser
mythischen Räume wollen wir leben. Die Naturwissenschaf-
ten können uns leider nicht aus den mythischen Räumen
befreien. Sie schaffen nur ihre eigenen. Heidegger propa-
giert also das Verbleiben in dem Geviert. Das Wohnen will
bewahren, sage das Wort. Man kann das ein konservatives
Weltbild nennen, was bewahrt werden soll. Für mich ist es
einfach nur altes Kulturgut des Menschen, das zu bewah-
ren ist.

K.L.

Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
http://groups.google.com/group/baugeschichte
zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de

Anmerkungen:
(1) zitiert aus: Martin Heidegger: BAUEN WOHNEN
DENKEN. o.O., 1951. pdf-Datei S.1 in:
http://www.uni-weimar.de/cms/uploads/media/Heidegger-Bauen_Wohnen_Denken.pd
f
(2)-(5) zitiert aus: M.Heidegger, wie vor, S.2
(6)-(9) zitiert aus: M.Heidegger, wie vor, S.3


[ Auf dieses Posting antworten ]