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Regierungen Europas vereinigt euch: im 19.Jahrhunder t soll elektrisches Licht überall leuchten

Von: Karl-Ludwig Diehl (spaceoffice@web.de) [Profil]
Datum: 05.07.2008 15:52
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Regierungen Europas vereinigt euch: im 19.Jahrhundert
soll elektrisches Licht überall leuchten


Im Jahre 1859 wird über Versuche berichtet, von Leuchttür-
men aus elektrisches Licht auszustrahlen. Der Ingenieur
Degrand, der die Leitung des Leuchtturmdienstes im
"Centraletablissement von Chaillot" innehatte, wagte sich
an den Einsatz von elektrischem Licht. (1) Das Beleuch-
tungssystem, das er einsetzte, bekam Strom "durch eine
Maschine der Gesellschaft Alliance". Sie wurde von einer
"Dampfmaschine von zwei Pferdekräften" betrieben.

"Der elektrische Stern, welcher dieses wunderbare Licht
erzeugt, das man nur mit dem Sonnenlicht vergleichen
kann" (2)

erregte Aufsehen in der Fachwelt. Diejenigen, die dem Ver-
such zusahen, waren begeistert.

"Die Herren Jacobi und Komaroff, welche einem der schön-
sten Versuche in Chaillot beiwohnten, waren wahrhaft er-
staunt über das, was sich ihrem Blicke darbot, und es er-
schien ihnen wie Jedermann unmöglich, daß sich nicht alle
Regierungen Europa's vereinigen sollten, um im großartig-
sten Maßstabe das elektrische Licht sowohl zur Beleuch-
tung der Leuchtthürme als auch der großen Dampfschiffe
zu verwenden, um das Meer auf große Entfernungen zu
erhellen und dadurch Kollissionen zu vermeiden, welche
schon so schreckliche Katastrophen herbeigeführt haben."
(3)

Anderswo, gemeint ist England, war man ebenfalls dabei,
elektrisches Licht auf einem Leuchtturm in Anwendung
zu bringen. Es war wohl ein konkurrierendes Beleuch-
tungssystem mit elektrischem Licht:

"Auf dem südlichen Leuchtthurm von Dover hat man die
Dochtlampen durch elektrische Lampen ersetzt; es werden
die Versuche unter der Leitung des Herrn Holmes unauf-
hörlich fortgesetzt, und die Resultate davon sind äußerst
günstig" (4)

Herr Holmes scheint einen "Erzeugungsapparat" für elek-
trischen Strom entwickelt zu haben, der jedoch nicht die
Leistung einer Maschine erbrachte, die in Paris im Ein-
satz war, denn er benötigte "eine mehr als doppelt so kräf-
tige Dampfmaschine". (5) Der elektrische Strom war also
in Dover nur erheblich teurer zu haben, was die Franzosen
sicher mit großer Freude zur Kenntnis nahmen.

Wenn man diesen Bericht vom Jahre 1859 mit dem aus
dem Jahre 1857 vergleicht, der schildert, wie in Paris ver-
sucht wurde, vier elektrische Straßenlampen in Betrieb
zu nehmen, so mußte eine enorme Entwicklung im Elek-
trizitätswesen stattgefunden haben, wenn bereits ausge-
sagt werden konnte, daß "dieses wunderbare Licht" auf
einem Leuchtturm des "Centraletablissement von Chaillot"
solcher Art ist, daß man es nur "mit dem Sonnenlicht ver-
gleichen kann".

Über elektrischen Strom und seine Herstellung wird ge-
schrieben:

"Die bedeutendste Vervollkommnung, deren man sich in
letzter Zeit erfreute, ist das Resultat einer völlig unerwar-
teten und gegen die Theorie laufenden Thatsache. Es
ist bekannt, daß die elektromagnetischen Maschinen ab-
wechselnd Ströme in entgegengesetzten Richtungen her-
vorbringen; einen Strom in einer Richtung, wenn die In-
dukzionsrollen sich den Magneten nähern, und einen
Strom in der anderen Richtung, wenn sie sich davon ent-
fernen." (6)

Das irritierte offensichtlich. Denn es wird formuliert:

"Man stand in dem Glauben, daß es bei dem elektri-
schen Licht wie bei den chemischen Zersetzungen und
der Galvanoplastik durchaus nothwendig wäre, die Strö-
mungen so wiederherzustellen, daß der zur Lampe ge-
sandte definitive Strom beständig dieselbe Richtung ha-
ben müsse." (7)

Man gab sich also Mühe, diesen Fluß in dieselbe Rich-
tung herbeizuführen, bis man darauf kam, daß ein
Wechselstrom kein Nachteil sein muß.

"Nun hat die Erfahrung bewiesen, daß man durch eine
geringe Modifikazion ohne irgend einen Nachtheil die
abwechselnden Strömungen anwenden kann, und daß
es keiner Wiederherstellung bedarf." (8)

Zuvor gab es viele zerstörende Funken. Man lese:

"Die Wiederherstellung der Strömungen ist nichts
Leichtes, denn sie setzt Unterbrechungen in den Leitern
voraus, und diese Unterbrechungen sind die Veranlas-
sung zur Entstehung von starken und für alle Metallflä-
chen sehr zerstörenden Funken, wenn, wie bei der Er-
zeugung eines intensiven Lichtes, der entwickelte
Strom kräftig ist." (9)

Es gab jedoch keinen Funken und keine Geräusche mehr,
weil dies gelang:

"Sobald man nicht mehr genöthigt ist, den Strom umzu-
kehren, kann man die Indukzionsströmungen durch Flä-
chen ohne Kontinuitätstrennung auffangen und fortpflan-
zen" (10)

Und außerdem:

"es finden weder Brandmale noch Berührungszerstörun-
gen statt, und die Erzeugung eines Lichtes, das den
mehrerer hunderten Argant'scher Flammen gleichkommt,
ist nur noch Kinderspiel, das eine sehr geringe Ausgabe
erfordert." (11)

Man war also im Jahre 1859 davon begeistert, wie weit
sich die Möglichkeit, durch elektrischen Strom Licht zu
erzeugen, entwickelt hat und wünschte sich, alle Regie-
rungen Europas sollten möglichst rasch diese Beleuch-
tungsart für all die sinnvollen Zwecke einführen, an die
man dachte. Man vergleiche damit, was inzwischen mit
der Gasbeleuchtung in Paris zustande gekommen war:

"Die öffentlichen Straßen dieser Hauptstadt werden ge-
genwärtig durch 108733, Privathäuser von 2 Millionen Gas-
flammen beleuchtet. Die Länge der Röhren, welche das
Gas durch die verschiedenen Theile der Stadt führen, be-
trägt 195 Lieues (117 geogr.Meilen). Das alte Beleuch-
tungssystem mit Reverberen, das noch in gewissen Stras-
sen, kleinen Gassen und wenig frequentirten Passagen
besteht, zählt nur 2608 solcher Apparate mit 5880 Oel-
lampen. Man hat berechnet, daß die Intensität dieser ver-
schiedenen Gasflammen, wenn sie sich in einem einzi-
gen Punkt in einer Höhe von 2500m0 über Paris befänden,
das ganze Departement der Seine so beleuchten wür-
den, wie an einem Tage, an welchem der Himmel mit
Wolken bedeckt ist." (12)

Die Gasbeleuchtung hatte also schon weiträumig Fuß
gefaßt. Man müßte Paris mit anderen Städten verglei-
chen, um das Ausmaß dieser Infrastruktur ermessen zu
können. Zu dieser Zeit begann sich also das Elektrizitäts-
wesen rasch zu entwickeln, stand aber noch sehr in den
Anfängen. Seit den Beleuchtungsversuchen durch elektri-
sches Licht in einem Wintergarten in Lyon im Jahre 1856
durch Lacassague und Thiers (13) hatte sich dieses Licht
und die Stromerzeugung sehr verbessert. Noch war das
elektrische Licht kein Konkurrent zur Gasbeleuchtung.
Aber irgendwann gewann es eine Bedeutung, welche die
der Gasbeleuchtung überstieg. Der Einsatz des elektri-
schen Lichtes auf Leuchttürmen, von denen es weit aus-
strahlte, läßt schon erkennen, welche Vorteile dem elek-
trisches Licht innewohnen. Es war so hell, daß es mit
dem Sonnenlicht verglichen wurde.

K.L.

Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
http://groups.google.com/group/de.sci.architektur
und
http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc
zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de

Anmerkungen:
(1) o.A.: Beleuchtung durch elektrisches Licht. S.357-358
in: Notizblatt der Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1858
(2) zitiert aus: o.A.: Beleuchtung..., wie vor, S.357
(3)-(4) zitiert aus: o.A.: Beleuchtung..., wie vor, S.358
(5) siehe: o.A.: Beleuchtung..., wie vor, S. 358
(6)-(10) zitiert aus: o.A.: Beleuchtung..., wie vor, S.357
(11) zitiert aus: o.A.: Beleuchtung..., wie vor, S.357f.
(12) zitiert aus: o.A.: Gasbeleuchtung in Paris. S.195 in:
Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1858
(13) siehe: o.A.: Die neuesten Versuche, das elektrische
Licht zur Beleuchtung zu verwenden. S.65-66 in: Notiz-
blatt der Allgemeinen Bauzeitung. Wien, 1857. S.65


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