Re: Fahrradfahren in Istrien
Von: Martin Klaiber (usenet.martinkl@gmx.de) [Profil]
Datum: 12.06.2009 12:52
Message-ID: <lko9g6-dc2.ln1@martinkl.dialup.fu-berlin.de>
Newsgroup: de.rec.reisen.misc de.rec.reisen.camping
Datum: 12.06.2009 12:52
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In de.rec.reisen.camping trallala <no_mail@10.0.0.1> wrote: > die Süd-Länder schwören nur aufs Auto ( la machina ) Ack. Fahrräder gelten da offenbar als Kinderspielzeug. Spätestens ab der Pubertät muss es etwas motorisiertes sein. Wobei in Italien und Frankreich Rennradfahren bis heute einen hohen Stellenwert hat. > und haben kein Respekt vor Fahrräder. Zumindest für Nord-Italien, Süd-Frankreich und Griechenland kann ich das nicht bestätigen. Dort nehmen Autofahrer sehr viel Rücksicht auf Radfahrer, auf jeden Fall mehr als in Deutschland. Mir ist es in diesen Ländern schon passiert, dass ich langsam durch die Straßen geradelt bin, um mir die Architektur und das Straßenleben anzuschauen, und dabei nicht merkte, dass ich eine lange Autoschlange hinter mir her zog. Kein Autofahrer hupte oder drängelte. Mir war die Situation hinterher sehr peinlich, aber ich hatte die Autos vorher einfach nicht bemerkt. Die zuckelten völlig gelassen hinter mir her. In Kroatien war ich noch nicht. Ich hatte aber mal eine Radtour durch Tschechien gemacht, da war das Radfahren auch angenehm und problemlos. Was es dort, wie auch in Griechenland, Italien und Südfrankreich nicht oder nur sehr wenig gibt, ist eine eigene Infrastruktur für Radfahrer, sprich Rad(fern)wege. Wer sich als Radfahrer also allein schon deshalb unwohl oder gefährdet fühlt, weil er sich die Straße mit Autos teilen muss, wird in solchen Ländern tatsächlich nicht glücklich. > Safe ist es nur in Skandinavien, Dänemark, Holland usw Das stimmt so nicht. Radfahren ist auch in anderen Ländern sicher. Jedenfalls generell nicht gefährlicher als Autofahren, wenn man sich die Unfallstatistiken anschaut. Die meisten Radfahrer fühlen sich, speziell auf der Fahrbahn gefährdeter, als sie tatsächlich sind, und umgekehrt fühlt man sich im Auto meist sicherer, als man tatsächlich ist. Ich kann aus den Erfahrungen meiner bisherigen Radreisen jedenfalls nicht bestätigen, dass Radfahren in nördlichen Ländern sicherer oder Radfahren in südlichen Ländern unsicherer sei. Speziell in Schweden sind die Menschen halt superfreundlich, und das wirkt sich natürlich auch im Straßenverkehr aus. Aber auch dort gibt es Drängler und Raser. Die Besonderheit in diesen Ländern, speziell aber in Holland, ist die angestrebte Trennung von Auto- und Fahrradverkehr. Ob das die bessere Lösung ist, darüber gibt es viele Diskussionen. Sie führt, speziell bei Leuten die wenig Rad fahren, aber zu dem subjektiven Gefühl, besonders sicher unterwegs zu sein, und daher rührt vermutlich auch der Ruf der nördlichen Länder, für Radfahrer sicherer und angenehmer zu sein. Das Problem ist aber, dass sich Fahrrad- und Autoverkehr in der Regel wieder irgendwo kreuzen müssen, und an diesen Kreuzungen passieren die häufigsten schweren Fahrradunfälle, zumindest in Deutschland. Wie es in Holland ist, weiß ich nicht. Es gab für Berlin mal eine Statistik der Polizei, dass etwa 80% der schweren bis tödlichen Fahrradunfälle auf Radwegen passierten, obwohl zu dem Zeitpunkt (das war IIRC im Jahr 2000) IIRC nur 15% der Berliner Straßen Radwege hatten. Das Muster ist bei diesen Unfällen in der Regel immer das Gleiche: Radweg wird rechts der Fahrbahn geführt, Fahrzeugführer rechnet beim Rechtsabbiegen nicht damit, dass er rechts überholt wird und dann scheppert es eben. Und wenn der Rechtsabbieger ein LKW ist, dann ist der Radfahrer hinterher halt nur noch Matsch. Das Problem ist, dass der Rechtsabbieger den Radfahrer nicht sieht, weil er mit ihm nicht rechnet und deshalb nicht weit genug nach hinten schaut. Denn überholt wird man auf der Fahrbahn normalerweise links, bei parallel geführten Radwegen aber rechts. Und aus diesem Grund gibt es auch nicht wenige Stimmen, die sagen, dass Radfahren auf der Fahrbahn sicherer sei, weil man dort nicht übersehen wird. Die o.g. Polizeistatistik bestätigt das ja auch, zumindest für schwere Unfälle. Man kann also nicht pauschal sagen, Radfahren in südlichen Ländern sei gefährlich, weil es dort nur wenige Radwege gibt oder weil dort weniger Rad gefahren werde und die Autofahrer rücksichtsloser seien. Das ist nach meiner Erfahrung ein reines Vorurteil. Umgekehrt muss man aber auch in den nördlichen Ländern unterscheiden zwischen Radwegen in der Stadt, wo es häufig zu Kreuzungssituationen mit dem Autoverkehr kommt, und touristischen Radwegen, die in der Regel fernab sonstiger Straßen geführt werden. Wichtig finde ich, beim Radfahren subjektive und objektive Gefahren nicht zu verwechseln. Autoverkehr ist für Radfahrer in der Regel nicht schön: zu laut, zu stressig, zu aggressiv. Aber das sind subjektive Faktoren, eine objektive Gefahr erwächst daraus nicht notwendigerweise. Dass man aus diesen Gründen sagt, man will im Urlaub nicht auf Straßen fahren, weil man sich schließlich erholen und nicht noch zusätzlich stressen will, ist aber natürlich leicht nachzuvollziehen, und die Jahr für Jahr immer voller werdenden touristischen Radwege in Deutschland zeigen ja auch, dass es Vielen so geht. Angeblich gehört Radurlaub inzwischen zu den beliebtesten Urlaubsformen der Deutschen. Sorry für die etwas länglichen Ausführungen, aber die allzu pauschale Panikmache von "trallala" wollte ich so nicht stehen lassen, denn sie trifft so einfach nicht zu. Vorsichtig muss man natürlich immer sein, aber das Unfall- und Verletzungsrisiko ist beim Radfahren nicht höher als beim Autofahren. Die Risiken sind nur anders verteilt und haben andere Gründe, aber das würde hier zu weit führen. Grüße, Martin[ Auf dieses Posting antworten ]
