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Re: warum?

X-FaceVon: Arnulf Sopp (ar-nospam-nulf@maaaddin.de) [Profil]
Datum: 15.05.2008 01:34
Message-ID: <xwtsblzjsm0m$.dlg@news.hacktory.de>
Newsgroup: de.rec.kunst.misc
Am Mi., 14.05.2008, schrieb Josef Mühlbacher
<josef_muehlbacher@utanet.at>:

> dann nenne ich Kunst Luxus und Freizeitvergnügen.

Für den Kulturverbraucher ist es gewiss auch so. Zwar bin ich in der
privilegierten Lage, auch während der Arbeit viel Kunst zu sehen,
aber der Mehrheit geht es anders.

Für die Produzenten gilt es nur im Idealfall. Wer arriviert ist, kann
es sich leisten, auch mal eine Weile nichts zu tun - ein Luxus. Für
die Mehrheit der Künstler, sofern sie dies überhaupt als Brotberuf
ausüben können, sieht es schon schwieriger aus.

> Dem Genuß selbst würde genüge getan wenn wir einfach dasitzen und
> bewußt Zeit verstreichen lassen.

Auch das kann schön sein.

> Was tun wir aber, wir konsumieren.

Warum auch nicht? "Shoppen" zu gehen um des "Shoppings" willen ist
natürlich hirnrissig; da hat die werbende Wirtschaft bei den
Weichbirnen ihr Ziel erreicht. Aber ein schönes Essen oder ein
besseres Fahrrad muss ich nun mal bezahlen, denn weder bin ich Bauer
noch Konstrukteur. Der mehr oder weniger tägliche Einkauf ist
ideologisch völlig unverdächtig, wenn man am tatsächlichen Bedarf
bleibt.

> Wie anders sollte ich mir sonst hochhakige Pömps um sündteures Geld
> an Frauenfüssen erklären? ;-)

Zwar trifft das nicht meinen Geschmack, aber ich finde auch legitim,
sich auf dem Markt gut darstellen zu wollen. Das geht freilich auch
umsonst, wenn man ein wenig Geist mitbringt. Allerdings nur bei der
Zielgruppe, die diesen bemerkt und schätzt.

Nur wo es reine Abzocke ist, kommt auch mir die Galle hoch: Künstlich
hochgejubeltes Flachgedudel, um Machwerke wie die "Bravo" damit zu
füllen. Drei Monate später erinnert sich zwar niemand mehr daran,
aber das Taschengeld ist abgeschöpft. Oder Karieserzeuger wie
Kinderschokolade, die ein paar Krümel Milchpulver enthalten.
Entsprechend beschränkte Mütter finden das gesund, weil es ihnen die
kriminelle Werbung einredet. Dasselbe gilt natürlich auch für puren
Zucker mit ein wenig Aroma und Spuren von völlig überflüssigen
Vitaminen wie Nimm 2.

>>> Pure Kurzweil würde die Existenz von Bildern nur sekundär
erklären
>> ...
> Das ist Historie, was ist mit Gegenwart?

Es ist ungefähr wie mit der Literatur. Der Leser hat entweder "nur"
sein Vergnügen daran oder findet eine andere Art von Bereicherung für
sein Leben. Der Schriftsteller tut es ebenfalls entweder aus Spaß
oder aus dem Bedürfnis, etwas mitzuteilen. Deine ursprüngliche Frage
lässt sich wohl nicht eindeutig beantworten.

> Ich denke tatsächlich, dass Kunst eine Alibifunktion erfüllt.

Was soll sie vertuschen? In autoritären Systemen mag das so sein, aber
hierzulande steht es jedermann frei, alles zu malen oder in Bronze zu
gießen. Gerade unter den Künstlern sind oppositionelle Geister sogar
überrepräsentiert im Vergleich mit der Restbevölkerung. Zahlen dazu
habe ich nicht, aber so hören sich die Künstler mehrheitlich in Reden
und Interviews an.

> Der Konsum von Kunst unterscheidet sich vom Schaffen derselben doch
> ziemlich (heute).

Die breite Masse konnte sich Kunst noch nie leisten. In den letzten
Jahrzehnten hat diese Entwicklung jedoch ein aberwitziges Maß
angenommen. Kunst ist i.d.R. einfach nicht wert, was sie kostet.

> Der Konsument hängt sich Werte an die Wand, ist nachvollziehbar.
> Warum aber malen wir noch? Konsumbefriedigung allein kann es doch
> nicht sein (will ich nicht glauben).

Wie gesagt, mancher möchte sich mit einem Werk auch einfach
auseinandersetzen. Vor Jahren schrieb ich mal, dass ich in der
Hamburger Kunsthalle immer wieder gerne zum Philosophen von Fragonard
gehe. Gerne hätte ich ihn auch zu Hause, wenn er zum Verkauf stünde
und ich ihn mir leisten könnte. In meinem Treppenhaus hängen ein paar
Schiele-Repros. Manchmal bleibe ich noch heute davor stehen und sehe
sie mir an. Vieles wird aber wirklich nur als Geldanlage verkauft und
verschwindet im Tresor. Anderes schmückt zwar Wände, aber man bemerkt
es nach einer Weile gar nicht mehr.

> Meine Frage geht eher dahin, warum produzieren Menschen mit hohem
> Aufwand noch Dinge (Bilder) die an sich einfacher und in grossen
> Massen ohnehin schon vorhanden sind?

Bei einem Blumenstillleben u.dergl. frage ich mich das manchmal auch.

> Abertausende strudeln sich ab, mehr oder weniger gekonnt Flächen mit
> Bildstrukturen zu füllen, selbst wenn sie dem Markt bloß ein müdes
> Gähnen entlocken.

Es bleibt jedermann unbenommen, sich von der Seele zu malen, was er
möchte. Wenn es niemanden interessiert, muss er es halt im Nebenberuf
tun.

--
Tschüs!

Arnulf

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