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Kritik: Poseidon

Von: Andreas Edler (andreas@filmfacts.de) [Profil]
Datum: 20.07.2006 07:40
Message-ID: <qt6dnRbRnI7ciiLZRVnysg@giganews.com>
Followup-to: de.rec.film.misc
Newsgroup: de.rec.film.kritiken
>                         Poseidon
>     gesehen: 13.07.2006 (Kinoplex - Bad Oeynhausen)

Zwei Filme an einem Abend :-) Gefällt mir. Nur müssten die Filme auch
gut sein. Mit "Fast And Furious 3" hatte ich ja schon einen Reinfall am
Abend und "Poseidon" wird auch nicht gerade mit Lorbeeren überschütte
t.
Also schauen, ob ich durchhalte. Jedenfalls war FF3 ausverkauft und in
Poseidon hatten sich nur rund 40 Leutchen verirrt. Zumindest schon mal
kein blödes Gelaber um mich herum.

>                       Zum Inhalt ...

Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Robert Ramsey (Kurt Russel)
verbringt mit seiner Tochter Jennifer (Emmy Rossum) und deren Freund
Christian (Mike Vogel) den Silvesterabend auf hoher See. Die "Poseidon"
- ein riesiges Kreuzfahrtschiff - ist Schauplatz einer exklusiven
Festivität zum Jahreswechsel. Während auf der Bühne im großen Bal
lsaal
der Countdown um Mitternacht herunter gezählt wird, entsteht auf der
Brücke plötzlich panische Aktivität, als der erste Offizier eine ri
esige
Flutwelle auf das Schiff zu rollen sieht. Leider gelingt das
Wendemanöver nicht und die Welle erfasst den Luxusliner breitseits.
Einer Welle diesen Ausmaßes ist auch Koloss wie die Poseidon nicht
gewachsen und langsam dreht sich das Schiff um die eigene Achse, bis es
schließlich kieloben treibt.

Einige hundert Gäste haben im Ballsaal überlebt. Unter Ihnen Kapitä
n
Bradford (Andre Braugher), welcher die panisch in den Trümmern
Umherirrenden dazu bewegt, an Ort und Stelle auf Rettung zu warten. Der
draufgängerische Profi-Zocker Dylan (Josh Lucas) hat allerdings keine
Lust, untätig auf den drohenden Untergang zu warten und versucht sich
auf eigene Faust nach oben - in diesem Fall Richtung Kiel des Bootes -
zu retten. Bürgermeister Ramsey und noch eine Handvoll Passagiere
schließen sich Dylan an und kämpfen sich durch hereinbrechendes Wasse
r,
explodierende Gasleitungen und geborstene Fahrstuhlschächte in Richtung
der vermeintlichen Rettung ...

>                          Hmm ...

1972 begeisterten Gene Hackman und Ernest Borgnine in "Poseidon
Inferno". Ich habe den Film nicht im Kino gesehen, sondern irgendwann im
Fernsehen. Nichtsdestotrotz hat der Streifen derart Eindruck
hinterlassen, dass ich bei Bootsunglücken im Film unweigerlich an die
Poseidon denke. Das ist wie bei Papiertaschentüchern und Tempo. Der Fil
m
war mitreißend, ich war todtraurig, wenn sich jemand für die Gruppe
geopfert hat und kann mich an schlaflose Nächte erinnern. Nun ja, ich
war auch noch ein wenig jünger ;-)

Und dieses Paradebeispiel des Katastrophenfilms will Petersen nun
verbessern - jedenfalls kann ich mir sonst keinen Grund vorstellen,
einen Film erneut zu drehen. Erfahrungen mit Wasser hat er bei "Das
Boot" und "Der Sturm" zur Genüge gesammelt. Ersteres Werk gilt zu
Recht
als ein Klassiker und zweiteres ist zumindest für einen angenehmen
DVD-Abend zu gebrauchen.

Zunächst macht Petersen auch alles richtig, eine kleine Einführung de
r
Akteure, nicht zuviel Tiefgang, nicht zuviel Hintergrund, man hat ja
auch nicht viel Zeit um knapp 10 Figuren ausreichend Platz zum Entfalten
zu geben, wenn der eigentliche Star das Schiff ist. Umso
verwunderlicher, dass ausgerechnet der absolut nebensächlichen Sänger
in
der Schiffskombo soviel Filmzeit gewidmet wurde. So hübsch ist Black
Eyed Peas Sängerin nun auch nicht. Wenigstens robbt sie nicht mit durch
den Rumpf.

Tja, und dann kommt die Welle. Dabei muß Petersen ein Trümmerstück
seines Schiffs auf den Kopf gefallen sein, jedenfalls ist von nun an
Schmalhans Küchenmeister was die Dialoge und den weiteren Ausbau der
Charaktere angeht. Hauptsache es rummst. Überall hängt Gedöns rum,
überall brennt es, aus Gasleitungen, auslaufenden Ölrohren oder auch
einfach nur so. Auf unterschiedlichsten Ebenen sind die verschiedensten
Wassertiefen in den Gängen zu finden und es kann auch durchaus mal sein
,
dass das verfolgende Wasser je nach Vorankommen der Gruppe langsamer und
schneller fließt oder steigt. Das ist so arg, dass es stört.

Außerdem ist zu jedem Zeitpunkt ziemlich offensichtlich, wer ins Gras
beißt und wer überlebt. Im Zusammenhang mit der Tatsache, dass das
hanebüchene Script die darstellerisch sehr eingeschränkten Schauspiel
er
zu keiner Zeit fordert, führt das zu einer nervigen Langeweile. Niemals
baut man irgendeine Beziehung zu den eingeschlossenen auf und dadurch
ist man auch niemals berührt, wenn's mal wen dahinrafft. So reduziert
sich das Ganze auf ein ziemlich belangloses 10-kleine-Negerlein
Spielchen ohne jede Spannung.

Demgegenüber fährt Petersen effekttechnisch einen absoluten Overkill
auf. Keine Sekunde in der es nicht brodelt, zischt, knallt, brennt oder
explodiert. Ich war von den Effektsalven irgendwann schlicht
überfordert. Da kann das auch noch so echt aussehen (was es tatsächli
ch
vielfach nicht tat), es beeindruckt nicht mehr. Zudem ist genau dann die
Kamera auch noch reichlich unruhig, zeigt Großaufnahmen und verursachte
zu der späten Stunde bei mir Kopfschmerzen. Das hatte ich noch nie - ei
n
Film der mir körperliche Schmerzen bereitet. Dafür hätte Petersen e
cht
einen Innovations-Oscar verdient.

Ansonsten ist das Einzige was die Macher für diesen Film verdienen,
einmal den Hosenboden versohlt bekommen und dann in die Ecke stellen zum
Schämen! Vielleicht noch 100 Mal an die Tafel schreiben "Ich soll keine
Klassiker verunglimpfen!".

Andreas
--
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