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Bullshit vulgaris in der Presse

Von: Wolfgang Strobl (news2@mystrobl.de) [Profil]
Datum: 02.07.2008 00:41
Message-ID: <tv8l64p9ac0s67s1vpe8r2221nqf8gpj9q@4ax.com>
Newsgroup: de.rec.fahrrad
Der Spiegel hat ja wohl seit einiger Zeit eine Abteilung, die einen
steten Strom von Bullshit produziert. Kürzlich gab es einen Artikel über
"Homöopathie und Fußball: EM-Profis setzen auf sanfte Medizin". 
Jetzt
sind mal wieder die Radfahrer dran: >"Radeln nach Zahlen" in Limburg< -
ein Artikel, der vorführt, wie unangemessen das Genöle über den - für
Spiegelverhältnisse - gar nicht so schlechten Artikel über das
"Technikärgernis Schaltauge" war.

"Landkarten auf dem Lenker sind in der belgischen Provinz Limburg
überflüssig: Radwanderer finden hier den Weg anhand von
Zahlenkombinationen am Handgelenk und Tausenden von Schildern am
Wegesrand. Die Gegend ist ganz auf Gäste und Drahtesel eingestellt."

Die Gegend ist ganz auf  ...esel eingestellt. Ne, ist klar.

Mein Eindruck: die Gegend in der Tat auf Leute eingestellt zu sein, die
sich gerne zum Deppen machen lassen.

"Die 18 Mitarbeiter eines Serviceteams sind außerdem laufend
unterwegs, um die Routen und Hinweisschilder zu kontrollieren."

Bei angeblich 20.000 Schildern ist da einiges zu kontrollieren. Aber -
was könnte man mit 18 Arbeitskräfften nicht alles an _sinnvollen_
Arbeiten erledigen, für die offenbar grundsätzlich und nirgendwo
Personal und  Zeit verfügbar ist? Kollateralschäden, also Glasscherben
von Fußballveranstaltungen ganz schnell wegräumen, beispielsweise.

"Hasselt - "96-97-98-91-71" - was sich liest wie eine
Telefonnummer, ist in Wirklichkeit die Knotenpunkte-Liste einer
Fahrradstrecke. Sie startet in der belgischen Provinzhauptstadt Hasselt
und führt mal durchs Grüne, mal entlang am Albertkanal, über wenig
befahrene Nebenstraßen bis hin zu Belgiens größtem Freilichtmuseum in
Bokrij."

Und das schafft man ohne Landkarte,,in einem Tag? Nun, die angepeilten
Teilnehmer wohl nur mit Mühe - Goggle Maps wirft für die Fahrt von
Hasselt bis zum Freilichtmuseum immerhin die stolze Gesamtstrecke von
7,6 km. aus (Zentrum zu Zentrum). Fährt man vom Straßenrand zum
Geländebeginn, muß man m.E. i.W. nur die Straßenseite wechseln. :-}

Was man sich unter "Radwandern" vorstellt, zeigt das dritte Foto
<http://www.spiegel.de/fotostrecke/0,5538,PB64-SUQ9MzI5NTcmbnI9Mw_3_3,00.html>
Ein Kind schiebt ein kleines Fahrrad über einen versandeten
Grobpflaster-Holpferpfad, der aber - so wie das im Vordergrund
abgebildete birektionale Schild mit der No. 162 nagelneu ist, sozusagen
"stone washed".

Unterschrift:

"Immer den blauen Schildern nach: Die Nummern leiten Radwanderer in
Flandern durch das dichte Radwegenetz."

Sicherlich eine nette Sache, wenn man mit vier oder fünfjährigen Kindern
ein bißchen herumfahren aber möglichst die Gegend nicht verlassen will.
Oder, aus Sicht der Tourismusförderung, wenn man aus einem Minimum an
Fläche ein Maximum an Strecke herausschinden will und dem Kunden
trotzdem das Gefühl geben möchte "herumgekommen" zu sein.  Da gilt vor
allem eines: Verwirrung stiften und bremsen, bremsen, bremsen.

Also, wenn irgendwo in einem verkehrspolitischen Programm die Formel vom
"dichten Radwegenetz" auftaucht: so etwas ist gemeint. :-}

"Dem Bergbau entstammt allerdings die Idee des
Knotenpunkt-Netzwerkes für Fahrradrouten. 'Der Bergbauingenieur Hugo
Bollen fragte sich: Kann ein solches Ziffernsystem, wie es unter Tage im
Bergbau üblich war, nicht auch für die Radler über Tage nützlich
sein?',
erzählt Marc Verstraten.", so Spiegel Online.

Eine unterirdische Ideet: das Labyrinth als Modell für das Radfahren
über Tage, bei dem sich die Radfahrer der Wegweisung nur noch mit
albernen Armbinden bedienen können und sich dann mit dem Tempo von
Bergleuten beim Kohleschürfen bewegen. Bizarr, selbst für eine zum
Ferienpark umgebaute Region.

Grundsätzlich: ich finde es ja erfreulich, wenn irgendwelche Regionen
ihr Herz für Radfahrer entdecken. Aber muß es denn immer in dieser
grauenhaften Form geschehen?

Mein Wunschzettel wäre ein ganz anderer:

- Hotels, die einen anständigen Service auch für Gäste haben, die mit
dem Fahrrad anreisen oder am Ort hauptsächlich radfahren wollen, also
nicht lediglich einen schmucken Autoparkplatz in der Nähe vom
Haupteingang sowie eine dunkle Scheune voller Gerümpel für die
Fahrräder, beispielsweise.  Sondern leicht und bequem benutzbare, helle,
sichere und trockene Abstellmöglichkeiten für Fahrräder.

- Kartenmaterial und Routenvorschläge, die nicht ausschließlich auf
einem Niveau sind, über das sich meine Kinder jedenfalls schon im Alter
von 8 oder 9 Jahren totgelacht hätten, sondern die auch für nicht
fahrbehinderte Radfahrer geeignet sind. Ich _kann_ mir meine Touren
durchaus selber zusammensuchen, schönen Dank, aber manchmal würde man
sich ja auch gerne von guten Vorschlägen inspirieren lassen.  Jedenfalls
ist es erstaunlich, daß man die (radwegeverseuchungsbedingt) oft nur
noch wenigen brauchbaren Touren einer Region überall auf der Welt in
Erfahrung bringen kann - aber ganz sicher nicht beim
Radtourismusförderungsbeauftragten der Region. Dort am allerwenigsten.

- Nicht "kostenlose Pendelbusse im ganzen Stadtgebiet", sondern wenn
überhaupt, dann Unterstützung bei der Anreise per Bahn, auch aus der
Ferne. Evtl. auch Gepäcktransfer von Hotel zu Hotel oder Hotel zu
Bahnhof.

- Erreichbarkeit der wesentlichen Ziele der Region auf Fahrbahnen auch
mit dem Fahrrad, keine Abdrängung durch Radwege oder -streifen.

- überhaupt: politische Einflußnahme, oder wenigstens der Versuch einer
solchen, die sich auf die beiden letzten Spiegelstriche bezieht.  Dem
Radtourist das Gefühl geben, als Radfahrer nicht lediglich als Besucher
einer Geisterbahn gesehen zu werden, dem ein Faible für Retrofahrzeuge
unterstellt wird.

--
Wir danken für die Beachtung aller Sicherheitsbestimmungen

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