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Re: R

Von: Juergen Grosse (grosse@hansenet.de) [Profil]
Datum: 04.07.2008 03:48
Message-ID: <486D817D.3060409@hansenet.de>
Newsgroup: de.etc.sprache.deutsch
Oliver Cromm schrieb:

...
>> Ähnlich sieht es mit dem Deutsche (uvularen, velaren oder
>> meinetwegen postvelaren) geriebenen 'r' aus: Wir betrachten es als
>> 'r'-Laut, sehr ähnliche Phoneme des Neugriechischen oder des
>> Arabischen hingegen nicht.
>
> Du meinst ähnliche Phone bzw. durch ähnliche Phone
realisierte
> Phoneme?

Alle drei Möglichkeiten träfen hier zu, da die Realisierungen
des
gemeinten arabischen (ghain) und neugriechischen (gamma) Phonems sich
kaum unterscheiden, jedenfalls bei groÃźzügigerer Betrachtung (Ngr.
/x/
und /ç/ sind für mich _zwei_ Phoneme, jedenfalls eher als im
Dt.).

> Diese präzise Unterscheidung scheint mir nämlich der
Schlüssel zu
> sein. Im Deutschen, Englischen, Französischen und Japanischen ist ein
>  gerolltes Zungen-r in den Hauptdialekten nicht üblich, aber
möglich
> oder im Dialekt üblich, und dessen Allophone sind genau die r-Laute.

Jetzt verstehe ich, was du meinst. Gäbe es einen griechischen Dialekt,
in dem Gamma als gerolltes Zungenspitzen-r gesprochen würde, dann
wäre
auch der velare Reibelaut den r-Lauten zuzuordnen, da es aber keinen
gibt, zählen wir es nicht dazu.

[Die folgende ein wenig spitzfindige Betrachtung bitte nicht übel nehmen:]
Dann allerdings dürften wir die Frage, was ein r-Laut sei, nicht allein
sprachwissenschaftlich betrachten, sondern müssten auch Politik und
Geschichte einbeziehen. Dänisch verfügte über
_keinen_ r-Laut, denn wo
Dänen ein 'r' schreiben, sprechen sie in allen (mir bekannten, ich
lasse mich aber gerne belehren) Dialekten einen uvularen Frikativ oder
einen Vokal. Eroberte Dänemark aber Norwegen zurück und
degradierte
damit das Norwegische (oder wenigstens Bokmål) zum dänischen
Dialekt, so
verfügte das Dänische plötzlich wieder
über einen r-Laut.

> Der amerikanische Flap-Laut ist dagegen ein Allophon zum t und wird
> deshalb auch nicht als r eingestuft.
...

Vice versa ist aber auch [t] ein Allophon zu [ɾ].

Wie sieht es aus mit Sprachen, die Dialekte haben, in denen
standardsprachliche /d/, /n/, /l/ oder /z/ zu [r] werden können? Da
müsste man dann auch diese Konsonanten als r-Laute ansehen.

Und warum nennt kaum einer polnisch 'rz' einen r-Laut, _obwohl_ es mit
/r/ alterniert und in Dialekten auch noch ein Vibrant vorkommen kann?


Genug. Die Probleme, die mit den Begriffen "r-Laut"/"rhotic" verbunden
sind, wurden genannt. Sollte man deshalb ihre Verwendung völlig
ablehnen, deuten sie auf Schriftfixiertheit? Nicht unbedingt. Einerseits
kann man in der Praxis der Beschreibung von Sprachen auch die Schrift
nicht völlig vernachlässigen. Andererseits spricht die in der
Sprachrealität anzutreffende Alternation dieser Laute mit Vibranten
dafür, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Diese könnten - bei
aller
artikulatorischen Verschiedenheit - z. B. im Akustischen (ähnliche
Formantfrequenzen, ähnliche Stellung in der
Sonoritätshierarchie) liegen.


Tschüs, Jürgen






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