Re: Beispiele für aristotelische Einheitlic hkeit
Von: Carsten Herrmann (sedentarius@gmx.de) [Profil]
Datum: 22.06.2008 23:20
Message-ID: <6c7u0lF3fnj7sU1@mid.individual.net>
Newsgroup: de.etc.sprache.deutsch
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Karl Self schrieb: > Stimmt, die Frage könnte einer Hausaufgabe entsprechen. Aber keine > Bange, sie entspringt rein persönlichem Interesse. Klar, das sagen alle. Aber eher als hier eine erschöpfende Abhandlung zu dem Thema zu erwarten, die auch das Rad neu zu erfinden hieße, würde ich mir in meiner nächstgelegenen Stadtbibliothek eine Geschichte der französischen Literatur besorgen, notfalls per Fernleihe, in der, wenn es um die Klassik des "Großen Jahrhunderts" geht, auch das hoffentlich ausführlich behandelt sein sollte. Übrigens äußert sich Friedrich der Große dazu wie folgt: "Um sich von dem wenigen Geschmack zu überzeugen, der, noch bis in unsere Tage hinein, in Deutschland herrscht, brauchen Sie sich nur zu einem öffentlichen Schauspiel zu begeben. Dort werden Sie die scheußlichen Stücke von Shakespeare aufführen sehen, in unsere Sprache übersetzt; und wie das ganze Publikum außer sich ist vor Behagen, wenn es diese lächerlichen Farcen hört, die der Wilden Kanadas würdig sind. Ich nenne sie so, weil sie wider alle Regeln des Theaters sündigen. Diese Regeln sind durchaus nicht willkürlich; man findet sie in der Poetik des Aristoteles, wo die Einheit des Ortes, die Einheit der Zeit und die Einheit des Interesses vorgeschrieben sind als die einzigen Mittel, die Tragödien interessant zu gestalten; stattdessen erstreckt sich in den englischen Stücken die Szene über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Wo ist die Wahrscheinlichkeit? Da erscheinen Lastträger und Totengräber, die ihrer würdige Reden halten; danach kommen Fürsten und Könige. Wie kann dieses bizarre Gemisch aus Niedrigkeit und Größe, aus Posse und Tragik, berühren und gefallen? Shakespeare kann man diese bizarren Entgleisungen verzeihen; denn die Geburt der Künste ist niemals der Punkt ihrer Reife. Aber da erscheint noch ein /Götz von Berlichingen/ auf dem Schauplatz, abscheuliche Nachahmung dieser schlechten englischen Stücke; und das Parkett klatscht Beifall und verlangt begeistert die Wiederholung dieser widerlichen Plattheiten. Ich weiß, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt; jedoch gestatten sie mir, Ihnen zu sagen, dass diejenigen, die genausoviel Gefallen an Seiltänzern finden, an Marionetten, wie an den Tragödien von Racine, nur die Zeit totschlagen wollen; sie bevorzugen das, was ihre Augen anspricht, vor dem, was ihren Geist anspricht, und das, was nur Spektakel ist, vor dem, was das Herz berührt." http://www.friedrich.uni-trier.de/oeuvres/7/124/ MfG CH[ Auf dieses Posting antworten ]
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- Carsten Herrmann (22.06.2008 23:26)
