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Re: Mein 1. Mal

Von: Rapunzelstielzchen (klaus_angsthase@gmx.de) [Profil]
Datum: 07.11.2006 09:11
Message-ID: <eipf31$vut$01$1@news.t-online.com>
Newsgroup: de.etc.selbsthilfe.missbrauch
Hallo Pit,


Wieder eine Pause vor meiner Antwort. Aber diesmal, weil ich 2 Wochen in
Wien war! Hätte ich noch vor einem Jahr nicht mehr dran geglaubt.
Der abgedroschene Spruch von wegen "Es kommt immer anders als man denkt"
... der hat durchaus trotz Abgedroschenheit etwas an sich.


> habe nicht geglaubt, dass ich mich in anderer Beschreibungen wiederfinde.
> Freue mich sehr über die Antwort.
> Ich lerne auch ständig dazu, wenn ich dran denke, wie´s mir noch vor
einigen
> Jahren ging ... das Schlimmste ist,
> ich hielt es für völlig normal mich so zu fühlen. Heute
genieße ich einen
> großen Teil von    "FREIHEIT" - (sorry, aber
> es ist wirklich zum Rauschschreien) indem es mir (fast) richtig gut geht.
> Umso erschreckender ist es immer wieder,
> wenn es einen Schritt zurück geht.
>
> Heute ist so ein Tag.

JA!!! .... aber ein ABER ;-)

Ich laberte es schon länger mal daher, daß es auch wichtig ist sich
Rückschritte zuzugestehen. Wie bei vielen Erkenntnissen ist es jedoch
auch mit dieser so ... erst begreift mans mal mit dem Kopf rein logisch
... und plötzlich irgendwann nocheinmal, aber dann mit Herz und Gefühl
zusätzlich.
U.A. hab ich ne S-Störung (Anorex.). Da kann ich ja so schön an den
Waagen beziffern wieviel ich "wert" bin. Aber auch bei Depri
Angstanfällen und Migräne oder was weiss ich.
Wenn soetwas immer länger nicht mehr vorkam und dann eben doch wieder
einmal ... dann haut es einen UM und man stellt so leicht ALLES in Frage.
Aber das ist nicht fair zu sich selber!
UNFAIR ist dieser Selbstanspruch gefälligst alles an Problemen behoben
zu haben, wenn einem eine längere gute Zeit ja "bewiesen" hätte,
daß es
geht.

WAS sind denn diese angeblichen Rückschritte!!?? - bei mir oft z.B.
Pausen oder Warnungen wenn ich einfach wieder viel zu schnell
Fortschreiten wollte und wieder mal begann zuviel zu ignorieren.
Auch so manchen Rückschritt kurz vor nem Abgrund kann ich mittlerweile
eher begrüßen als beschimpfen.

Und FAKT ist hier für mich mittlerweile: Kein echter Fortschritt ohne
regelmäßige
Rückschritte die mich wieder zum Nachdenken bringen, wenn ich sie
endlich annehmen kann, statt sie mir selber vorzuwerfen! Dann kann ich
auch lernen mit ihnen UMzugehen.

>
>
>> später mehr
>
>
>

> Da habe ich durch Zufall mal in der Mittagszeit das Fernsehen an, sehe (wie
> heißt sie - Kallwas?), da ist ein Mädchen 19 Jahre und erzählt von
immer
> wiederkehrenden Träumen. Dann schreit sie es heraus - nein es ist kein
> Traum, ich weiß, dass es so war.


Also mal nebenbei: Kalwass ist wie alles in der Richtung Schrott und
reines Drehbuch-Authoring. Komplett alles dieser Sender was einem so
schön Realität vorgaukelt ist dort pur aus der Feder eines
Drehbuch-Teams. Allerdings ja: durchaus mit oft sehr krassem
Realitätsbezug. Aber identifizier Dich da nicht zu persönlich mit
einzelnen Personen, weil es eben nur Statisten sind.

Dann zum Inhalt. Erinnerungen ... Traum oder Real.
Ich kenne Deine nicht ... bei mir gibt es nach wie vor sehr konkret
eingrenzbare große schwarze Löcher in meiner Erinnerung. Wenn ich
schlafe, dann ist das mein schwächster Moment wo mein EGO-Kopf als
maximalste intellektuelle Leistung ein Schnarchen erzeugen kann. DAS ist
dann die Zeit wo auch seelisches viel mehr die Chance hat, auch mal zu
Wort kommen zu können. Und DESHALB kommt auch hier bei mir sehr vieles
erst durch Erinnerungsträume ans Licht.

Zur Unterscheidung ... Erinnerungsträume und sonstige Träume ... das
Problem der Unterscheidung liegt überhaupt nicht an irgendwelchen
TRÄUMEN, sondern was mein EGO später zulassen will oder für wahr
akzeptieren mag oder nicht.
Erst seit ich meinen bewußten Kopf so weit überzeugen konnte, daß er
auch ungewünschtes erstmal hinnehmen soll und als "möglicherweise"
betrachten soll ... erst seitdem kann ich wirklich ziemlich gut
unterscheiden. Es ist aber schwer zu vermitteln .... es gibt Träume die
wie eine Naturkatastrophe einfallen und wirken ... aber schnell abflauen
und nicht wirklich ein ... ich nenne es Ich-Gefühl ... eben hinterlassen.
Geht es tatsächlich um etwas wichtiges aus meiner ureigenen
Vergangenheit, dann lernt man das schnell zu unterscheiden, wenn man mit
sich soweit klar ist, es auch überhaupt akzeptieren zu wollen.

Das Gefühl für Träume kam erst mit der Bereitschaft auch ggfs. mit ihnen
umgehen zu wollen. Will man sie sowieso niemals wahrhaben, dann kommt
man gar nicht zu dem Punkt sie unterscheiden zu lernen.

> Mein Gott - es war als ob ich es schreien wollte - n e i n, e s i s t k e i
> n T r a u m, du warst wirklich in diesem Keller,du hattest ein Röckchen an
> und sehr schöne Lackschühchen, du kommst gerade gut an den linken
Handlauf
> und gehst ganz stolz hinunter. Der Kerl war wirklich da, der mich immer so
> ekelig ansieht, es ist kein Traum, dass er die graue Stoffhose aufgemacht
> hat, und  dieses Gefühl im Mund - seitdem geht´s mir mies.

Hmmh .... da ist einiges drin, was für mich diese Sicherheit von "Mir
und Ich" im Traum gibt ... es sind nicht die vodergründigen Dinge ...
scheinbare Nebensächlichkeiten wenn man sie oberflächlich betrachtet ...
wenn ich z.B. die Stufen unter den Füßen spüre und das Geländer in
der
Hand ... Gerüche Gefühle Struktur und vieles was ich nicht erklären kann
...
Ich-Träume sind anders als diejenigen, die ich "nur" als Erwachsener
träume weil ich z.B. Angst hätte, daß es vielleicht geschehen sein
könnte und das nicht für wahr haben will.
Ich versuche heute als Erwachsener mit diesem Kind des Traumes
umzugehen, wie mit einem anderen Kind ... zuhören. Soweit man kann ...
versuchen zu begreifen ... und zwar aus der Perspektive des Kindes und
nicht eines Erwachsenen ... Gefühle wieder nachzuempfinden ... und dann
Dinge fairer zu betrachten ... vor allem solche erwachsenen Dummheiten
zu korrigieren wie all diese "Warum hast Du nur" 's  und "Warum hast Du
nicht" 's .
Oft reicht es einem "Traum" einfach nur wirklich mal zugehört zu haben
... ihn nicht vom Tisch fegen zu wollen ... die Tage Depri durchzustehen
... und er mag wiederkommen, aber einen dann nicht mehr umhauen. Oft
jedoch kommen sie dann nicht mehr wieder.
So kann aus (D)einem vermeindlichem Rückschritt plötzlich ein kleiner
oder riesiger Fortschritt werden ... wer weiss.


> Es ist schon wieder da, nur, bis vor kurzem war es nur ein böser Traum, der
> immer wieder kommt. Heute weiß ich, genau wie dieses Mädchen im Film -
es
> ist leider doch nicht nur ein Traum. Ich versuche mich abzulenken, und auf
> einem Mal merke ich wieder, dass mein Gesicht total nassgeheult ist.
> Jetzt bin ich über 40, damals war ich ca. 4 - mein Gott, ich weiß nicht,
> wozu ich bereit wäre, wenn ich diesem Mann nochmal begegnen würde. Er ist
> vor einigen Jahren gestorben, und ca. 2 Wochen, nachdem ich es erfahren
> habe, war es da. Ich würd´ihm meine Gefühle am liebsten hinterher
schicken.

Ich weiss nicht .... also ich bin 38 ... manchmal gefühlte 10 ...
manchmal gefühlte 95.
Von einem mehrerer Typen aus meiner Historie komme ich immer wieder an
dessen Aufenthaltsort und vielem was er heute tut. Nur was habe ich
_wirklich_ davon???  Klar ... ich hasse ihn ... alles kommt wieder hoch
... und ich wäre zeitweise fähig ihn möglichst langsam von unserem
Planeten scheiden zu lassen. Das dauert immer ein paar Tage und gibt
sich immer wieder wenn er mir restlos egal wird.

Bei Dir ist es natürlich jetzt restlos klar, warum Du "erst" seit 2
Jahren "es" hast. Das ist oft so ... oder z.B. wenn Menschen zum ersten
Mal den Wohnort wechseln oder von zu Hause rauskommen wenigstens. Ich
verallgemeinere es einfach darauf, das "es" kommt, wenn man sich
erstmals halbwegs wirklich in Sicherheit fühlt.

DAS man all diese Dinge so scheinbar restlos lange Zeit verdrängt hat,
daß ist lediglich eine Schutzfunktion der Seele. Das was einen
überlasten würde und die eigene Existenz gefährden würde dadurch, das
wird eben oft einfach ausgeblendet. Leider ist es so nicht wirklich weg,
sondern es prägt einen unterschwellig enorm, auch wenn man sich nicht
erinnern kann. Albträume, Schlafstörung,Angst, S-Störungen ... all sowas
taucht gerne immer mehr in einem auf. Docs nennen das Symptome ... ich
denke es sind die verdrängten Dinge, die sich eben als Druck dann doch
irgendein Ablassventil schaffen. Und wie viele andere, bist auch Du
nicht wegen dem eigentlichen Grund beim Doc gelandet, sondern "nur"
wegen all den Symptomen die an allen möglichen Ecken heraussickerten.

Leider ist es mit dem Ableben des Typens nicht einfach gelöscht. Es
beginnt halt jetzt erst die Möglichkeit, all das was Du mit 4 nicht
verarbeiten konntest, nun nachträglich seelisch zu verarbeiten. Und da
geht es einem nunmal immer wieder dreckig ohne das es deswegen
Rückschritte wären. Du bekommst eben mit jedem Detail auch gleichzeitig
eine Chance etwas neu sortiert zu bekommen in Deinem Innenleben.

Es sind nicht wirklich Rückschritte.

Naja ... erstmal lieben Gruß

Klaus

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