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Ibi

Von: Alexander Ausserstorfer (ausserstorfer@mail.com) [Profil]
Datum: 25.06.2008 08:33
Message-ID: <838ad7b44f.bavariasound@chiemgau-net.de>
Newsgroup: de.etc.schreiben.prosa
Ibi

Ibi unterbrach die Arbeit und horchte.
Vater sah vom Feld auf und zu Ibi hinüber: "Was hast du?"
"Mir war es, als ob eben ein Mädchen um Hilfe rief."
Der alte Mann horchte ebenfalls einige Zeit. Dann schüttelte er den
Kopf: "Ich höre nichts."
Sie arbeiteten weiter. Da hörte Ibi wieder die Rufe. Er richtete sich
auf und blickte aufmerksam über die Felder und den dahinterliegenden
Dschungel in die Berge hinauf.

Diese Rufe ließen Ibi keine Ruhe. Aber niemand in ihrem Dorf ™ außer Ibi
selbst ™ schien sie zu hören. Nachts lag er wach in der kleinen Hütte
und wälzte sich von einer Seite auf die andere. Schließlich stand er
auf.

Noch vor der Morgendämmerung machte er sich auf den Weg, immer lauschend
einem seltsamen Gefühl nach. Mehr als ein Messer und eine Wasserflasche
hatte Ibi nicht mit. Er wollte möglichst schnell vorwärts kommen und sich
nicht mit unnötigem Gepäck belasten.
Zuerst ging es in langen Schritten im Morgengrauen über die Reisfelder.
Nebel lag über ihnen. Außer Komoranen, einigen Hirschen und eine
Affenmutter mit ihrem Jungen begegneten ihm keine größeren Gestalten.
Etwas später erreichte er schnellen Fußes den Dschungel, der sich bis in
die unteren Gebirgsfalten der Berge hinaufzog, die sich durch den Nebel
bläulich vor dem helleren Taghimmel abzeichneten.
In den Urwäldern traf Ibi bald auf eine fremde Frau
mitsamt ihrem Bub, die auf einer Lichtung Pflanzen sammelten. Er fragte
sie, ob sie die Rufe gehört hätten. Das war nicht der Fall. Sie boten ihm
dann etwas zur Rast an; ihr Lager wäre nicht weit von hier. Doch Ibi lehnte
ab. Er hatte es eilig.
Als die Sonne allmählich in ihren Zenit stieg und Ibi die Baumgrenze
hinter sich gelassen hatte, kam ihm plötzlich ein hochgewachsener Jäger
von ihrer Küste entgegen. Auch ihn fragte er nach den Hilferufen. Doch
auch der Jäger hatte nichts gehört oder gesehen.
Allmählich glaubte auch Ibi selbst, einer Sinnestäuschung erlegen zu
sein. Zweifel kehrten ein. Dennoch lief er weiter.
Gegen Mittag erklomm er eine Anhöhe und sah von dort aus in der Ferne
ein junges, schlankes Mädchen seelenallein in dieser Abgeschiedenheit
auf einem kleinen Felsen sitzen. Ibi wusste sofort und ohne jeden
Zweifel, dass die Hilferufe zu ihr gehörten, und war über diese
Feststellung mehr als überrascht.
Sie schien sich verirrt zu haben. Ibis Herzschlag erhöhte sich. Eine
ungeheure innere Wärme erfüllte plötzlich seinen ganzen Körper. Seine
Haut fing zu kribbeln an. Seine Empfindungen überwältigten ihn. Er war
über diese ungekannten Gefühle verwirrt und ordnete sie seiner eigenen
Müdigkeit zu. In der Nacht hatte Ibi kaum geschlafen. Zweifellos war er
übernächtig und ausgehungert.

Am frühen Nachmittag erreichte Ibi dann eine Schlucht. Das junge Mädchen
saß nicht weit davon entfernt auf der anderen Seite. Sie entdeckte ihn
und sah flehend und gleichzeitig hoffnungsvoll zu ihm hinüber.
Sie trug ein langes Kleid, unter dem sich ihr schlanker Körper
abzeichnete. Ihre langen, schwarzen Haare fielen ihr zersaust und
ungeordnet über die Schultern. Ihr schlankes Gesicht war mit Dreck
beschmiert. Sie sah erschöpft und ausgemergelt aus und wirkte auf Ibi,
als irrte sie schon seit Tagen umher.
Ibi wollte zu ihr gehen. Aber er hatte völlig die Schlucht übersehen.
Er musste umkehren und einen anderen Weg suchen.
Als er ging, rief sie plötzlich seinen Namen und fing zu weinen an. Ibi
blieb verdutzt stehen und blickte zurück. 'Sie kennt mich?', schoss es
ihm durch den Kopf. Aber er konnte sich nicht an sie erinnern.
Sie rief noch einiges zu ihm hinüber, doch da bemerkte er, dass sie
nicht seine Sprache sprach. Ibi konnte sie nicht verstehen.

Die Schlucht war länger und tiefer als erwartet. Auf der Suche nach
einem Weg überraschte Ibi die Dunkelheit. Kaum hatte er die Dämmerung
bemerkt. Er musste ein Lager finden, denn es war Neumond.
Eine kurze Zeitspanne später war es bereits finster. Ibi lag unterhalb
einer Felswand auf dem sandigen Boden und blickte zum Himmel mit seinen
mehrtausendfunkelnden Sternen empor. Der Wind blies leicht, es wurde
empfindlich kühl. Ibi konnte nicht recht schlafen und frierte sogar.

Als er so nach einer weiteren ungemütlichen Nacht, in der ihm vieles
durch den Kopf ging, in der er zeitweise einnickte, um dann wieder aus
dem Schlaf zu schrecken, am nächsten Sonnenaufgang endlich die Stelle
des Mädchens erreichte, war sie nicht mehr da. Sein Magen zog sich
zusammen.
Auf dem Stein, auf dem sie gesessen hatte, fand er einige lange,
schwarze Strähnen ihrer Haare. Er wickelte sich einige davon um den
Zeigefinger und fuhr damit unter die Nase. So stand er einige Zeit da.
Dann suchte Ibi die Umgebung ab. Aber es war nicht leicht, eine Spur
ausfindig zu machen. Er war hier in einem völlig felsigen Gebiet. Mit
der Zeit fand der heranwachsende Junge jedoch eine Spur; das Mädchen war
über loses Geröll seitwärts an dem Einschnitt entlang gegangen, von dem
er gestern zu einem Umweg gezwungen worden war. Ibi war von der anderen
Seite gekommen. Er ging den kleinen Mulden nach, die ihre Füße in den
Boden gedrückt hatten. Mit der Zeit wurde die Spur besser. Der grobe
Schutt wich zurück und gab einen Pfad frei. In der schwefelhaltigen
Asche eines Vulkanausbruches sah Ibi die kleinen Fußabtritte des
Mädchens. Es dauerte nicht lange, da bemerkte er, dass ihre Schrittweite
auseinanderfuhr. Sie hatte an dieser Stelle zu laufen begonnen. Der Weg
führte hier leicht aufwärts.
Etwas später bemerkte Ibi einige weitere Fußabdrücke in der Nähe.
Gewarnt blieb er abrupt stehen, suchte mit seinen Augen aufmerksam die
Umgebung ab und lauschte. Auch befragte er seine Nase.
Scheinbar waren hier einige kleinere Gestalten dem Mädchen gefolgt. Ibi
fand insgesamt zwei verschiedene Spuren, die von oben am Berghang
herabkommend auf die Spur des Mädchens fuhren. Neugierig geworden lief
er weiter bis zu einer Stelle, an der der Boden aufgewühlt worden war.
Hier musste ein kurzer Kampf stattgefunden haben. Auf dem grauen Sand
fanden sich auch einige Bluttropfen als dunkel verfärbte Kreise.
Den weiteren Weg musste das Mädchen gestoßen worden sein. Die
Fußspuren waren verwirrend, manchmal sah man den Abdruck eines Körperteiles,
einer Hand oder eines Fußes im Boden, als wäre jemand gestürzt.
An einem plötzlich auftauchenden Abhang blieb Ibi abrupt stehen. Er
hatte sich so sehr auf die Fußspuren konzentriert, dass er einen halb
verwesten, auf einen Holzpfahl aufgesteckten Menschenkopf übersehen
hatte. Dessen lange, dunkle Haare wehten im warmen Wind. Es musste sich
um einen relativ jungen Mann gehandelt haben, der da abgeschlachtet
worden war.
Von einer Gänsehaut überzogen blickte Ibi in ein tiefes Tal hinab, das
bis zur Gänze mit dem Dschungel ausgefüllt war. Nebelschwaden hingen
über den immergrünen Pflanzen. Der abgeschlagene Schädel markierte den
Beginn eines Territoriums. Ibi durfte nicht weitergehen, andernfalls
lief er Gefahr, von den Negritos angegriffen und gefangen genommen oder
gar getötet zu werden.
In dieses entlegene Tal also hatten sie das Mädchen gebracht? Von
woher war sie gekommen? Warum war sie verfolgt worden und weshalb war sie in
Richtung der Küste geflüchtet? Warum hatte Ibi als Einziger ihre
Rufe Über diese weite Entfernung vernommen? Verwirrt stand er da und
blickte lange Zeit nachdenklich über das weite Tal die dahinterliegenden
blau schimmernden Berggipfel an. Wolkenfetzen zogen dahin und verhüllten
immer wieder die Spitzen der höchsten Berge.
Als die Sonne schon weit über den Zenit hinaus war, machte Ibi kehrt
und lief zu der Stelle zurück, wo er das Mädchen auf dem Stein sitzend
gesehen hatte. Dort suchte er nach weiteren Fußspuren, wurde aber bis
zur hereinbrechenden Dämmerung nicht wirklich fündig.

(...)

--
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