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Vielleicht sollte ich doch wieder schreiben ...

Von: kap (kap.geschlossene.dr.fendt@brd.de) [Profil]
Datum: 14.06.2008 19:18
Message-ID: <g30upi$8be$1@news01.versatel.de>
Newsgroup: de.etc.schreiben.prosa de.etc.schreiben.misc
Ist schon einige Jährchen her, aber gerade eben, als ich den Text -
nach langer Zeit - mal wieder las, amüsierte und unterhielt er
mich immer noch recht gut. Tja, das war damals meine Art
"Undergroundliteratur" zu schreiben, als ich mich selbst noch
dieser Szene zuordnete, bis ich merkte, dass sich dort ähnliche
Arschlöcher wie oben tummeln. Die Homepage unter dieser
Bezeichnung behalte ich eigentlich nur aus Sentimentalität.
Hier nun der Text, den sicher einige noch kennen:

Cherchez la femme

Ich jagte den geklauten Opel Diplomat über die Autobahn, während uns die
Stones ihr HONKY TONK WOMEN in die Ohren brüllten. Neben mir saß Hanky,
er hatte die Augen zu und war ziemlich weggetreten. Auf dem Rücksitz zerrte
Franco Rita den Pullover über den Kopf. Die Schlampe half ihm kein bisschen,
als er hektisch an ihrem BH herumfingerte - im Gegenteil, sie klammerte sich
wie eine Ertrinkende an ihn und saugte sich an seinen Lippen fest. Wieso
hebelt ihr der Gaskopf nicht einfach den BH über die Titten, fragte ich mich
erstaunt.

»Charly, schau auf die Fahrbahn, und gib Stoff. Wir müssen den Bruch
spätestens um Zwei landen. Die ersten Buddler trödeln gegen Vier in der
Spedition ein», ermahnte mich Hanky, ohne jedoch die geringste Unruhe
erkennen zu lassen. «Weißt du, diese kleinen Einbrüche sind doch
eigentlich
gequirlte Scheiße ...«, sagte er nachdenklich und streckte mir die glimmende
Wundertüte hin. Ich nahm einen tiefen Zug und spürte sofort die Wirkung. Der
Schwarze Afghane war allererste Sahne, anders als die getrocknete
Kamelscheiße, die wir sonst qualmten. Eigentlich, fühlte ich mich sauwohl,
nen geilen Hobel unterm Arsch, gute Songs und erstklassigen Stoff. Was
wollte ich mehr? Nur Hanky nervte, er hatte eindeutig seine gefürchtete,
philosophische Phase drauf - wie immer, wenn er stoned war - und quatschte
dauernd langweiliges Zeugs. Kaum dachte ich daran, ging's auch schon weiter:

»... aber Loser wie wir haben keine andere Wahl, entweder reißen sie sich,
für ne Sozialwohnung und n Mofa mit Hänger, auf dem sie ihr Oettinger heim
karren, den Arsch als Hilfsarbeiter auf, oder sie riskieren Knast.«

Ich schaute auf die Uhr, OH! Verdammt knapp. Ein Blick auf den Tacho, die
Nadel zitterte in der Gegend um Zweihundert herum. Der V8-Motor, mit seinen
240 PS, konnte mehr. Ich trampelte das Gaspedal bis zum Bodenblech durch,
mein Diplomat fraß die Autobahn - Franco Ritas Titten, dennoch hätte ich
für
nichts auf der Welt mit ihm tauschen wollen.

»Der Mist fing bei uns schon an, als wir noch Babies waren«, tanzte Hanky
weiter auf meinen Nerven herum. »Damals zwängte man uns in gebrauchte
Strampler. Danach fuhren wir gebrauchte Dreiräder, und unsere Tretroller
taugten auch nix. In der Schule mussten wir gebrauchte Bücher lesen. Später
gurkten wir mit gebrauchten Fahrrädern herum. Und was machen wir heute?«

Hanky sah dem Rauch nach, der in Spiralen von der Tüte aufstieg (was für
eine Verschwendung), dann deutete er mit dem Kopf nach hinten und fuhr fort:
Heute vögeln wir gebrauchte Schlampen wie Rita.

»Klar, Hanky, aber im Moment schlaucht es mich mehr, dass Silvestermorgen is
und ich nur noch die Mücken für ne Currywurst in der Tasche hab. Der Bruch
muss einfach klappen. Meinst du, ich hab Lust, mir heute Abend das Feuerwerk
vom Balkon meiner Mutter aus anzusehen?«, antwortete ich. Auf dem Rücksitz
stöhnten Rita und Franco im Duett. Im Rückspiegel sah ich seinen Arsch
hektisch auf und abwippen. Es begann nach heißer Möse und Ficken zu muffeln.
Am liebsten hätte ich die Fenster aufgemacht, aber dann wäre Franco die
eiskalte Luft mit 220 Sachen über die nackten Arschbacken gesaust. Ich nahm
den Fuß vom Gas, streckte Hanky die Hand fordernd entgegen und verschluckte
vor lauter Gier fast den Joint.

»Ja, der Tip geht schon in Ordnung, stammt direkt von nem Trucker, sie haben
alle Schließfächer, in denen heute der Spesenvorschuss für den ganzen
Januar
drin ist. Die Malocher kommen oft spät in der Nacht zurück und müssen
morgens wieder los, bevor das Büro besetzt ist. Der Schotter und ihre
Tourenpläne werden immer am Monatsende in diesen Geldfächern gebunkert,
dafür sind sie ja da.«

»Verdammt, Hanky, langsam glaub ich wirklich dran, dass wir noch im letzten
Moment Silvester retten können.«  Ich schaute zu ihm, anscheinend war er mit
seinen Gedanken schon wieder ganz woanders.

»Rechne dir doch mal zusammen, wie viel Zeit so ein Arbeiter tatsächlich
lebt«, trieb mich Hanky fast zum Wahnsinn. »Ein Maurer schuftet jeden
Arbeitstag mindestens zehn Stunden. Fürs Scheißen, Rasieren, Duschen,
Zähneputzen, Anziehen, die Fahrt zur Arbeitsstelle und das bekloppte
Rumsitzen im Bauwagen, während der Mittagspause, gehen sicher zwei Stunden
drauf. Das sind zwölf Stunden pro Tag. Damit er überhaupt die beschissene
Maloche aushält, muss er acht Stunden pennen. Das ist doch kein Leben.«

Hanky pfiff sich wieder ne volle Ladung ein und philosophierte dann
weiter: »Weißt du, unser Leben läuft sozusagen im Zeitraffer ab, wenn wir
im
Knast sitzen, sind wir tot, dafür leben wir aber draußen intensiv und
vergeuden keine Sekunde für nen beschissenen Job. Sagen wir mal, die Bullen
fischen uns in zwei Jahren und der verfickte Richter drückt uns einen oder
zwei Kalender rein, dann haben wir trotzdem schon mit Zweiundzwanzig mehr
erlebt und gelebt als ein Maurer mit Sechzig.«

»Jaja, Hanky.«

Zum Glück stöhnten die Zwei auf dem Rücksitz jetzt so laut, dass Hanky mit
dem Geschwafel aufhörte und sich umdrehte. Ich schaute wieder in den
Spiegel. Francos behaarte Arschbacken wippten wie irre. Ein wilder
Lachanfall schüttelte mich. Hanky prustete auch los. Die Tränen liefen uns
runter. Ich war blind, lenkte die Kiste auf Verdacht. Bei dem Gedanken an
unseren geklauten, nach heißer Möse und Haschisch stinkenden Diplomat, in
dem sie vorne lachten und hinten fickten wie die Blöden, mit dem kaputten,
bekifften, halbblinden Typen am Steuer ging die Scheiße von neuem los.
Ich erstickte fast vor lachen. Der Stoff fetzte fürchterlich rein!

»Jaaaaa ... jaaaa ... jaaaaa ...«, feuerte inzwischen Rita ihren Lover an.
Das heizte Franco zu sehr ein; er röhrte wie ein Hirsch und spritzte ab.
Kurz darauf jammerte Rita in der Gegend herum. Ich drehte die Stereoanlage
lauter, doch das half nur gegen das Stöhnen. Durch den Gestank im Auto,
schnappte ich verzweifelt nach Luft.

»Rita, hat dir schon mal jemand gesagt, dass man Mösen waschen kann?«,
fragte ich und drückte auf den Knopf des elektrischen Fensterhebers.

»Das gilt natürlich erst recht für frisch gefickte Fotzen. Ab zur
nächsten
Tankstelle und den Hochdruckreiniger in das Ding«, setzte Franco noch einen
drauf.

Wir lachten schon wieder wie blöd, und Hanky bekam einen Hustenanfall. Rita
wurde stinksauer, besonders auf Franco, der sie doch eben erst - und mit
größter Wonne - vögelte.

»Ihr verdammten Schweine!«, schrie sie uns an.

Ich schaute in den Rückspiegel und erschrak vor Ritas hasserfüllter Fratze.

»SO, DAS REICHT!« Hanky hatte die Schnauze voll. »Am Zubringer
schmeißen
wir die Schlampe raus und brettern dann sofort zur Spedition Schwenker«,
sagte er knapp.

»Das könnt ihr doch nicht machen, wie soll ich denn heimkommen?«,
jammerte Rita.

»Franco, drück ihr nen Fünfziger fürs Taxi ab, schließlich hast
du sie
gefickt.«

»Du tickst wohl nicht richtig! Einen Fuffi ist der Fick nicht wert.«

Rita fing an zu heulen.

»Verdammte Scheiße ... Charly, halt da vorne auf dem Seitenstreifen.«

Hankys philosophische Phase war eindeutig zu Ende.

»Hanky, meinst du nicht, dass wir Rita doch heimfahren ...?«
»HALT AN!«

Hanky stieg aus und riss die Tür bei Rita auf.

»RAUS!«

»Aber ... Ich hab keine Jacke dabei, und es is doch saukalt.«

»RAUS!«

Rita tat mir wahnsinnig leid, als sie Rotz und Wasser heulend aus dem Auto
stolperte. Wieso sagte aber auch Franco nichts? Schließlich hatte er sie
doch gebumst. Trotzdem wog schwerer, dass es schon Zwei war - uns lief die
Zeit davon. Spätestens, als wir bei der Spedition Schwenker mit dem
Wagenheber die Gitter vor dem Fenster auseinander bogen, hatte jeder von uns
Rita vergessen. Franco stand Schmiere, Hanky und ich stiegen ein und wurden
sofort von einer dicken, Stahltür gestoppt. Sie trennte uns von den
Schließfächern mit dem Lobi.

»Scheiße, für die Stahltür brauchen wir Alfons. Geh zu Franco und
sag ihm,
dass er Alfons holen soll. Aber beeil dich, verdammt noch mal«. Ich wetzte
los.

»Franco, wir stehen vor ner Stahltür. Hol Alfons aus dem Kofferraum.«

Franco zog ab. Zwei Minuten später war er zurück und gab mir Alfons. Was
hatte uns dieser speziell geschliffene Baupickel schon für Patte beschafft.
Wenn man Alfons ansetzen konnte, dann wuchtete man mit ihm, durch die
Hebelwirkung, sogar mittlere Tresore auf. Ich raste mit Alfons zu Hanky. Es
war wie immer: Hanky bereitete mit dem 8er-Schraubenzieher die Sache für
Alfons vor - der machte lässig den Rest. Vielleicht hemmte die Stahltür ja
tatsächlich Einbrecher, Alfons hemmte sie aber nicht. Innerhalb von zehn
Minuten hing die Spezialtür nur noch halb in den Angeln - eine Zigarette
später, war sie ein Fall für den Schrottler. Hanky setzte Alfons am ersten
Schließfach an, packte ihn am Holzstiel, Alfons streckte sich, und ... WUPP!
Das Fach war offen. Wir glotzten gierig rein und sahen zwei Umschläge. Ich
riss den ersten auf, Hanky machte gleich mit Alfons weiter. Im Licht der
Taschenlampe las ich, dass Hubert Wiegering 3000 Mark brutto verdiente. Die
Karte gab mir dann den Rest: Ein Gutes Neues Jahr wünscht Ihnen, lieber Herr
Wiegering, die Geschäftsführung, gezeichnet: August Schwenker. Nicht eine
müde Mark!

»SCHEIßE!«
»WIE VIEL?«, fragte Hanky, während er mit Alfons Fach Nummer Zwei, Drei
und
Vier aufbog.
»3 Mille.«
»WAS?«

Hanky wuchtete Schließfach Nummer Fünf, Sechs und Sieben auf.
»Hubert Wiegering verdiente im Dezember dreitausend Mark brutto. Verdammt
noch mal, ne verschissene Abrechnung und ne Neujahrskarte sind alles, was
uns der Bruch bis jetzt einbrachte, Hanky.«
»Mach weiter!«, war alles, was er mir antwortete. Hanky ließ sich nicht
aus
dem Konzept bringen. Meine Hände schossen ins nächste Fach.

»WOW!«
»HÄÄHH?«

Ich zählte schnell die Scheine durch und streckte sie dann triumphierend in
die Höhe. »YAAEEHHH! Hanky, n Riese.«

Wupp! Wupp! Wupp! Hanky arbeitete im Akkord, und ich kam fast nicht mit dem
Einsammeln der Geldumschläge nach.

»Mensch, Hanky, noch mindestens 50 Fächer, wenn in jedem zweiten ... Heute
Abend kübeln wir Roederer bis der Arzt kommt.«
»Worauf du einen lassen kannst. Diese Silvester wirst du nie vergessen.«

Hanky hatte Recht. Das Feuerwerk war wirklich spitze. Ich konnte alles
sagenhaft gut sehen. Zelle Vierundsechzig lag im obersten Stockwerk des
Westflügels. Franco hatte im Ostflügel ebenfalls einen Logenplatz. Lediglich
Hanky sah im Erdgeschoss nichts als die graue Knastmauer der Freiburger
Justizvollzugsanstalt, aber das geschah ihm ganz recht, schließlich hatten
wir nur wegen ihm Rita nicht heimgefahren.

© 2002 by kap

Mehr auf: www.undergroundliteratur.de


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