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Wer über diesen Text stolpert, werfe den ersten Stein

Von: kap (kap.geschlossene.dr.fendt@brd.de) [Profil]
Datum: 16.05.2008 20:37
Message-ID: <g0kka6$6s0$1@news01.versatel.de>
Newsgroup: de.etc.schreiben.prosa de.etc.schreiben.misc
Wenn ich mit meinem Rollator, Marke "Ideal", auf geräuschlos
dahingleitenden
Gummirollen links herum, sorgsam bedacht, nirgends anzuecken, die
Stolpersteine umfahre, gedenke ich, voller Respekt, jener Kameraden,
die ihr Leben aufs Spiel setzten und sich dem verbrecherischen Regime
widersetzten, indem sie durch eine Flucht, deren Scheitern von vornherein
feststand, auf ein berauschendes Abenteuer verzichteten. Bewundernswert!
Wir hingegen ließen uns durch den zu erwartenden Spaß korrumpieren.
Durch das sexuell stimulierende, weil Macht und brutalste Gewalt verheißende
Rasseln der Ketten unserer Tiger. Durch das Dröhnen der 700 PS starken
Maybach, hinter schützendem Stahl. Durch den Kick, nicht zu wissen, ob er
dies auch wirklich tun würde. Durch den erregenden Adrenalinstoß, der uns
schüttelte, wenn ein Volltreffer ihn und die Kameraden nebenan zerriss. Oft
hatten wir das Glück, trotz des Schlachtenlärms, die Schreie der Verwundeten
hören zu können, die nicht mehr rechtzeitig aus ihren brennenden Wracks
herauskamen. Jeder von uns schiss auf seine Familie. Ich kenne keinen,
der auch nur einen Augenblick an seine Frau und Kinder dachte, der sich
lieber zuhause gelangweilt hätte, anstatt schießend und fickend quer durch
Russland zu rasen, im Interesse der Lebensraumgewinnung. Jesus Christus,
diese Nataschas, Anuschkas ... Kaviar, Wodka, Krimsekt und danach,
sturzbesoffen, das lustige Tontaubenschießen auf die Konservenbüchsen
des Iwan, die T34, mit unserer 75-mm. Es war ein Heidenspaß, und
wir genossen ihn! Das ist aber nur einer der Gründe, warum mein Name
auf keinem der Stolpersteine steht. Wir waren alle, im Gegensatz zu den
auf den Stolpersteinen verewigten Helden, Freiwillige, überzeugte
Nationalsozialisten, Parteimitglieder. Ich hatte die Mitgliedsnummer 8,
Kurt Stein, dem es bei Kursk die Eier samt Oberschenkel wegriss -
was haben wir gelacht, Kurt allerdings doch ein wenig gezwungen,
die Nummer 10 ... Selbstverständlich waren wir auch alle, bis ins letzte
Detail, über die Vorgänge in Auschwitz, Treblinka, Birkenau u.s.w
eingeweiht. Eingeweiht und einverstanden. Während der Gefechtspausen
fanden regelmäßig Filmvorführungen statt, und Fachreferenten zur
Endlösung
der Judenfrage beantworteten unsere Fragen ausführlich. Anschließend
wurde über weitere Maßnahmen abgestimmt. Das Ergebnis dieser
Abstimmungen beeinflußte gravierend die Entscheidungen des Führers.
Das ist meine Schuld. Meine übergroße Schuld.

Umso mehr bewundere ich diese Helden, die ganz sicher die Aussage
des Führers kannten: "Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben".
Diese Helden wussten also, was auf sie zukam. Keiner von ihnen machte
sich vor, dass ihn weder Gestapo noch die Feldgendarmerie erwischen
würden. Die Sachlage war eindeutig: Auf der einen Seite lockten
Kameradschaft, Abenteuer, Spaß, Respekt, Ansehen und Orden,
Ficken, Fressen, Saufen und Feuerwerke der Superlative, der Preis
dafür war die nahezu ausgeschlossene Möglichkeit dabei zum Krüppel
geschossen oder sterben zu können, auf der anderen Seite drohten
Ächtung, Verfolgung, Festnahme, Verurteilung und die Gewissheit,
für diese heldenhafte Tat sterben zu müssen.

Tja, und somit lese ich Inschriften wie diese auf den Stolpersteinen mit
größtem Interesse:

"Walter Boldt
geboren 7. November 1908
Kutscher und Gastwirtsgehilfe
Linienstraße 223, heute Platz vor der Grünfläche zwischen
Linienstraße 223a
und Alte Schönhauser Straße
am 12.9.44 erschossen wegen Fahnenflucht

Hier stand das Haus, in dem Walter Boldt wohnte, geb. 7.11.1908. Walter
Boldt war Schlosser, dann arbeitete er als Kutscher und Gastwirtsgehilfe. Er
liebte Männer und lebte zudem von Männerbekanntschaften, weshalb er 1941
verhaftet und verurteilt wurde. Die Strafvollstreckung übernahm die
Wehrmacht, die ihn zunächst in Wehrmachtsgefangenenlager inhaftierte und im
März 1943 zur "Frontbewährung" einsetzte. Dem wurde kurz darauf
widersprochen: Als homosexueller "Hangtäter" sollte er aus der Wehrmacht
ausgeschlossen werden, eine Überstellung an die Polizei und die Einlieferung
ins KZ wäre die Folge gewesen. Walter Boldt flüchtete - und wurde ergriffen.
Wegen Fahnenflucht wurde er vom Kriegsgericht Liegnitz zum Tode verurteilt
und am 12.9.44 erschossen",

während ich sie mit meinem Rollator, Marke "Ideal", auf geräuschlos
dahingleitenden Gummirollen links herum, sorgsam bedacht, nirgends anzuecken
umfahre - was nicht einfach ist, da es inzwischen von den Dingern überall
nur so wimmelt, und schlurfe demütig ins nächste Abteil, wenn ich als
"Alter Nazi" bezeichnet werde, weil ich einen Jugendlichen bat, mir
den Behindertenplatz in der Straßenbahn zu überlassen. Er hat ja Recht.
Nur manchmal denke ich: Wenn sie Kurt Stein im Kursker Bogen nicht die
Eier abgeschossen hätten und meine noch ihre ursprüngliche Größe
besitzen würden ...

Sicher, ich könnte mir durchaus eine Apotheke, in einem anderen,
weniger multikulturellen Stadtteil aussuchen, die leichter anzusteuern ist,
aber ich liebte schon früher diesen Adrenalinstoß bei Gefahr.

kap
--
www.undergroundliteratur.de



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