Geschichte zum Trost
Von: Eva Bekker (bekker@t-online.de) [Profil]
Datum: 18.05.2008 10:34
Message-ID: <g0opng$9e2$02$1@news.t-online.com>
Newsgroup: de.etc.schreiben.prosa
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Freunde Es war eine dieser Nächte gewesen, weißt du, so eine, die uns müde und erschöpft in den Tag entlässt. Schlaflose Stunden zwischen kühlen Tüchern, Einsamkeit und vielleicht Sorgen hindern uns daran, hinüberzugleiten in jenes Reich, da der Traum leicht und die Welt friedlich ist. Also warten wir sehnlichst darauf, dass die Sonne aufgeht und uns das Licht und die Schwingen bringt, die uns durch den Tag tragen werden. Wie gesagt, es war eine solche Nacht gewesen und als endlich der Morgen anbrach, da war weder Licht noch Leichtigkeit in ihm, und Pooroolas Herz war wund. Sie sah aus dem Fenster und stellte fest, dass der Himmel auf die Erde herabgefallen war, dicke Wolken bedeckten Bäume und Blumen. Kein Laut, keine Bewegung. Sie fragte sich, ob die Vögel noch in ihren Nestern schliefen, die kleinen Köpfe versteckt unter den Flügeln, oder ob sie geflohen waren vor dem gespenstischen Nebel, welcher des Lebens Elixir, die Sonne, ausgeschlossen hatte. Schnell zog sie sich an und ging hinaus. Stille, so tief wie man es sich kaum denken kann, umgab den kleinen Garten im alten, alten, tatsächlich uralten Wald. Kein Zwitschern, kein Piepsen war zu hören, nicht einmal das Grunzen und Stöhnen eines umherstreifenden Keilers. Pooroola lauschte zur Beruhigung auf ihr eigenes Blut, das gleichmäßig wie immer durch ihren Körper rollte. Ba-buhm, ba-buhm, ba-buhm sang es den Rhythmus ihres Herzens hinaus. Sie war nicht ängstlich, das war sie nie, aber sie fühlte sich traurig und wünschte sich Gesellschaft. 'Wäre ein kleiner Schwatz mit einem Vogel nicht nett? Oder ein bisschen Lachen mit dem Fuchs?', dachte sie. 'Ich hätte nicht übel Lust, einen kleinen Ringkampf mit dem Bären auszutragen - nur zum Spaß, natürlich!Lustig wäre es auch, mit dem Eichhörnchen Fangen zu spielen.' Aber der alte, alte, tatsächlich uralte Wald stand schweigend. Pooroola strich mit ihrer Hand sacht durch die teifhängenden Äste einer Linde, sie wollte die Blätter zu einem glücklichen Gekicher herausfordern. Aber ach! Sie gaben keinen Ton von sich. Tropfen für Tropfen rollte Tau von den Blattspitzen, fiel zu Boden und sickerte langsam ein. Und wenn auch Pooroola das Tröpfeln nicht hören konnte, so nahm doch den Takt auf und begann leise zu summen. Dann waren auf einmal die Worte da: Hey-hoh, tropf-tropf-tropf fallt mir auf den Kopf Tautropfen kommt herunter! Hey-hoh, tritt-tritt-tritt ich hör meinen Schritt spazier im Wald recht munter! Hoppla! - Was war das? Irgendwo ertönte ein Zwitschern, weit oben über dem herabgefallenen Himmel. Hier und da erstrahlten ein paar Tautropfen und funkelten wie Sterne. Also sang Pooroola weiter: Hey-hoh, piep-piep-piep ich hab den Vogel lieb der so schön kann klingen! Hey-hoh, klapp-klapp-klapp komm zu mir herab dass wir zusammen singen! Da - wer hätte das gedacht? - kam ein kleiner Vogel geflogen, landete auf Pooroolas Kopf und pfiff ein fröhliches Lied. "Guten Morgen, Meister Goldfeder!" begrüßte sie ihn höflich. Weißt du, man muss ja immer höflich sein, wenn man jemanden trifft, aber wenn man so einen freundlichen Vogel wie diesen trifft, dann kann man gar nicht anders als höflich sein. So waren nun also zwei Sänger in dem alten, alten, tatsächlich uralten Wald unterwegs, und ihr freudiges Singen huschte wie der Wind um Sträucher und Bäume. Es rauschte zwischen Büschen, deren Blätter sich erhoben und raschelten. Es stieg auf in die Baumkronen und weckte verschlafene Vögel. Es rollte am Boden entlang und sagte dem Igel, dass es Zeit sei aufzustehen. Und je mehr Pooroola und Meister Goldfeder sangen, um so mehr Tiere, große und kleine, winzige und riesige, erwachten und stimmten mit in das Lied ein. Bald war der alte, alte, tatsächlich uralte Wald hellwach und sang. Und während der Bär vorbeikam und einen kleinen Ringkampf vorschlug - nur zum Spaß natürlich! - und das Eichhörnchen rief Fang mich doch!, die Vögel palaverten und der Fuchs einen Witz machte, erwachte auch die Sonne, weit, weit über dem herabgefallenen Himmel. "Was geht denn da vor sich?", fragte die Sonne sich selbst (du weißt ja wohl, dass es eine Angewohnheit der Sonne ist, mit sich selbst zu sprechen, weil sie immer allein ist - aber das ist eine andere Geschichte!). Aber da sie nicht sehen konnte, was da tief unten geschah, beschloss sie, den Vorhang gewebt aus Nebel und Wolken zur Seite zu ziehen. Wie ein Sternenregen sah es aus, als das strahlende Licht durch das grüne Dach des alten, alten, tatsächlich uralten Waldes brach. Millionen und Abermillionen Tautropfen wurden entzündet, glitzerten und funkelten und - wuwuwuuusch- waren sie verschwunden, einfach so! Siehst du, wenn du allein und traurig bist, hab keine Angst! Sieh dich einfach um - und du wirst jemanden finden, der dein Herz glücklich macht. Und solange du ein Lied hast, das dein glückliches Herz hörbar macht, wirst du Freunde finden. Und ein jeder weiß: Hast du Freunde - hast du Sonnenschein im Übermaß Hast du Freunde - ist das Leben immer voller Spaß. Schönen Sonntag! Eva -- Wer Phantasie aber kein Wissen besitzt, der hat Flügel aber keine Füße. (Chinesisches Sprichwort)[ Auf dieses Posting antworten ]
Antworten
- Lieselore Warmeling (18.05.2008 12:15)
- Eva Bekker (18.05.2008 19:21)
- Ekkard (14.06.2008 23:20)
- Eva Bekker (14.06.2008 21:47)
