Achim H. Pollert: "Herr Meier", sagte Karlchen
Von: profitexter@lycos.com [Profil]
Datum: 08.04.2008 14:54
Message-ID: <97914c34-1935-4534-9244-f15f24d1256e@e10g2000prf.googlegroups.com>
Newsgroup: de.etc.schreiben.prosa
Datum: 08.04.2008 14:54
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Newsgroup: de.etc.schreiben.prosa
Achim H. Pollert: "Herr Meier",
sagte Karlchen
Achim H. Pollert (*) über eine
Debattiertechnik
und ihre Hintergründe
Zugegeben: Karlchen war eine Lachnummer.
Ein bisschen schwammig und welk in der Gesamterscheinung. Er konnte
einem nicht geradewegs in die Augen schauen. Wenigstens nicht lange.
Einer, der sich schwer bemühte, wie das Licht-Double von Bill Gates zu
erscheinen. Dazu so ein groteskes Braun im Gesicht, das auf seiner
verlebten Haut eher zu einem dunklen Grau wurde. Er stank nicht. Aber
er sah so aus.
Karlchen nannte sich Kommunikationsberater. Er sass in einem sündhaft
teueren Büro in gepflegter Stadtlage. Nur gelegentlich machte er sich
im einen oder anderen Medium öffentlich.
Und er hatte zwei Anliegen.
Einerseits sollten ich und der Rest der Menschheit erfahren, dass er
ein Vermögen von 14 Millionen Schweizer Franken zusammengetragen
hätte. Diesen Betrag hatte er wohl auch schon bei einem Auftritt im
Fernsehen genannt. Diesen Betrag hatte er vor einigen Monaten vor
Gericht genannt, als sie ihn zu seinen Lebensverhältnissen befragten.
Und diesen Betrag nannte er nun auch mir gegenüber. Mehrfach.
Unbedingt sollte ich glauben, was für ein reicher Mann er doch wäre.
Immerhin. Gemessen an normalen bürgerlichen Verhältnissen.
Und das andere Anliegen betraf das Problem, das Karlchen mit dem
Selbstwertgefühl in meiner Gegenwart hatte.
Geradezu physisch spürbar war, dass er mir nur allzu gerne auf
gleicher Höhe in die Augen geschaut hätte. Und fast greifbar war sein
Leiden darunter, dass ihm das nicht gelingen wollte. Flüchtig die
blinzelnden Blicke, die dann immer wieder nur ausweichen konnten.
Dazwischen dieses "Anschauen ohne Anschauen", also dem Blick nicht
auszuweichen, sondern ihn auf die Stirn oder das Ohr zu richten, so
dass er wohl am Auge vorbei, aber doch irgendwie gerade heraus schien.
Ob Karlchen zitterte, weiss ich nicht.
Zu sehen war, dass er während der Unterredung schwitzte. Und natürlich
erging er sich in übelstes allgemeines Gelaber, von den Deutschen, die
von Natur aus besser Deutsch können als die Schweizer, von den
Amerikanern, die von Natur aus dümmer sind als Europäer. Und davon,
dass die Grossbanken sich von ihm ihre Jahresberichte schreiben
liessen.
Und dergleichen.
Das Dilemma
Karlchen steckte in der Klemme. Einerseits hatte er mich zu diesem
Gespräch eingeladen auf Grund dessen, was er auf dem Papier von mir
wusste. Seit ich nun aber vor ihm sass, war auf der anderen Seite
jedoch klar, dass eine Zusammenarbeit mit mir nicht in Frage kam.
Schliesslich wollte Karlchen nicht tagtäglich jemandem ganz nah
begegnen, bei dem er den einen oder anderen Selbstzweifel erlebte und
der ihm womöglich die Sache mit dem Vermögen nicht glaubte. 14
Millionen Gründe, um mich abzuwimmeln!
Aber keinen einzigen davon konnte er so ohne weiteres nennen.
Und konkret nennen konnte er auch nichts so recht, da er mich ja
schliesslich zum Gespräch gebeten hatte und auf dem Papier konkret
schon alles über mich wusste.
Ueble Lage also...
Abhilfe kam für ihn schliesslich über mein Aeusseres.
Denn ich war für Karlchen zu dick - nachdem ihm von den tatsächlichen
Gründen nichts eingefallen war, das er hätte sagen können.
Dass ich ihm zu schlau war, konnte er nicht sagen. Auch nicht, dass er
Angst hatte, ich würde ihn durchschauen. Und natürlich auch nicht,
dass ihm irgendwie unbestimmt etwas an mir nicht passte.
Aber aus der Sicht von Karlchen konnte man das mit dick und
Uebergewicht schliesslich immer sagen.
Dick gleich hässlich. Dick gleich asozial. Dick gleich krank. Dick
gleich faul.
Und alle Dicken wollen schliesslich abnehmen - das zumindest das
abschliessende Weltbild von Karlchen.
Aber wie das sagen?
Wie gesagt: Eine Lachnummer. Peinlich dazu.
Aber immer noch stand Karlchen natürlich vor dem Problem, dass er zwar
jetzt wusste, was er mir sagen wollte. Je mehr er vom Fressen und von
der Erwerbsunfähigkeit faselte, desto wohler wurde ihm sichtlich.
So ganz blank konnte er natürlich nicht zu jemandem sagen: "Sie sind
mir zu fett" - zumal wenn er vor dem Betreffenden ja Angst hatte.
Und da kam dann das Versteck hinter dem Zitat.
Und das wiederum erinnerte mich in diesem Augenblick unmittelbar an
eine Argumentationstechnik, die man immer wieder im Umgang mit eher
unangenehmen Typen beobachten kann.
Mit genau der gleichen Nummer, die er jetzt bot, war Karlchen mir
nämlich viele Jahre davor schon einmal an einer Veranstaltung
unangenehm aufgefallen, als er sich für die EU-Integration der Schweiz
stark gemacht hatte.
Er erzählte mir nämlich in diesem Augenblick von "einem guten Freund",
der ihn nach langer Zeit wieder angerufen hätte. Und dieser "gute
Freund" hätte dann am Telefon zu ihm gesagt: "Karl, ich muss dir
sagen, ich habe 30 Kilo abgenommen..."
Richtig.
Nicht ganz zwei Jahrzehnte davor hatte Karlchen an einer Veranstaltung
eben genau dasselbe geboten. Damals hatte er einen "Schweizer
Geschäftsfreund" erfunden, den er ebenfalls so zitierte: "Ach wissen
Sie, Herr Meier, vorerst reicht unser Geld ja noch, dass wir nicht in
die EU brauchen..."
Ich bekam dann noch etwas Prospektmaterial in die Hand gedrückt, das
auf dickem, beinahe kartonhaftem rauhem Papier gedruckt war. Ein
schwammiger, unangenehmer Händedruck.
Der Prospekt wanderte dann gleich in den ersten Abfalleimer auf der
Strasse, und ich war einigermassen schlecht gelaunt für den Rest des
Tages.
Alltägliches Verhalten
Mitgenommen habe ich von dem Termin damals die Erkenntnis, dass es
sich bei diesem Schein-Zitieren um ein sehr alltägliches Verhalten
handelt. Immer wieder begegnen einem solche Gestalten, die von einem
angeblichen Dritten berichten, den sie dann zitieren.
Und zitiert wird immer nach dem Muster, dass sie sich selber
namentlich ansprechen.
"'Wissen Sie, Frau Müller,' hat der zu mir gesagt..."
"'Peter', hat mein Freund da gesagt...."
Es wird also behauptet, jemand anderer hätte dieses oder jenes gesagt.
Diese andere Person wird jeweils nicht näher genannt oder beschrieben.
Das ist "ein Freund", "ein Geschäftsmann" und dergleichen. Noch
lieber
wird dieses Konstrukt dann auch in eine Respektsperson ("ein Arzt",
"ein Top-Manager", "ein Professor" u.ä.) verpackt. Und immer wird
diese - in der Regel erfundene - Person noch einmal so zitiert, dass
der eigene Name dem Ganzen vorangestellt wird.
Hat man als Beobachter diese Debattiertechnik erst einmal beim
Gegenüber erkannt, dann lässt das immerhin Rückschlüsse zu auf die
Persönlichkeitsstruktur des Menschen, der so spricht.
"Ja, da sagte dieser gebildete Herr zu mir: 'Herr Müller, da haben Sie
recht...'"
Jemand, der sich in einer Diskussion so verhält, verfügt zunächst
einmal über KEIN AUSGEPRÄGTES SELBSTVERTRAUEN. Deshalb erfindet er
sich noch eine Legitimation hinzu, indem er sich auf eine ominöse
namenlose Persönlichkeit bezieht. Und um dann aber von vorne herein
noch einmal klarzustellen, dass nicht er selber hier spricht sondern
eben diese anonyme Dritt-Person, muss er noch einmal seinen eigenen
Namen hier vorausschicken.
Ganz wichtig ist dieses "'Herr Meier', hat der zu mir gesagt" - denn
damit weist man von vorne herein schon einmal jegliche
Verantwortlichkeit für das, was jetzt kommt, weit von sich. Und nicht
zuletzt kreiert man vor den anderen Diskussionsteilnehmern auch noch
einen vermeintlichen Verbündeten, der einem ja recht gegeben hat.
Etwa im Stil: "Schau, wir sind ja schon zu zweit! Nämlich derjenige,
den ich zitiere - und ich..."
Und dazu wird dann gerne auch die Selbstaufwertung noch mitgenommen,
der zufolge ja die angebliche bedeutende Persönlichkeit namentlich das
Wort an mich gerichtet oder mich sogar um Rat gefragt haben soll.
Nicht nur ein eher SCHWACHER UNSICHERER CHARAKTER dürfte sich hinter
solchen argumentativen Winkelzügen verschanzen. Vielmehr steht zu
befürchten, dass hier LÜGE UND SCHUTZBEHAUPTUNG stecken.
Denn das Ganze trägt in sich bereits den Zug des LÜGENGEBÄUDES, in dem
Wahrheiten, Halbwahrheiten mit frei Erfundenem und nicht
Ueberprüfbarem zu einem unübersichtlichen Konstrukt kombiniert werden.
Und ein solches "Gebäude" wiederum ist sehr typisch für den analen
Charakter, genauso wie eben auch SELBSTUNSICHERHEIT, ANGEBEREI und
LÜGENHAFTIGKEIT.
Und wer sich diese Zusammenhänge vor Augen führt, wird leichter fertig
im Umgang mit unangenehmen Zeitgenossen.
In der Familie.
Am Arbeitsplatz.
In der politischen Auseinandersetzung.
Sogar im geschäftlichen Gespräch mit Karlchen.
(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Ghostwriter und Fachautor
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