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Nachts

Von: Mondenfeuer (wolfsmond@arcor.de) [Profil]
Datum: 30.01.2008 11:40
Message-ID: <47a05430$0$25378$9b4e6d93@newsspool4.arcor-online.net>
Newsgroup: de.etc.schreiben.prosa
Hallo ihr Lieben,
ich bin erst vor sehr kurzem hier rein geschneit und möchte mit einer
Geschichte von mir meinen Einstand hier "feiern".
Danach werde ich auch gerne eure Geschichten kommentieren. Hier und da
habe ich schon reingelesen, wollte aber zu den älteren Werken noch keine
Kommentare schreiben.

Liebe Grüße

Mondenfeuer




Nachts

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig
war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette
angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch
kleiner wurden.
In aller Seelenruhe wartete er, bis sich die vom Zug aufgewirbelten
Staubkörner legten. Erst als das Letzte seinen Platz im Schotter
gefunden hatte, drehte er sich um und ließ seinen Blick über die
Bahnsteige schweifen. Leer. Noch nicht einmal mehr eine Maus oder Taube
schien wach zu sein. Einzig Blätter und ein paar leere Pappbecher wurden
vom Wind über den Bahnsteig gefegt.
"Umso besser", murmelte der Mann und ließ seine Zigarette zu Boden
fallen. Ruckartig verließ er den Bahnsteig und betrat die Bahnhofshalle.
Auch diese war leer. Kein Wunder, bei einem Drei-Gleise-Bahnhof zu
dieser späten Stunde.
Lächelnd schritt er zum Fahrstuhl, der tagsüber die
Passagiere zu Gleis
3 brachte. Er betätigte den Schalter, der die Türen vom
Aufzug öffnete
und betrat die Kabine. Ehe sich die Türen wieder schließen konnten,
warf
er noch einen schnellen Blick in den Gang der Bahnhofshalle, doch diese
blieb unbelebt.
Er atmete auf und löste vorsichtig die Schalttafel des Fahrstuhls. "Zwei
Klicks hier… und einen dort…" Gebannt betrachtete er
die Schaltung und
zog einen schmalen metallischen Gegenstand aus seiner Manteltasche.
"Dann noch dies hier verbinden…" Vorsichtig werkelte er an den
Schaltungen und verband ein rotes mit einem grünen Kabel. "Wenn ich
nun
noch diese beiden Schaltkreise hier…" Aus dem metallischen Gegenstand
schoss eine kleine Lötflamme und weißer Qualm stieg aus der Schaltung
auf. "Voila!"
Der Mann befestigte die Schalttafel wieder an seinem Platz. Dann
betätigte er die Taste, auf der Gleis 3 geschrieben stand und wartete,
dass sich der Aufzug in Bewegung setzte.
Nach einigen Augenblicken und heftigem Rasseln im Fahrstuhlschacht,
begannen die Lichter zu flackern und die gelbliche Beleuchtung ging aus.
Wenige Sekunden später schalteten sich dafür
bläulich schimmernde Lampen
ein und verzerrte Schatten tanzten über die Wände.
Einen weiteren Tastendruck später setzte sich die Kabine in Bewegung.
Doch sie glitt nicht aufwärts zum dritten Gleis. Die Kabine verschwand
langsam und unaufhaltsam im Boden und sank bedächtig den
Fahrstuhlschacht hinab.
Behände öffnete der Mann die Knöpfe, die seinen
Mantel verschlossen.
Langsam ließ er diesen zu Boden gleiten und dann kam die Kabine auch
schon ruckartig zum stehen. Als sich die Türen geöffnet hatten
trat er
hinaus. Schatten huschten über die Türen des Fahrstuhls und
der Geruch
nach Moder und süßen Blüten stieg ihm in die Nase.
Dichter Nebel hüllte
ihn ein. Und an seine Ohren drang der Klang von rasselnden Ketten und
leise klingenden Glöckchen. Als er genauer hin hörte, konnte er
einzelne
Stimmen in dem Wirrwarr aus Klängen erkennen.
Er lächelte. Wieder einmal waren viele von ihnen gekommen.
Vorsichtig richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und
stieß dabei
fast an die Kante der Fahrstuhltür. Der Klang von reißendem Stoff
bestätigte ihm das Gefühl, dass er bald wieder der Alte sein
würde.
Dann schnellten seine Flügel auseinander und vereinzelte schwarze Federn
lösten sich aus der Pracht.
Der Engel streckte sich und erwartete sehnsüchtig die Ankunft der sich
nähernden Kreaturen.
Wenige Augenblicke später war es soweit. Eine Schar der verschiedensten
Wesen wurde schemenhaft sichtbar. Angeführt wurden diese von einem
Zentaur, auf dessen Rücken ein silberner Fuchs ritt. Dicht gefolgt von
einem Vampirpärchen, sowie trällernden Feen, Ketten
rasselnden
Rattenwesen und vielen weiteren Gestalten.
"Wie ich sehe, hast du wieder einmal deine Aufgabe erfüllt,
Shen." Der
silberne Fuchs kniff die Augen zusammen und betrachtete den Engel, der
vom Schein des Fahrstuhllichts eingehüllt wurde.
"Ja, ehrwürdige Meisterin. Das habe ich." Leicht stolz verbeugte
er sich
vor ihr und sah zu seiner Zufriedenheit, dass die Schar angehalten hatte.
"Nun, es ist an der Zeit. Die Nacht ist bereits weit fortgeschritten."
Die Silberfüchsin bleckte die Zähne und sprang vom
Rücken des Zentauren.
Gewandt stolzierte sie Shen entgegen und warf den Kopf in den Nacken.
Shen trat zur Seite und ließ die Füchsin eintreten.
"Kommt, meine Freunde." Damit betrat sie den Aufzug und die ihr
folgenden Kreaturen taten es ihr gleich.
Shen blieb als einziger zurück. Er war der Wächter der
Träume und er
hatte dafür Sorge zu tragen, dass diese des Nachts unbemerkt zu den
Menschen gelangen konnten und im Morgengrauen wieder in ihr Reich
verschwanden. Würden diese schließlich im Reich der Menschen
verweilen,
würden sie verblassen und zu einer Erinnerung werden, aber sie
könnten
niemals mehr einem Träumenden ihre Geschichten erzählen.
Shen sah den Wesen nach und lächelte. Heute Nacht war eine gute Nacht
und den meisten von ihnen würden die Menschen in ihren
Träumen begegnen.
Er lehnte sich an die Wand des Ganges und wartete aufs Morgengrauen.

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