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Kassia

Von: Emsie (malis.siemens@ewetel.net) [Profil]
Datum: 07.11.2007 23:34
Message-ID: <fgte9h$sne$1@news1.ewetel.de>
Newsgroup: de.etc.schreiben.prosa
KASSIA  oder Die Treppe oder 12 Stunden



Kassia hatte einen besonderen Fang gemacht. Eine dicke, fette Ratte. Sie
schleppte die Ratte fast unverletzt durch das immer halb für sie geöffnete
Fenster in ihr Daheim, das im  Keller anfing. Da würden sich ihre Menschen
aber freuen, über diese Beute, dachte Kassia.

Kassia schleppte die Ratte vor die Mülleimer im Keller. Sie spielte noch ein
bisschen mit ihr und schlug dann zu. Dann hörte sie etwas, einen Ruf ihrer
menschlichen Familie und ließ Ratte Ratte sein.

---

Dunkel war der Blick, mit dem Kassia ihre Familie ansah. Voller Ernst. Offen
und doch verhalten.

Da war Karola, die Zweibeinerin. Und da war Kaha, eigentlich Karlheinz, der
Zweibeiner ... und da war dieses komische schreiende Etwas, undefinierbar
und dennoch, Kassia versuchte sich zu erinnern, an etwas in ihrer
Vergangenheit. Dunkel, so dunkel.

Kassia sprang auf und schlich um die Beine von Kaha. Sie wollte gestreichelt
werden, sie wollte essen. Kaha streichelte sie flüchtig, aber er gab ihr
nichts. Kassia spürte seine geistige Abwesenheit.

Dann war sie wieder alleine mit Karola und dem kleinen Bündel. Karola
weinte. Kassia wollte sie trösten, wie sie es früher, als dieses so oft
schreiende Dings noch nicht da war,  immer getan hatte. Sie sprang auf die
Sessellehne. Karola hatte dieses Bündel im Arm und weinte. Den Kummer konnte
Kassia riechen, Kummer riecht schlecht, der Geruch von Kummer macht Angst.
Kassia stellte eine Pfote auf Karolas Arm. Karola lehnte sich zurück und
schob Kassia weg. Das Bündel entglitt ihren Händen und rutschte langsam von
ihrem Schoß auf den Boden. Dort wimmerte es weiter.

Mit einer gleitenden Bewegung befand sich auch Kassia auf dem Boden und
näherte sich dem Bündel. Verhalten, fast ängstlich. Neugierig und
fluchtbereit. Verwundert blickte sie in ein von der Anstrengung des Weinens
krebsrotes kleines Gesicht, schwer zu definieren für Kassia. Schnuppernd
näherte sie sich, dann glitt ihre raue Zunge tröstend über das Gesichtchen
und sie schnurrte, sanft. Da hörte das Wimmern auf und das Baby beruhigte
sich. Kassia legte sich neben das Wesen und wärmte es.

Dann wachte das Menschenbaby wieder auf. Kassia erinnerte sich dunkel an
drei kleine Kätzchen, die gewimmert hatten und die dann fort waren, einfach
fort, der Kummer, den sie damals gespürt hatte, war wieder gegenwärtig. Sie
wollte dieses Junge beschützen. Sonst würden sie es vielleicht auch
wegbringen und sie würde es niemals mehr wiedersehen.

Es war ein schweres Junges, sehr schwer. Kassia war aber eine große Katze
und stark. Und sie hatte ein Versteck, von dem keiner wusste. Verstecke sind
wichtig, das hatte Kassia schon vor Jahren erkannt, als sie noch kein
Zuhause hatte.

Kassia öffnete die Tür, das hatte sie schnell gelernt, als sie in die
Behausung der Zweibeiner eingezogen war und sie zerrte das Bündel. Da, tief
unter der Treppe, war ein Winkel, der nicht einsehbar war. Dorthin schleppte
sie das kleine Wesen. Zwischendrin wollte sie es einmal aufgeben, weil es so
schwer war. Aber da fing das Bündel wieder an zu wimmern und Kassia
erinnerte sich. Und sie tröstete das Menschenkind mit gurrenden Lauten und
rauer Zunge und zog es mit letzter Kraft in den sicheren Hort.


Als Kaha heimkam, fand er Karola schlafend im Sessel vor. Er lächelte,
deckte sie mit einer Wolldecke zu und ließ sie schlafen. Und dachte, endlich
schläft auch unser Kind einmal und Karola hat Ruhe. Wenn Karel heute Nacht
aufwacht, werde ich aufstehen und ihm die Flasche geben. Und ging schlafen.

Währenddessen schaffte die Natur bei Kassia in kurzer Zeit, was nur Instinkt
und unbegreifliche Schöpfung fertig bringt. Kassia entwickelte Milchdrüsen,
sie wollte das Junge unbedingt säugen. Und sie wusste instinktiv, dass ihr
neues, geliebtes, beschütztes Junges hier nicht wirklich sicher war. Nur
zunächst.

In aller Frühe, am nächsten Morgen, fing das Menschenkind wieder an zu
weinen. Kassia legte sich so, dass das kleine Wesen nach ihr griff und dann,
tatsächlich, eine der Zitzen in den Mund bekam. Es saugte. Und es schlief
wieder ein. Vielleicht war das mehr ein Zufall, oder auch ein Wunder. Und
das Baby schlief, vom Schnurren seiner Pflegemutter sanft eingelullt.

Dann war es hell in der Welt. Kassia hörte, dass Kaha aufstand. Er ging als
erstes ins Wohnzimmer und fand seine Frau schlafend vor. Dann ging er nach
oben und schaute ins Kinderzimmer.

Kassia vernahm den unterdrückten Schrei und duckte sich tiefer in die dunkle
Ecke unter der Treppe. Dann kam er zurück, er nahm drei Stufen auf einmal
und schüttelte seine Frau rücksichtslos, die nur langsam zu sich kam.

"Wo ist Karel? Wo ist Karel?" Kahas  Stimme überschlug fast.

"Was?" Karola erwachte vollends und sah sich um. "Er war doch eben noch
hier. Ich hielt ihn im Arm." Suchend, ungläubig sah sie sich um.

"Er ist weg, fort, verstehst du?" Kahas Stimme überschnappte immer noch.

"Unsinn." Karola antwortete schleppend. Und dann, misstrauisch: "Du willst
mich verrückt machen. Du hast ihn versteckt. Wo ist er, bei deiner Mutter,
bei deiner Schwester?"

Kaha hielt seine Frau auf Armeslänge von sich ab und sah sie mit einem Blick
an, der ausdrückte, dass er glaubte, mit einer Unzurechnungsfähigen zu
reden. Dann stieß er sie unsanft zurück in die Sitzlehne der Couch.

Kaha rannte durch das ganze Haus, er sah in alle Räume.

Währenddessen dämmerte es Karola, dass mit Karel etwas Schlimmes passiert
sein konnte. Sie dachte an ihre Wochenbettdepression ... und sie konnte sich
nicht wirklich erinnern. Sie hatte doch nur dagesessen und Karel die Flasche
gegeben. Sie hatte ihm doch nichts getan. Doch sie hatte keine Erinnerung
daran, ihn in sein Bettchen gebracht zu haben. Sie wurde noch bleicher, als
sie ohnehin schon war.

Taumelnd stand sie auf und wankte ins Kinderzimmer. Da war das unberührte
Bettchen.

Im Flur rannte sie fast mit Kaha zusammen. In seinen Augen stand helles
Entsetzen. " Wo ist Karel?"  Er schrie nicht mehr, er flüsterte.

"Er ist hier, er muss hier sein." In Karolas Augen stand dasselbe Entsetzen.

"Im Keller, wir waren noch nicht im Keller!"

Sie rannten die Treppe hinunter.

"Da, da ist Blut."

Kaha starrte auf eine Blutspur vor den Mülleimern.

"Wir müssen die Polizei anrufen." Karolas Stimme hörte sich tonlos an.

Kaha öffnete einen der Mülleimer nach dem anderen mit Panik in den Augen.
Aber die Mülleimer waren fast leer.

"Ja, rufen wir die Polizei."

Sie gingen wieder in ihre Wohnung. Nicht schnell, sondern mit schleppenden
Schritten.

Da hörten sie es. Ein glucksendes Babylachen.

Und sie fanden ihr Baby. An Kassia geschmiegt, die leise schnurrend das
Junge wärmte. In der dunklen Ecke unter der Treppe.

Die Erleichterung war so groß, dass sie nichts sagten. Sie holten ihr Baby
... Kassia lief aufgeregt neben ihnen her.

Karola und Kaha wechselten gemeinsam Karels Windeln. Sie wärmten ein
Fläschchen und wunderten sich, dass Karel gar keinen Hunger zu haben schien.
Er gluckste und lachte und es ging ihm offensichtlich gut.

Kassia saß neben dem Wickeltisch und passte gut auf.

---


Es war viele Monate später.

Karola ging es wunderbar. Sie und Kaha verstanden sich wieder und Karel war
ein Sonnenschein.

Kassia war fast ständig bei dem Baby. Und Karel krähte und juchzte, wenn er
sie nur sah.

"Sag Mama, mein Schatz." Karola lächelte. "Sag Mama."

Karel schmatzte. Dann lächelte er und sprach sein erstes Wort:

"Miejau" ... sagte Karel und strahlte und freute sich.



Eine Story von Iltschi-Arielle , Oktober 2007


... die Illi ist meine verbliebene Katze, nachdem Fiedje am 14.09.0
verstorben ist.   Mit Grüßen ... Emsie










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