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Tod (Zeit-Myzel 25)

Von: Ekkard (e.brewig@t-online.de) [Profil]
Datum: 17.10.2007 09:41
Message-ID: <ff4ec3$d5p$01$1@news.t-online.com>
Newsgroup: de.etc.schreiben.prosa
Tod, Zeit-Myzel (25)
Talrin kraulte abwechselnd eine der beiden großen Katzen. Zeitweise
schliefen alle drei. Die Telleraugen waren tagsüber ohnehin nicht zu
sehen. Claras Schlange - sie reagierte auf den Namen 'Zar' -
imitierte einen grün bemoosten, dicken Ast über dem Eingang eines
der Pfade durch das Bodendickicht. Clara und ich verarbeiteten die
Jagdbeute: Fleischstreifen wurden in der Sonne getrocknet; Knochen
bekamen die Hundertfüßler, die alle restlichen Fleischanhängsel
sauber entfernten. Die Häute wurden mit Steinen gereinigt und
gewässert. Atros döste halb im Wasser und halb auf dem Strand
liegend. Gelegentlich schnappte er einen Hundertfüßler, der sich
allzu intensiv für die Häute interessierte.

Vor einer der gleißenden Wolken wurde die Silhouette eines weiteren
Drachen sichtbar, der mit zappelnder Beute über unseren See hinweg
zog. Plötzlich löste sich das Opfer. Zu unserem Entsetzen sahen wir
einen Menschen in Richtung See fallen, wie wir an den in der Luft
rudernden Armen und Beinen erkennen konnten. Der Stürzende legte
kurz über der Wasseroberfläche die Arme an und tauchte ins Wasser.

Inzwischen hatte die Flugechse gewendet, segelte dicht über der
Wasserfläche und suchte ihre Beute.

Atros musste unser Entsetzen gespürt haben. Denn er startete und
ging auf Gegenkurs. Wir hielten vor Spannung die Luft an. Der
Anprall der beiden Giganten schien unvermeidlich, doch im letzten
Moment zog der fremde Drache steil nach oben, stoppte dadurch
praktisch in der Luft und sackte mit dem Schwanz voran ins Wasser.
Atros konnte so schnell weder Bremsen noch wenden und entfernte sich
weit von seinem Gegner, bis er wieder an die Stelle kam, wo der
fremde Angreifer und sein Opfer im See paddelten.

Zunächst schwamm der Mensch so schnell, dass ihm die ins Wasser
gefallene Flugechse nicht folgen konnte. Doch dies änderte sich von
einem Augenblick zu anderen. Das menschliche Wesen musste ohnmächtig
geworden sein, denn es hörte auf zu schwimmen und verschwand.

In diesem Augenblick wurde auch mir schwarz vor Augen. Ich glaubte
schon, ich sei der Aufregung nicht gewachsen. Ich fühlte mich von
kühlem Wasser umgeben und hatte starke Schmerzen im Bereich meiner
Taille und an den Schultern. Ich spürte förmlich noch den Griff der
Klauen des Ungeheuers. Über mir spürte ich heftige Bewegungen im
Wasser und ein Schatten kam über mich. Alles wurde leicht und ich
wollte nur noch sinken, sinken, sinken . Schade! Ein letzter Gruß an
meine Gefährten, meine Söhne und die Frau an meiner Seite, hätte
mich glücklich gemacht, aber es sollte nicht sein.

Damit stand ich wieder als Wetu Eleanor am Strand und schaute dem
grausigen Schauspiel zu, das sich in einiger Entfernung von uns
abspielte. Das Wasser färbte sich rot, als der Saurier das blutige
Bündel endgültig verschlang. Atros segelte zwar noch über den
fremden Artgenossen, konnte aber nicht eingreifen, ohne sich selbst
zu opfern. Ich hatte ohnehin das sichere Gefühl, dass er mehr stören
als angreifen wollte. Es wäre ihm wahrscheinlich auch gelungen, wenn
das Opfer nicht schon so sehr geschwächt gewesen wäre.

Atros kam zu uns zurück. Der andere schwamm näher. Ich verstand nur
soviel, dass wir uns besser ins Dickicht zurückziehen sollten. Dort
warteten wir ab, was weiter geschehen sollte. "Wenn dir Atros lieb
ist, dann schicke ihn weg!" flüsterte mir Clara zu. "Hier im
Dickicht können uns die Flugsaurier nichts anhaben."

Mein Denken war merkwürdig gehemmt, was ich auf die vielen Eindrücke
zurückführte. Wie durch einen Nebel nahm ich Clara, Talrin und die
Katzen wahr, die sich mit uns vor dem Giganten versteckt hatten.
Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf, vermischten sich mit
meinen Erinnerungen aus der technischen Welt, aus der ich glaubte,
gekommen zu sein. Zugleich spulte sich ein Film ab, der in einer
Savannenlandschaft spielte. Hütten standen dort. Menschen gingen hin
und her. Frauen mit Krügen auf dem Kopf, Männer mit erbeuteten
Tieren an langen Stangen, die sie zu zweit trugen. Paare bei Nacht.
Eine Versammlung von Männern, Beschlüsse. Es war zum verrückt
werden. Chancenlos trieb mein Bewusstsein durch Ereignisse, deren
Herkunft ich nicht einordnen konnte. Etwas Fremdes mischte sich in
alles ein, von dem mein Ich bisher bestimmt worden war. Nur
undeutlich vernahm ich die tiefen, röhrenden Schreie zweier Drachen.
Dazwischen klatschen die nassen Flughäute. Riesige Schwänze
wirbelten Schlamm hoch, der bis zu uns spritzte. Eine Hütte wurde
zerfetzt und ihre Teile verstreut. Etwas traf mich am Kopf.

In einen tiefblauen Himmel über mir ragten Äste, Zweige und Blätter.
Der Zug gleißender Wolken ließ die wuchtigen Bäume stetig auf mich
fallen. Aber sie erreichten mich nicht. Es herrschte Stille bis auf
das Summen einiger Insekten. Dann sah ich das verheulte Gesicht
Claras über mir lächeln. "Unter den Lebenden?" fragte sie. Ich
nickte. Sie saß auf ihren Fersen und hatte meinen Kopf auf ihre
Oberschenkel gelegt. Sie hielt eins der gekauten Blätter, wie ich es
von den Telleraugen kannte, auf eine schmerzende Stelle oberhalb
meines rechten Ohres.

Ich streichelte ihre Wangen und bedeutete, dass ich aufstehen
könnte. Sie half mir hoch und wischte sich die Tränen mit den
Unterarmen ab. Meine Wunde schmerzte, und ich hatte auch heftiges
Kopfweh. Ich dachte bei mir: Gehirnerschütterung! Ich ließ mir
erzählen, was eigentlich passiert war.

Clara und Talrin mussten mit ansehen, wie ihre Hütte von den Drachen
verwüstet wurde. Unser ganzer Hausrat und die Vorräte waren am
Strand verstreut. Talrin und die Katzen waren dabei alles zu sammeln
und in eine Höhle zu bringen, die Clara inzwischen in das Dickicht
geschlagen hatte.

Der Schlagabtausch zwischen den beiden Drachen war kurz und heftig
gewesen. Nun lagen sie friedlich nebeneinander auf dem Strand und
taten so, als ginge sie das Alles nichts an. Vor allem konnte ich
die beiden nicht auseinander halten. Wer von den beiden war nun
Atros? Ich fragte Clara danach. Doch auch sie vermochte keinen
Unterschied festzustellen. Ich versuchte es mit der Vorstellung
eines Schnabel-Wackelns. Beide Drachen wackelten mit den Schnäbeln.
Ich stellte mir einen Drachen vor, dessen rechtes Auge zwinkerte.
Artig zwinkerten sie beide mit ihrem rechten Auge.

Nun stellte ich mir vor, wie die beiden Äste von den umliegenden
Büschen mit ihren Schnäbeln zwickten. Beide bissen Äste ab. Dann
ließ ich die Äste zwischen die noch stehenden kleinen und offenbar
sehr biegsamen Stämme jener Bäumchen in den Boden rammen, die auch
bisher schon Claras Hütte zusammen gehalten hatten. Quer dazu
verflochten die Drachen viele dünnere Zweige und füllten die
Zwischenräume mit dem Sand-Schlammgemisch vom Strand. Die beiden
schufteten und schufteten unermüdlich. Keiner stand dem anderen
nach, und es sah fast so aus, als könnten Drachen von Natur aus
Nester bauen, so geschickt füllten sie meine Bild-Befehle mit
Inhalt. Sie hatten sogar Schilf abgezwickt und zu einer passenden
Matte für einen Fußboden verwebt. Clara hatte darunter und darüber
je eine dicke Lage aus trockenem Gras ausgebreitet. Damit hatten wir
ein recht komfortables Lager für die kommende Zeit.

Es war nicht zu erkennen, wer von ihnen Atros sein könnte. Als die
Hütte wieder stand, dachte ich laut: "Atros, nicken!". Beide Echsen
nickten. "Danke ihr beiden!". Wieder wippten die Schnäbel der
Giganten. Ich muss dazu einflechten, dass ich meine Vorstellungen
normalerweise "leise" dachte, so dass keines der Tiere reagierte.
Wenn ich hingegen "laut" dachte, dann folgten die Tiere oder
antworteten z. B. durch eigene Bilder.

Wie es aussah, hatten wir zwei Drachen namens Atros in unserer
kleinen Gesellschaft. Wenn ich nicht solche Kopfschmerzen gehabt
hätte, wäre ich den Riesen gar nicht mehr böse gewesen; denn sie
hatten nur etwas ganz Natürliches getan. Wahrscheinlich war es sogar
so, dass Drachen prinzipiell sehr vorsichtig miteinander umgingen
und eher die Kooperation suchten - wahrscheinlich auch bei der Jagd.

Mich beschäftigte nur die Frage, wo sie das menschliche Opfer
gefunden hatten. Denn Drachen können nicht in die Wälder eindringen.

Die nächsten drei Tage verbrachten wir damit, unsere Werkzeuge und
Jagdutensilien zu reparieren oder wieder herzustellen. Die Drachen
ließ ich in der Zeit ein spezielles Gras sammeln, aus dessen Fasern
man Seile und Netze machen konnte. In kurzer Zeit hatten wir einen
großen Vorrat. Mit ihren Schnäbeln knabberten sie solange auf den
Gräsern herum, bis nur noch die Fasern übrig blieben. Die Weichteile
in den Stängeln aßen sie einfach. Dass die Flugechsen Pflanzliches
aßen, wusste ich bereits von den Riesenerbsen. Dass sie auch Teile
von Gras vertilgen konnten, war neu.

Clara, Talrin und ich verdrillten nun diese Fasern zu langen Seilen
möglichst gleicher Dicke. Daraus knüpften wir Netze, fast Beutel, in
die wir uns bäuchlings legen konnten. An diese Beutel machten wir
jeweils zwei große Schlaufen.

Ich stellte mir 'laut' vor, wie die Drachen ihren Kopf, den Schnabel
voran, durch diese Schlaufen steckten und uns dann mit in die Luft
nahmen. Folgsam aber vorsichtig steckten die beiden Riesen erst ihre
Schnäbel dann Kopf und Hals durch die Schlaufen und ließen sich
gewissermaßen einschirren. Sie schüttelten sich sogar, damit das
'Zaumzeug' richtig saß. Schließlich war Talrin der Erste, der in so
einem Netz mitfliegen durfte. Allerdings kam er beim Start unter die
Wasseroberfläche und musste für einige Sekunden die Luft anhalten.
So wurde er beim Start, wie bei der Landung richtig nass. Denn
diesmal - und mit der leichteren Nutzlast - startete der betreffende
Saurier vom Strand aus durch das Wasser und landete schließlich auf
die gleiche Weise. Die Sache funktionierte einwandfrei zumal niemand
von uns wasserscheu war. Wir konnten alle tauchen. Solange es so
warm war, wie bisher, waren keine Probleme zu erwarten, im Wasser zu
starten und zu landen.

Sogar Clara gewann nach ein paar Versuchen richtig Freude an der
Fliegerei. Wie sich herausstellte, konnten Clara und Talrin
gemeinsam ein Netz benutzen. Unsere Flieger waren kräftig genug auch
noch mit dieser Last zu starten.

Wenige Tage später wussten wir, dass sich eine Reihe von Seen von
der Savanne, wo Claras Stamm wohnte, bis zur Küste entlang der
Gebirgskette nördlich von uns hinzog. Es war reiner Zufall, dass
Clara nicht schon eher auf einen dieser Seen getroffen war.
Glücklicherweise, muss ich sagen; denn anderenfalls hätte ich noch
viele Wochen über das Dickicht hangeln und klettern müssen.

Eines Mittags, als die aufsteigende Luft unsere Drachen in
schwindelnde Höhen trugen, konnten wir manchmal über die ersten
Gebirgsketten im Norden hinweg sehen. Dahinter verbarg sich ein
gewaltiges weit nach Norden reichendes Bergmassiv, dessen östliches
Ende sich, selbst aus dieser Perspektive, im fernen Dunst verbarg.
Auf einigen der Hochebenen türmten sich mächtige Vulkankegel.

Gleich hinter der ersten Bergkette konnten wir in einem Tal einen
kleinen See mit einem weiß schimmernden Wall oder Wulst darum herum
erkennen. Ein dunstiger Schleier stand über der Landschaft dort -
Wasserdampf?

Ich erinnerte mich an ein Traumbild. Sollte es sich bei diesem See
um eine heiße Quelle handeln? In diesem Falle könnte dieses
Fleckchen Erde unsere Bleibe für die Winterzeit bilden.

Als die Sonne sich neigte und die Aufwinde nachließen, landeten
unsere Drachen und setzten uns vor der nunmehr reparierten Hütte ab.

Clara und ich palaverten um die Wette, ob wir dorthin gehen sollten,
wie wir Nahrung einlagern könnten, ob wir dort die plattfüßigen
Flechtenfresser würden jagen können, und ob wir im Frühling wieder
hierher zurückkehren könnten.

Aufgeschrieben von Ekkard Brewig am 20. August 2007



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