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Re: auf dem Boden der Tatsachen

Von: Karl-Ludwig Diehl (spaceoffice@web.de) [Profil]
Datum: 05.07.2008 17:24
Message-ID: <248675aa-230f-4f57-9073-637b96e82ea3@2g2000hsn.googlegroups.com>
Newsgroup: de.etc.schreiben.lyrik
On 5 Jul., 16:49, "Udo Lindenzwerg" <UnterDenLin...@web.de> wrote:
> Ich bin da schon viel toleranter: In die
> Tonne sollte man keine Personen (=Ratten)
> treten, sondern allenfalls (euere
> bzw. RLs) Texte, die dem desl-Niveau-Fass
> schier den Boden auszuschlagen
> scheinen.

Also: Gewalt gegen Sachen!

Außerdem: desl, ein Faß ohne bottom.

O grausame Welt....
Dichterinnen und Dichter,
leidet !

Vielleicht kommt ihr aber lieber nach
Montabaur, denn hier gibt es eine Ausstellung
"Schwarze Galle, roter Saft" zum Thema
Melancholie, zu finden im
http://www.b-05.org/

Hier mein Text dazu:


Der Baumeister als Genie: die Ambivalenz des
Melancholischen und das ihr innewohnende Potential
außerordentlicher Kreativität


"Mit der Melancholie", so schreibt Oliver Zybok, "sind un-
terschiedlichste Arten von Sehnsuchtsgehalten verbun-
den". (1) Man kann zwischen einer Emotionalität, die von
Resignation geprägt ist, und einer Emotionalität, die Auf-
bruchsstimmung erzeugt, unterscheiden. Es gab eine
Zeit, in der man es liebte, den in sich gekehrten, intellek-
tuellen Künstler, "der an der Welt verzweifelt und keinen
Ausweg findet", als Genie zu bezeichnen. Denn in dieser
vorgenannten Ambivalenz des Melancholischen liegt ein
großes Potential außerordentlicher Kreativität, die plötz-
lich zum Ausbruch kommen kann. Man hatte diesen krea-
tiven Zustand, welcher der Melancholie entspringen kann,
mit den großen Künstlern in einen Zusammenhang ge-
bracht und sprach von "Genie und Wahnsinn", obwohl
wissend, daß Melancholie ein Zustand ist, den eigentlich
jeder kennt. (2)

Der Melancholie innewohnend ist, wenn sie aufkommt,
ein Zustand der Selbstreflexion. Sigmund Freud hatte
diese Selbstreflexion als Weg gelehrt, zur Selbsterkenntnis
zu kommen. Er wandte sie als Mittel seiner Psychoana-
lyse an. (3)

Susan Sontag, die über die Melancholie nachgedacht hat,
meint, sie biete ein Verfahren, die Welt mit ganz anderen
und eigenen Augen zu sehen:

"Je weniger Leben in den Dingen ist, desto mehr erstarkt
das geniale Bewußtsein, das ihnen nachsinnt." (4)

Britta Stinn, die sich mit Susan Sontag auseinanderge-
setzt hat, meint:

"Um ein neues Ganzes erschaffen zu können, muss das
Vorhandene als nicht selbstverständlich und immer revi-
sionsbedürftig erkannt werden." (5)

Dann gelinge es Künstlern, ihre Umwelt völlig zu verges-
sen und ganz in die künstlerische Produktivität einzutau-
chen. Daraus können großartige Dinge entstehen, auch
auf dem Gebiet der Baukunst.

"In diesem Zustand wird sich der Mensch seiner Existenz
bewußt. Er ist in die Welt geworfen und dazu verdammt,
absolut frei zu sein" (6)

Er befindet sich dann in einem Zustand der "eigengesetz-
lichen Produktivität", wie Britta Stinn klug ausführt. Sie
meint auch:

"Positiv kann der entleerte und enteinte Zustand der Melan-
cholie als fruchtbarer Urgrund gedeutet werden." (7)

Man wird also sagen müssen, daß ihm hohe Qualität der
Baukunst entspringen kann, und man wird den Zustand
der Melancholie immer in einem positiven Zusammenhang
mit der Qualität der Baukunst sehen müssen. Melancho-
lie ist jedem Menschen eigen. Dem Zustand können geni-
ale Ideen entspringen, welche die Baukunst weiterbringen.
Das Werk des Künstlers Calatrava, der zugleich Architekt
und Ingenieur ist, kann als Beispiel dafür herangezogen
werden.

Wer sich mit dem Melancholischen auseinandersetzen
will, besuche die Ausstellung "Schwarze Galle, roter Saft",
die sich derzeit im neueröffneten "Kunst- und Kulturzen-
trum b-05" im Waldgebiet nahe Montabaur befindet. Der
magische Ort dieses zugewachsenen Areals ehemaliger
Militärbunker lohnt einen Besuch. Er läßt an die Zeit eines
Novalis und an die Romantik denken, eine Zeit, die tief
in die Biedermeierzeit und in die des Vormärz hineinragt.


K.L.

Der Autor Karl-Ludwig Diehl ist über folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de

Anmerkungen:
(1)-(2) siehe Zitat und weiteren Zusammenhang genauer
bei: Oliver Zyborg: Zwischen Euphorie und Wahn. Melan-
cholie und Gegenwart. 8 Seiten (ohne Seitenangaben) in:
Oliver Zybok (Hg.): Schwarze Galle, Roter Saft. Aspekte
des Melancholischen in der zeitgenössischen Kunst.
Montabaur, 2008. 1.Seite im fortlaufenden Text.
(3) Hinweis bei: O.Zybock, wie vor, 2.Seite im fortlaufen-
den Text; siehe in: Sigmund Freud: Zur Psychotherapie
der Hysterie. (Text vom Jahre 1895). S.49-97 in: Alexan-
der Mitscherlich (Hg.): Schriften zur Behandlungstechnik.
Frankfurt, 2000.
(4) zitiert aus: Susan Sontag: Im Zeichen des Saturns.
Essays. München,Wien im Jahre 1981. S.134
(5) zitiert aus: Britta Stinn: Ein Fellknäuel in Denkerpose.
2 Seiten in: Oliver Zybok (Hg.): Schwarze Galle, Roter
Saft. Aspekte des Melancholischen in der zeitgenös-
sischen Kunst. Montabaur, 2008. 1.Seite in ihrem fort-
laufenden Text.
(6)-(7) zitiert aus: B.Stinn, wie vor, 2.Seite im fortlaufen-
den Text.

Was für den Baumeister gilt, gilt auch für den
Maler, Bildhauer und Lyriker, usw.

Viel Spaß beim Lesen.
K.L.


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