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Re: Stolpersteine

Von: Ralf Schrader (ralf.schrader@gmx.ch) [Profil]
Datum: 10.06.2008 18:42
Message-ID: <6b7p7lF3aq6vkU1@mid.individual.net>
Newsgroup: de.etc.schreiben.lyrik de.etc.schreiben.misc
kap schrieb
>
> Überflüssig. Wenn es stimmt, gilt das logischerweise auch für mich.
> Ich liebe es feiner und hätte mich mit "Stimmt." begnügt. Die
> nachgelieferte
> Bedienungsanleitung ist ein Indiz dafür, dass Du zumindest mich
> unterschätzt.

Mit Sicherheit nicht, wir belieben uns nur anders auszudrücken.
>
> Bei mir stolpern die
> Gutmenschen erst beim letzten Stein über die Tatsache, dass dies nicht
> der erste ist, den sie nicht mehr werfen können, was auf eine ziemlich
> lange Leitung hindeutet. Darin liegt auch noch die Aussage, dass sie erst
> damit aufhören werden, wenn der letzte Stein, dem ihnen heiligen
> Zweck zugeführt wurde und als Stolperstein gesetzt wurde. Solange sie
> noch ausreichend Steine zum Setzen haben, können sie immer wieder einen
> zwischendurch auf einen alten Nazi, bevorzugt Ritterkreuzträger, werfen.

Das hat schon eine gewisse Logik, scheint mir aber zu weit hergeholt. Ich
schätze die Gutmenschen genau so wie Du, halte sie aber eher für
kurzschlüssig als für langleitig. Das sind Schachspieler, die nur einen Zug
weit denken und deshalb gegen richtige Gegner immer verlieren.

> Ich werfe diesen Stein
> ununterbrochen auf all die tapferen Soldaten, die sich in der Endphase
> des Krieges der Roten Armee entgegenstellten, um den Zivilisten noch
> die Flucht zu ermöglichen. Ich werfe diesen Stein ununterbrochen
> auf die tapferen Soldaten, die ihr Leben opferten, um verwundete Kameraden
> zu bergen. Ich werfe diesen Stein ununterbrochen ...

Da entfernen wir uns, weil da eine Komplexität angesprochen ist, die im
Regelfall nicht beherschbar ist. Ich gehe genau _nicht_ davon aus, dass
Menschen ihr Handeln überblicken oder gar steuern können. Der erste Stein,
der erste Schachzug, und dann ist das Konzept ausgereizt. Individuelle
Entscheidungsfähigkeit endet auf der relativ primitiven Ebene des
Psychologischen. Bei komplexeren Zusammenhängen, im Sozialen oder gar im
Gesellschaftlichen spielt die keine Rolle. Kein einziger Nazi, nicht einmal
Hitler, verantwortete das dritte Reich. Die gerne angeführten Beispiele von
Zivilcourage beweisen das. Wäre das Attentat auf  Hitler geglückt, hätte
sich nichts geändert, es ist nur ein auf die 'Volksseele' herunter
transformiertes Metapher.Man kann noch sehr viel Schlechteres darüber sagen,
aber das verkneife ich mir.
>
> Zur Klarstellung: Hier geht es nur um die Stolpersteine für
> Fahnenflüchtige,
> aber hast Du schon mal überlegt, dass die Tatsache, solchen zumindest
> fragwürdigen Individuen einen Stolperstein zu setzten, diese inflationäre
> Anwendung des Ganzen, kontraproduktiv wirkt? Also wenn von mir
> Angehörige im Holocaust umgekommen wären ...

Das Kontraproduktive nehme ich Dir unbesehen ab, korrespondiert zu meinen
Worten. Insofern muss ich meine Erwartungen an Lyrik gelegentlich
überdenken, die kann sich wahrscheinlich nur mit 'menschlichen' Problemen
auseinandersetzen, aber die interessieren mich nicht, Dich offensichtlich
auch nicht.
>
> Tja, Ralf, ich könnte Dir noch zwanzig DIN A4 Seiten Bedienungsanleitung
> schreiben, aber wenn Du es jetzt nicht raffst, dann würde das auch nichts
> nützen.

Ich denke Hans, wir verstehen uns schon und wir können nur auf einer Ebene
kommunizieren, auf der keiner den Anspruch hat, dem anderen etwas
beizubiegen. Steine werfen finde ich Scheisse, ich stehe auf reflektierende
Passivität. Geschichte macht Menschen, Menschen keine Geschichte. Seit einem
Jahr schreibe ich an 2 Kapiteln deutscher Sozialgeschichte, einmal aus der
Sicht von 2107 und einmal aus der Sicht von 2507. Ich reflektiere die
Ereignisse der Woche und versuche mir vorzustellen, wie die in zukünftiger
Geschichtsschreibung gesehen werden, aus dem jeweiligen Abstand. heraus. Und
da bleibt bei den meisten Hauptereignissen nur eine Interpretation, die
unter Ulk zu verbuchen wäre eine nicht zu rechtfertigende Aufmerksamkeit. Es
sind schlicht volle Nullen, die durch die Nachrichten jagen und das wenige,
was wirklich wichtig ist, bleibt geflissentlich verschwiegen. Selbst die
scheinbar grossen Ereignisse, der Irakkrieg z.B., sind keine halbe Seite
wert. Das sind einfach notwendige, unvermeidliche und perspektivisch
sinnlose Phänomene.

Viel wichtiger ist, das in der Phase des ablebenden Kaptitalismus bereits
begonnen wird, grundsätzliche soziale Fehlentscheidungen der letzten wenigen
Jahrzehnte zumindestens auf der interpretierenden Ebene zu korrigieren

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,556807,00.html

Die Auflösung traditioneller Familienstrukturen zum Zwecke der immer
effektiveren Verwertung eines immer kleiner werdenden Teiles des
'Humankapitals'. Die Perversion von Kindererziehung im Sinne von
antiautoritär und partnerschaftlich. Seit wenigen Jahren sind diese
Tendenzen deutlich, nicht in öffentlichen Diskussion, da finden nur
Ablenkmanöver statt. Das ist interessant, nicht der Holacoust, bzw. wenn
überhaupt, der heutige, welche in den Kreissälen stattfindet, besser in der
Vermeidung dieser.

Und wenn ich in dieser Situation ein Liebesgedicht oder sonstwas über innere
Befindlichkeit lese, bekomme ich Fusspilz. Aber das liegt wohl mehr an mir
und das ich temporär an der falschen Quelle gebuddelt habe.

Ralf



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