Eine Wanderung auf dem Aletsch Gletscher
Von: fernsehkoch@googlemail.com [Profil]
Datum: 16.07.2008 10:00
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Eine Wanderung auf dem Alteschgletscher in der Schweiz Author Selzer-McKenzie Das südlich gelegene Plateau der Riederalp oberhalb der Rhone ist nur mit einer Gondelbahn erreichbar. An solchen sommerlichen Traumtagen thront es wie eine großflächige Sonnenterrasse auf fast 2000 Meter Höhe. Von den insgesamt 47 Walliser Viertausendern sieht man von hier aus den „Dom", das „Weisshorn" und heute sogar unver¬hüllt und mä chtig das „Matterhorn". Nicht zu übersehen ist auch die stattliche Villa Cassel, die im Jahre 1902 auf der Alp erbaut wurde. Bergsteiger und Wanderer stehen stets staunend davor. Eigentlich wollte hier einst Hausherr Sir Cassel aus London in der gesunden Höhenluft seine Magenkrankheit auskurieren. Doch der gebürtige Kölner nutzte nicht nur das ausgedehnte Wandergebiet, sondern lud sich auch gerne Gäste in seine 25-Zimmer-Villa. Vom Koch bis zu Proviantgängem und Bergführern waren vor allem die Einheimischen hier angestellt. Davon konnten ganze Famlien gut leben. Schlafen wie ein Murmeltier Auch internationale Berühmtheiten aus Politik-und Finanzwelt machte der beschwerliche Weg von Mörel hinauf auf die Riederfurka nichts aus. Er-warteten sie doch oben angenehme Teestunden, er¬lesene Dinner und beschwingte Der 30-jährige Winston Churchill, der auch später noch mit Ehefrau und Mutter auf die Riederalp kam, schrieb damals begeistert nach Hause: „Ich schlafe wie ein Murmeltier und fühle mich gesund wie noch nie. Nachmittags unternehme ich lange Kletterpartien und abends natürlich vier Partien Bridge und dann zu Bett..." Mit dem Ersten Weltkrieg wurde es still um das Haus auf der Alp. Ernest Cassel gehörte zwar als Finanzberater von König Edward VII. zu den reichs¬ten Männern Englands, doch seine deutsch-jüdi¬sche Herkunft erschien in diesen Tagen nicht jedem mehr opportun. Mit seinem Tod im Jahr 1921 en¬dete eine Epoche auf der Riederalp. „Pro natu die größte private Naturschutzorganisation der Schweiz, nutzt nun die Villa, präsentiert Ausstel-lungen und veranstaltet Seminare. In Studien-wochen werden auch die noch original möblierten Schlafzimmer bewohnt. Ein paar Höhenmeter weiter unten macht sich eine Gruppe Bergwanderer gerade fertig. Die Lunchpake¬te werden in den Rucksäcken verstaut. Jeder packt auch ein kleines schwarzes Säckchen mit Steigeisen ein für die Tour über den Aletsch. Denn nur ein paar Gehstunden von der Riederalp entfernt liegt der mit 23,6 Kilometern längste und mit 117,6 Quadratki¬lometern größte Gletscher der Alpen. Ganze 26,5 Milliarden Tonnen Eis, so schwer wie 72,5 Millionen Jumbo-Jets, schiebt er ins Tal hinab. „Der Blick auf den Aletschgletscher ist einzigartig", versichert Bergführer Art Furrer. „Man steht ober¬halb und schaut auf das riesige Eismeer hinunter. Schon das ist eine Besonderheit, denn in der Regel muss man zu den Gletschern hochblicken." Der sportliche 70-Jährige mit seinem breitrandigen Stetson-Cowboyhut ist Hotelier auf der Alp. In jun¬gen Jahren machte sich der Schweizer Naturbursche als Skiakrobat in Amerika einen Namen. Eismassen fließen talwärts So eine Tour wie heute ist für ihn, den trainierten Bergsteiger, ein Spaziergang. Er gehe mindestens einmal in der Woche auf den Aletsch. „Er wird ge¬speist vom Firn aus der Jungfrauregion, die auf 4000 Meter liegt", erklärt Furrer. Unter dem Gewicht der stets neu gebildeten Eismassen und dem Gesetz der Schwerkraft folgend, fließt der Gletscher wie eine zähe Masse langsam talwärts. Die Geschwindigkeit nimmt nach unten ab. Beim Aletschwald beträgt sie noch etwa 80 bis 90 Meter im Jahr. „Die dunklen Streifen aus Schutt und Geröll, die aussehen wie Kurvenspuren eines riesigen Wagens", so Furrer, „nennt man Mittelmoränen, die beim Zusammen¬fließen zweier Gletscher entstehen." Naturreservat Aletschwald So langsam wird der Weg steiler. Am Abhang wach¬sen nur mehr spärlich Lärchen und Birken. Denn bis ungefähr hierher reichte das Eis um 1856, des-halb der karge Wald. Obwohl der Aletschwald mit den 1000-jährigen Arvenbäumen, den ältesten in der Schweiz, seit 1933 unter Naturschutz steht und ein einziges 410 Hektar großes Naturreservat um-fasst, fasziniert die Bergsteiger momentan nur der Eisriese. Bei jedem wächst die Spannung, endlich das erste Mal ewiges Eis zu betreten. Unmittelbar vor dem Gletscher legt Bergführer Furrer eine Pause ein. „Wir rasten hier, essen und trinken etwas und erle-digen sonstige Bedürfnisse", so seine knappen Anweisungen. In der Gruppe wird es jetzt ganz still. Man ist beschäftigt mit dem Anlegen des Seils und der Steigeisen. Im Gänsemarsch, verbunden durch das Kletterseil, wagt man dann die ersten wackeli¬gen Schritte auf dem rutschigen Untergrund. Ganz schwierige Stellen rauht Furrer mit seinem Pickel etwas auf, macht sie begehbarer. Noch funktioniert das mit den Steigeisen nicht besonders. Ein falscher Tritt, und man nähert sich rasant einer der eisglat¬ten Spalten. „Jetzt nur auf die Schuhe des Vorder-manns schauen", mahnt Furrer und kreuzt über ei- nen ganz schmalen Eissteg. Links und rechts geht's mindestens 20 Meter hinunter. Gefährlich schim¬mert die Gletscherbläue durch, und aus der Tiefe kommt unheimliches Wasserrauschen. Nach einer guten Stunde hat man sich an die Bedingungen und die Ausrüstung gewöhnt. Das Gehen wird rhyth¬mischer und sicherer. Erst jetzt begreift man, dass man auf ewigem Gletschereis geht. Im Jahr 1860 war der Aletsch noch drei Kilometer länger und 200 Meter höher. Benedikt Schnyder. Glaziologe aus Saas-Fee, räumt zwar ein, dass bis 2050 Gletscher in der Größenordnung von drei bis vier Quadratkilometer Eisfläche verschwinden wer¬den. Aber nicht der Große Aletschgletscher, der am Konkordiaplatz, seinem Ursprung, mehr als 900 Meter in die Tiefe reiche. Nach drei Stunden Tour ist der Gletscherrand wieder erreicht. Den Tourengän¬gern werden Nervenkitzel und wackelige Knie eben¬so in Erinnerung bleiben wie diese einmalig bizarre und gefährliche Eiswelt.[ Auf dieses Posting antworten ]
