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Re: Duden unantastbar?

X-FaceVon: Markus Kohm (markus.kohm@gmx.de) [Profil]
Datum: 18.10.2007 18:34
Message-ID: <8118376.eKuAdR3BMi@mjk.komascript.de>
Newsgroup: de.comp.text.tex
Mathias Lindner wrote:

> Er hat euch zu eurer Meinung zu dieser Regel gefragt

Ok, und ich habe meine Meinung gesagt. Soll ich jetzt auch noch meine
Meinung zu seinen Argumenten gegen den Punkt nennen:

> Erstens entspricht es nicht der Sehgewohnheit, einen Punkt hinter der
> letzten Ziffer zu sehen. Wenn ich auf Seite 83 bin und nach oben sehe,
> weiß ich nicht zwangsläufig, dass es noch Teile gibt, wo es eben besser
> aussieht, wenn dahinter ein Punkt steht.

Völlig unerheblich. Oberste Regel der Typografie ist es, gleiches innerhalb
eines Dokuments auch gleich zu setzen. Wenn also eine einzige
Gliederungsnummer in der Überschrift einen Punkt am Ende hat, dann alle.

> Zweitens finde ich es auch dann nicht sinnvoll. Man spricht auch nicht
> "abschnitt erstens-zweitens-viertens", sondern "Abschnitt
> eins-zwei-vier".

Zum einen ist "Abschnitt ein-zwei-vier" in meinem Sprachgebrauch Abschnitt
124. Zum anderen entfällt der Punkt beim Referenzieren ohnehin. Es wird
also "Abschnitt eins-Punkt-zwei-Punkt-vier" gesprochen und genau so macht
es KOMA-Script auch:

\documentclass{scrbook}
\begin{document}
\chapter{chapter}
\section{first section}
\section{second section}
\subsection{first subsection}
\subsection{second subsection}
\subsection{third subsection}
\subsection{referenced subsection}\label{test}
Aha!
\appendix
\chapter{appendix chapter}
See \ref{test} and nothing else.
\end{document}

> Und hinter der letzten Ziffer gibt es eben nichts mehr zu trennen.

Doch. Hinter der letzten Ziffer wird zwischen Nummer und Text der
Überschrift getrennt. Beides sind Teile der Überschrift.

> Selbst bei den Teilen eines Buches sagt man höchsten "Dritter Teil",
> nicht aber "Teil drittens", weil es falsches Deutsch wäre,
Ordinalzahlen
> stehen vor dem Subjekt.

Man sagt auch nicht "Zet-Punkt-Be-Punkt" sondern "zum Beispiel" oder
als
schlechter Rhetoriker vielleicht "Zet-Be". Und während man bei einer
Aufzählung der Art:

1. foo
2. bar
...

von erstens und zweitens spricht wird wohl kaum jemand bei

A. foo
B. bar

von A-tens und B-tens sprechen, sondern von Punkt A und Punkt B. hier wird
im Sprachgebrauch also sogar die Reihenfolge vertauscht(*).

> Übrigens habe ich mal in mein Regal geschaut: O'Reilly und Galileo
> denken auch, dass Punkte sinnlos ('häßlich') sind.

Galileo kenne ich nicht aus Erfahrung. Ich weiß nur, dass es ein Verlag ist,
der sich in erster Linie mit Software beschäftigt. Ich möchte nicht
ausschließen, dass es dort jemanden gibt, der sich besser mit Typografie
auskennt als der durchschnittliche LaTeX-Anwender. Bei Verlagen mit
vergleichbarem Programm, habe ich leider nur ganz selten solche Leute
getroffen, die dann auch noch den notwendigen Einfluss im Verlag hatten.
Vielleicht gibt es dort aber sogar jemanden, der die Entscheidung
hinreichend begründen kann. Ich habe übrigens auch schon Verlage erlebt,
bei denen solche Dinge den Autoren überlassen blieben.

O'Reilly ist kein deutscher Verlag und deshalb ein eher schlechtes Beispiel.
Springer als Deutscher Verlag setzt englische Texte beispielsweise auch
nicht mit englischer Typografie, sondern einer Mischung aus deutscher und
englischer Typografie, beispielsweise beim Gedankenstrich - so steht es
zumindest in den Satzvorschriften an die ich mich jahrelang halten musste.

Übrigens habe ich mal in einem englischen Artikel ein schönes Beispiel
dafür
gesehen, wie nützlich der Punkt sein kann. Dort gab es einen Abschnitt "A
New Statement".(**) Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, dann ist eine
solche Überschrift vor allem wieder ein Argument für Konsistenz. Konsistenz
ist unabhängig von länderspezifischen Gepflogenheiten.

Ansonsten sei darauf hingewiesen, dass ich lange genug mit Verlagen zu tun
habe, um den Glauben, dass Fachbuchverlage Geld in fundierte Typografie
investieren, längst verloren habe.

Ich bleibe dabei: Die DUDEN-Regeln für Gliederungsnummern sind keineswegs
unsinnig. Sie sind eine vertretbare Konvention. Ich sehe keinen guten Grund
von dieser Konvention abzuweichen. Ich halte nichts davon ohne guten Grund
von typografischen Konventionen abzuweichen. Ich rate dazu, ohne guten
Grund nicht von solchen Konventionen abzuweichen. Dokumentierte Regeln
haben dort, wo es darauf ankommt, seine Entscheidungen begründen zu können,
einen weiteren Vorteil: man kann die Quellen benennen und darauf verweisen.
Erklären muss dann eigentlich derjenige, der davon abweicht, nicht
derjenige, der sie einhält. Selbstverständlich: Wenn es der Prof unbedingt
anders haben will, dann gib ihm, was er haben will. Es soll aber auch Profs
geben, die aus der Masse der Herausgeber grauenvoller Layoutvorschriften
hervorstechen. Ich durfte damals die Erfahrung machen, dass es sogar Profs
gibt, die es außerordentlich angenehm finden, wenn sie statt auf einen
Duckmäusers mal auf jemanden treffen, der dem Prof Dinge näher bringt, die
der vorher nicht wusste oder nicht so gesehen hat.

Meine Meinung und meine Ratschläge interessieren ohnehin nicht? Soll mir
auch recht sein, dann fragt nächstes Mal nicht, damit ich nicht versucht
bin, sie aufzudrängen.

Mit der Antwort jetzt zufrieden? Nein? Dann eben nicht. In dem Fall sein
noch darauf verwiesen, dass auch dieses Thema nicht neu ist. Vielleicht
findet sich ja in einem Usenet-Archiv oder im Archiv von TeX-D-L noch das
eine oder andere Argument - egal wofür.

Gruß
Markus

(*) In Wirklichkeit wird nicht vertauscht, sondern etwas entfernt und etwas
hinzugefügt, wie das Beispiel zeigt, wenn man mit

a) foo
b) bar

vergleicht.

(**) In dem Fall war es kein Anhang und tatsächlich hatten die Abschnitte
keine Nummer.

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