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Was sich verändert

Von: alfred mateja (alfred.mateja@gmx.at) [Profil]
Datum: 22.07.2009 06:48
Message-ID: <4e3e2e7d-2ceb-4055-800e-5f3304c6e98e@y19g2000yqy.googlegroups.com>
Newsgroup: de.comm.funk.amateur
War es ursprünglich das Anliegen von Technikern und Radio-Amateuren,
mittels Funk möglichst große Distanzen (Stichwort DX!) zu überbrück
en,
geht der Trend im terrestrischen Funkverkehr seit längerem in eine
ganz andere Richtung.

Durch die technische Beherrschung zunehmend höherer Frequenzen und
ihre tatsächliche Verwendung wurde man mit einem Ausbreitungsverhalten
konfrontiert, das mit der Eigenschaft "quasioptisch" gut
charakterisiert ist: Innerhalb des quasioptischen Bereichs erwiesen
sich diese Verbindungen trotz verhältnismäßig geringer Sendeleistunge
n
als sehr stabil, zuverlässig und von hoher Qualität. Woran es krankte,
waren allerdings die im Normalfall auf diese Weise überbrückbaren
Entfernungen. Um sie
zu vergrößern, wurden von Radio-Amateuren an exponierten Standorten
Repeater/Digipeater errichtet bzw. "Gates" zum Internet geschaffen.
Letztere Entwicklung erreichte ihren ersten Gipfel in der weltweiten
Verbreitung von EchoLink; auf einen zweiten, sicherlich noch
spannenderen Höhepunkt steuern Radio-Amateure derzeit mit dem Ausbau
des weltweiten D-Star-Repeater-Netzes zu.

Durch die Einbeziehung moderner Amateur Radio over IP (ARoIP)-
Technologien wird unser "Hobby" jedenfalls um eine zeitgemäße und
leistungsfähige Spielart bereichert und auf diese Weise auch bei
uns dem Trend zum "Kurz- und Kürzeststreckenfunk" 1) Rechnung
getragen: Amateurfunk, das Medium, mit dem der klassische Radio-
Amateur auf sich allein gestellt weltweite Distanzen überwand, wird
urplötzlich auch zum ganz profanen Werkzeug, um die "last miles" zum
nächstgelegenen "Internet-Gate" zu überbrücken. Und selbst dieses
Werkzeug ist bei EchoLink oder D-Star im Grunde entbehrlich: Es
genügen eine entsprechende Software, ein PC mit Internetzugang und im
Falle von D-Star ein Dongle, um in diese Systeme einzusteigen!

Dass spätestens an diesem Punkt gar nicht so wenige Radio-Amateure
laut aufschreien, ist bis zu einem gewissen Grad verständlich: Die
Relativierung der Funk-Komponente sowie die Verflechtung mit dem
Internet lehnen viele kategorisch ab; diese Entwicklungen überfordern
einfach ihre Auffassung
von einem "unabhängigen" Amateur Radio!

Drei Argumente sind dieser Einstellung entgegenzuhalten:

1 In der Amateur Radio-Geschichte war es niemals von Erfolg gekrönt,
in der Luft liegende technische Entwicklungsschritte verhindern zu
wollen. Erinnern wir uns an die Einführung von Fonie, SSB, FM, Packet
Radio, D-Star usw.: Gegen jede dieser Neuerungen wurde anfangs heftig
polemisiert -
und bereichert nicht inzwischen jede einzelne unsere
"Hobbylandschaft"?

2 Dass Amateur Radio jemals unabhängig war, ist ein Mythos: An manche
Formen der Abhängigkeit (z.B. vom Stromnetz) haben wir uns allerdings
im Laufe der Zeit so sehr gewöhnt, dass wir sie nicht nur tolerieren,
sondern meist gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Insofern wird auch
eine gewisse
Annäherung ans Internet - um mehr als eine "Tunnelung" handelt es sich
bei Amateur Radio over IP (ARoIP) ja nicht - in der Praxis gut zu
verkraften sein.

3 Amateur Radio over IP (ARoIP) stellt eindeutig eine Erweiterung
unserer gegenwärtigen Möglichkeiten dar und reduziert die bestehende
Vielfalt nicht im Geringsten: Selbstverständlich gehört die DX-
Verbindung mittels Kurzwelle weiterhin ebenso zu unserem
Tätigkeitsprofil wie der EME-Kontakt oder das QSO mittels Laserstrahl.
Niemandem soll seine "Lieblingsbetriebsart" genommen oder
schlechtgeredet werden - freilich auch ARoIP-Interessenten nicht!

Veränderung war und wird allerdings sein: Gerade Amateur Radio stellt
ein System dar, das - weil es "lebt" - auf Dauer nicht konstant zu
halten ist. Sensible Radio-Amateure spüren schon jetzt gewisse Trends:
Wenn etwa in Zürich von 190 ansässigen Radio-Amateuren nur noch 38 (20
%) eine
stationäre Amateurfunkstelle betreiben, sollte uns das zu denken
geben. Offenbar wird es in städtischen Ballungsräumen immer
schwieriger, vernünftige Antennen zu errichten, diverse Auflagen zu
erfüllen und ungestört zu funken. Die Probleme steigen dabei
zwangsläufig mit der Wellenlänge
bzw. den Antennenabmessungen und der Sendeleistung. Kurzwelle erweist
sich damit in der Regel als problematischer als UKW, SSB als
anfälliger als FM oder D-Star. Der allgemeine Trend wird auch bei
Amateur-Radio stärker von der weltumspannenden Kurzwellen-
Direktverbindungen weggehen und dafür hin zur höherfrequenten
Relaisverbindung bzw. zu ARoIP. Funk wird langfristig vor allem zur
Domäne mobiler und portabler Stationen werden: Im Gegensatz zum
häuslichen Shack, das - zumindest bei uns - ohnehin standardmäßig ü
ber
Internetanschluss verfügt, sind Mobil- und Portabelstationen ja als
einzige wirklich auf eine drahtlose Anbindung angewiesen...

Längerfristig keine berauschende Zukunft? - Wenn Radio-Amateure in der
überkommenen Vorstellung verharren, Kommunikation dürfe innerhalb
ihres "Hobbys" ausschließlich leitungsungebunden (Funk!) erfolgen,
sieht es in der Tat schlecht aus. Aber der nicht zu leugnende Trend,
von Amateur Radio (im Sinne von Funk) und Amateur Radio over IP
(ARoIP) das jeweils Beste zu nehmen und es intelligent zu verbinden,
lässt auch hier hoffen!

_______________

1 Siehe UMTS, SRD, WLAN, Bluetooth, NFC...



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