Re: Ach, Iwan...
Von: Benedikt Rosenau (rosenau@imperial.addict.de) [Profil]
Datum: 30.06.2008 13:48
Message-ID: <g4ah6k$146j$2@nessy.newsmonster.de>
Newsgroup: de.alt.talk.unmut
Datum: 30.06.2008 13:48
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Torsten Mueller <dev-null@shared-files.de> schrieb unter anderem: > Nur > keinen Schritt zu viel! Warum sagt dem Loew nicht einmal jemand, dass > seine Herren Multimillionaere auch einmal laufen m?ssen, wenn der Ball > mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbeizischt? Das haben sie die ersten zehn Minuten gemacht. Es lief gut, aber sie zogen merkwuerdigerweise kein Erfolgserlebnis aus der Erfahrung, sondern fielen in den alten Trott. Es gibt da eine merkwuerdige Beobachtung aus dem Spiel gegen die Tuerkei, doch dazu spaeter. > Deutscher Fussball ist > seit jeher unflexibler, starrer Stellungskampf, wie einst vor Verdun, > man muss nur hinschauen. Nur, dass man damit heute vielleicht noch gegen > die Osmanen, nicht aber gegen eine Mannschaft auf Weltniveau bestehen > kann. Ja, wer nicht als Hinterwaeldler gelten will, der laestert ueber den deutschen Fussball, gerade als Deutscher. Tatsaechlich gehoert der Fussball der deutschen Nationalmannschaft zu den erfolgreichsten und den besten in der Welt. Ich wiederhole: zu den erfolgreichsten und den besten. Fussball ist ein Defensivspiel. Es ist kein Volleyball, Basketball oder Handball, wo alle naselang gepunktet wird. Tore sind selten. Und gerade, weil sie so selten sind, sind sie umso wertvoller. Deswegen sind Leute, die es schaffen, die defensive Grundausrichtung des Spieles zu knacken, teuer und beruehmt. Die Medien lieben das erst recht. Wer schoen dribbelt, ist ein guter Fussballspieler, das muss ja so sein. Eine gute Mannschaft braucht Stars, denn die Medien brauchen Stars, am besten in der Premier League. Und darauf beschraenkt sich dann das Verstanednis des Spiels. Die Freuden einer funktionierenden Defensive sind den Medien praktisch unerklaerbar. Da geht es auch um komplexe Vorgaenge, die ein Team und keine Einzelstars voraussetzen. Es kann sogar so sein, dass sich die Staerke eines Spielers darin zeigt, wenn er sich so positioniert, dass er nicht zum direkten Einsatz kommt. Das kann man nicht in zwei Minuten fuer die Unterbrechungen zwischen der Werbung zusammen fassen. Und, zack, wird so ein Fussball als haesslich denunziert. Wenn wir uns die anderen erfolgreichen, eben guten Mannschaften der Nachkriegszeit angucken, dann sehen wir zunaechst die Italiener. Deren Fussball ist, man moechte es nicht glauben, noch beruechtigter als der deutsche. Denn sie haben eine funktionierende Defensive wirklich verinnerlicht. So war es ihnen moeglich, den super! duper!! Sturm!!! der Spanier ohne grosse Anstrengung auf null Treffer zu reduzieren, und das, obwohl ihnen zwei zentrale Spieler fehlten. Nebenbei spielen auch die vielgeruehmten Brasilianer gar nicht mal so selten knueppel- harten Defensivfussball. Der Haken am Defensivfussball ist nun, dass es zur Glueckssache wird, wenn zwei defensive Mannschaften, die es wirklich koennen, was selten ist, aufeinander treffen. Da schiesst der eine doch ein Tor, oder es muss ins Elfmeterschiessen gehen. Und daran krankte der deutsche Fussball dieser Dekade. Dennoch ist das kein Grund, darueber, was ihn gut gemacht hat, zu laestern oder gar seine Staerken dem Diktat der Moderne zu opfern. Die Moderne ist naemlich weitgehend eine Mode. Wir erinnern uns. Zur letzten EM hatte sich endgueltig durchgesetzt, dass moderner, guter (tm) Fussball Raumdeckung spielt und natuerlich Stars braucht. Dann kam eine Mannschaft von Bauerntoelpeln, so ganz ohne Stars, spielte Manndeckung mit Libero (vermutlich putzen sie den Arsch auch noch mit den Haenden) und besiegte als Team die modischen Hochglanzmannschaften. Die einzige laeppische Erklaerung all derer, die es wissen und nebenbei gerne ueber den deutschen Fussball laestern, war: naja, man wusste nicht mehr, wie man dagegen spielt. Wirklichkeit gegen Theorie: 0 - 1. Ja, ja, die Griechen sind diesmal frueh ausgeschieden, aber das entwertet die Ereignisse vor vier Jahren nicht. Jetzt zurueck zur deutschen Mannschaft. Dass irgendwas mit dem Mittelfeld nicht stimmt, predige ich seit dem Spiel gegen die Slowakei. Es zeigte sich noch deutlicher nach Erwerb der EM-Qualifikation. Da haben viele Spieler ein gewaltiges Motivationsproblem - Schweini und Poldi allen voran. Vielleicht sind die Guten zu frueh Stars geworden. Ballack hat sein neuer Status ebenfalls nicht genutzt. Doch vermute ich, dass auch dieser Fisch vom Kopf her stinkt. Im Spiel gegen die Tuerkei naemlich gab es mehrere Szenen, wie Loew am Spielfeldrand den Leuten Signale gab: dann wich die Wut der Verzweiflung, und er konnte sich nur mit Gewalt am _Weinen_ hindern. Einmal musste er sich sogar abdrehen, um die Fassung wieder zu erlangen. Das hat einen durchschaubaren Grund: Loew kann die Mannschaft nicht motivieren, und er weiss, dass er es nicht kann. Wenn man beruecksichtigt, dass sein Vorgaenger Klinsmann es mit denselben Leuten geschafft hat, wird klar, bei wem das Problem liegt. Es ist Loew, nicht die Mannschaft. In dieses Bild passt aufs Schoenste, dass es der Mannschaft nicht geschadet hat, als Loew auf die Tribuene verbannt wurde. Schon im Spiel gegen Kroatien zeichnete sich ab, dass die Leute nicht wussten, was sie tun sollen. Das passiert, wenn man zu viele und komplizierte Vorgaben kriegt. Dann haelt man sich zurueck und ueberlaesst es dem Mitspieler, gegen die Vorgaben zu verstossen, um spaeter Aerger zu kriegen. (Es gab andere Teams, die aehnliche Symptome zeigten, um dann von motivierten Mannschaften ausgeschaltet zu werden. Man sehe etwa die Tschechen.). In anderen Worten: dem modern-komplizierten Angriffsfussball wurden die Motivation und der Wille geopfert. Nervositaet und Kompliziertheit ersetzen Entschlossenheit. Wenn es so weiter geht, ist der deutsche Fussball nur noch einer von vielen. So ist das mit der Mode. Benedikt[ Auf dieses Posting antworten ]
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- Andreas Iwanowitsch (30.06.2008 16:08)
- Benedikt Rosenau (30.06.2008 18:50)
- Andreas Iwanowitsch (30.06.2008 22:21)
- Benedikt Rosenau (01.07.2008 10:23)
- Benedikt Rosenau (30.06.2008 19:13)
- G.O.Tuhls (30.06.2008 21:46)
- Mephisto (01.07.2008 06:15)
- Frank Scheffski (01.07.2008 08:30)
