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Re: Ach, Iwan...

Von: Benedikt Rosenau (rosenau@imperial.addict.de) [Profil]
Datum: 30.06.2008 13:09
Message-ID: <g4aeth$11f6$1@nessy.newsmonster.de>
Newsgroup: de.alt.talk.unmut
Torsten Mueller <dev-null@shared-files.de> schrieb unter anderem:
>                                                                  Nur
> keinen Schritt zu viel! Warum sagt dem Loew nicht einmal jemand, dass
> seine Herren Multimillionaere auch einmal laufen m?ssen, wenn der Ball
> mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbeizischt?

Das haben sie die ersten zehn Minuten gemacht. Es lief gut, aber sie
zogen merkwuerdigerweise kein Erfolgserlebnis aus der Erfahrung, sondern
fielen in den alten Trott. Es gibt da eine merkwuerdige Beobachtung aus
dem Spiel gegen die Tuerkei, doch dazu spaeter.


>                                               Deutscher Fussball ist
> seit jeher unflexibler, starrer Stellungskampf, wie einst vor Verdun,
> man muss nur hinschauen. Nur, dass man damit heute vielleicht noch gegen
> die Osmanen, nicht aber gegen eine Mannschaft auf Weltniveau bestehen
> kann.

Ja, wer nicht als Hinterwaeldler gelten will, der laestert ueber den
deutschen Fussball, gerade als Deutscher. Tatsaechlich gehoert der
Fussball der deutschen Nationalmannschaft zu den erfolgreichsten und
den besten in der Welt. Ich wiederhole: zu den erfolgreichsten und
den besten.

Fussball ist ein Defensivspiel. Es ist kein Volleyball, Basketball
oder Handball, wo alle naselang gepunktet wird. Tore sind selten. Und
gerade, weil sie so selten sind, sind sie umso wertvoller. Deswegen
sind Leute, die es schaffen, die defensive Grundausrichtung des Spieles
zu knacken, teuer und beruehmt. Die Medien lieben das erst recht.
Wer schoen dribbelt, ist ein guter Fussballspieler, das muss ja so
sein. Eine gute Mannschaft braucht Stars, denn die Medien brauchen
Stars, am besten in der Premier League. Und darauf beschraenkt sich
dann das Verstanednis des Spiels.

Die Freuden einer funktionierenden Defensive sind den Medien praktisch
unerklaerbar. Da geht es auch um komplexe Vorgaenge, die ein Team und
keine Einzelstars voraussetzen. Es kann sogar so sein, dass sich die
Staerke eines Spielers darin zeigt, wenn er sich so positioniert, dass
er nicht zum direkten Einsatz kommt. Das kann man nicht in zwei Minuten
fuer die Unterbrechungen zwischen der Werbung zusammen fassen. Und, zack,
wird so ein Fussball als haesslich denunziert.

Wenn wir uns die anderen erfolgreichen, eben guten Mannschaften der
Nachkriegszeit angucken, dann sehen wir zunaechst die Italiener. Deren
Fussball ist, man moechte es nicht glauben, noch beruechtigter als
der deutsche. Denn sie haben eine funktionierende Defensive wirklich
verinnerlicht. So war es ihnen moeglich, den super! duper!! Sturm!!!
der Spanier ohne grosse Anstrengung auf null Treffer zu reduzieren,
und das, obwohl ihnen zwei zentrale Spieler fehlten. Nebenbei spielen
auch die vielgeruehmten Brasilianer gar nicht mal so selten knueppel-
harten Defensivfussball.

Der Haken an Defensivfussball ist nun, dass es zur Glueckssache wird,
wenn zwei defensive Mannschaften, die es wirklich koennen, was selten
ist, aufeinander treffen. Da schiesst der eine doch ein Tor, oder es
muss ins Elfmeterschiessen gehen. Und daran krankte der deutsche
Fussball dieser Dekade. Dennoch ist das kein Grund, darueber, was ihn
was ihn gut gemacht hat, zu laestern oder gar seine Staerken dem Diktat
der Moderne zu opfern. Die Moderne ist naemlich weitgehend eine Mode.

Wir erinnern uns. Zur letzten EM hatte sich endgueltig durchgesetzt,
dass moderner, guter (tm) Fussball Raumdeckung spielt und natuerlich
Stars braucht. Dann kam eine Mannschaft von Bauerntoelpeln, so ganz
ohne Stars, spielte Manndeckung mit Libero (vermutlich putzen sie den
Arsch auch noch mit den Haenden) und besiegte als Team die modischen
Hochglanzmannschaften. Die einzige laeppische Erklaerung all derer,
die es wissen und nebenbei gerne ueber den deutschen Fussball laestern,
war: naja, die wussten nicht mehr, wie man dagegen spielt.

Wirklichkeit gegen Theorie: 0 - 1.


Ja, ja, die Griechen sind diesmal frueh ausgeschieden, aber das
entwertet die Ereignisse vor vier Jahren nicht.

Jetzt zurueck zur deutschen Mannschaft. Dass irgendwas mit dem
Mittelfeld nicht stimmt, predige ich seit dem Spiel gegen die Slowakei.
Es zeigte sich noch deutlicher nach Erwerb der EM-Qualifikation. Da
haben viele Spieler ein gewaltiges Motivationsproblem - Schweini und
Poldi allen voran. Vielleicht sind die Guten zu frueh Stars geworden.
Doch vermute ich, dass auch dieser Fisch vom Kopf her stinkt.

Im Spiel gegen die Tuerkei naemlich gab es mehrere Szenen, wie
Loew am Spielfeldrand den Leuten Signale gab: dann wich die Wut
der Verzweiflung, und er konnte sich nur mit Gewalt am _Weinen_
hindern. Einmal musste er sich sogar abdrehen, um die Fassung
wieder zu erlangen. Das hat einen durchschaubaren Grund: Loew
kann die Mannschaft nicht motivieren, und er weiss, dass er es
nicht kann. Wenn man beruecksichtigt, dass sein Vorgaenger
Klinsmann es mit denselben Leuten geschafft hat, wird klar, bei
wem das Problem liegt. Es ist Loew, nicht die Mannschaft. In
dieses Bild passt aufs Schoenste, dass es der Mannschaft nicht
geschadet hat, als Loew auf die Tribuene verbannt wurde.

Schon im Spiel gegen Kroatien zeichnete sich ab, dass die Leute
nicht wussten, was sie tun sollen. Das passiert, wenn man zu viele
und komplizierte Vorgaben kriegt. Dann haelt man sich zurueck und
ueberlaesst es dem Mitspieler, gegen die Vorgaben zu verstossen,
um spaeter Aerger zu kriegen. (Es gab andere Teams, die aehnliche
Symptome zeigten, um dann von motivierten Mannschaften ausgeschaltet
zu werden. Man sehe etwa die Tschechen.).

In anderen Worten: dem modern-komplizierten Angriffsfussball wurden
die Motivation und der Wille geopfert. Nervositaet und Kompliziertheit
ersetzen Entschlossenheit. Wenn es so weiter geht, ist der deutsche
Fussball nur noch einer von vielen.

So ist das mit der Mode.
Benedikt

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